Pfarrer auf Zeit: Ohne den Einsatz ausländischer Gastpfarrer würde vielerorts im Freistaat die Seelsorge längst zusammenbrechen.
Reinhard Marx, der Erzbischof von München und Freising, sagte neulich auf einer Reise durch Bayern: "Priester sind Geschenke Gottes, man kann sie nicht kaufen."Die Katholiken der kleinen Pfarrei "Jesus, der gute Hirte" im schwäbischen Stettenhofen haben sich diese Worte sehr zu Herzen genommen.
Pfarrer Puthuva muss in Meitingen einspringen. (© Foto: Puchner)
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Sie haben Kuchen gebacken und im Pfarrgarten die Tische mit Blumen geschmückt. So heißen sie Pfarrer John Bosco Kiggundu willkommen. Den 43-Jährigen schickte ihnen zwar nicht der Himmel, aber das ferne Uganda. Zur Aushilfe. Denn Stettenhofens regulärer Gemeindepfarrer Georg Schneider braucht dringend mal Urlaub.
Im Gottesdienst sprechen die Gläubigen Fürbitten für Pfarrer Kiggundu. Und damit bei ihm nicht sofort Heimweh aufkommt, musizieren Trommler aus dem Senegal, die die Gemeinde engagiert hat. Pfarrer Schneider sagt in der Kirche: "Ich verabschiede mich für eine gewisse Zeit von Euch." Dann streift er sich das Messgewand vom Körper. Endlich Ferien!
Die Sprache bereitet Mühe
Im August haben vielerorts in Bayern vorübergehend die Pfarrer gewechselt. Allein die Diözese Augsburg hat 100 Pfarrer aus dem Ausland verpflichtet, damit die Kirchen wegen des akuten Priestermangels in der Ferienzeit nicht zusperren müssen.
Was vor mehr als 40 Jahren als Austauschprogramm und Symbol für die Weltkirche begann, ist inzwischen zur Notwendigkeit geworden. Der Kirche hierzulande geht das Personal aus - ohne Hilfe ausländischer Pfarrer würde die Seelsorge zusammenbrechen.
Pfarrer Kiggundu schüttelt Hände. Die Gemeinde kennt ihn schon. Seit 1999 hilft er in den Sommerferien aus. "Ich fühle mich hier wie zu Hause", sagt er. Es ist einer der wenigen Sätze, die ihm ohne Schwierigkeiten über die Lippen kommen. Er hat noch große Mühe mit der Sprache, obwohl ihn die Diözese in Kursen auf seinen Einsatz vorbereitet hat.
Auch Mesner Franz Rees hatte mit ihm schon geübt, wie man die komplizierten deutschen Wörter ausspricht. Rees, 67Jahre alt, sieht wie die meisten Gläubigen geduldig darüber hinweg, wenn er im Gottesdienst nicht alles versteht, was Pfarrer Kiggundu sagt.
Nur einmal, in Kiggundus Anfangsjahren in Stettenhofen, da war es vorgekommen, dass ein Mann seine tote Frau nicht von einem Afrikaner beerdigen lassen wollte. Aber das ist lange her. Rees sagt: "Wer vorne steht, ist Chef. Da spielt die Hautfarbe keine Rolle."
Pfarrer Schneider jedenfalls fährt beruhigt in den Urlaub. Es ist sein erster in diesem Jahr. Seit sich im Nachbarort der Pfarrer in den Ruhestand verabschiedete, ist der 39-Jährige der Seelsorger für 4000 Katholiken. Am Wochenende hetzt er von einem Gottesdienst zum nächsten. "Die Arbeit ist kaum noch zu schaffen", klagt er. Jetzt will er im Urlaub im deutsch-polnischen Grenzgebiet Elche beobachten. "So auf andere Gedanken kommen", sagt er und lockert den Hemdkragen.
Früher sind in den Pfarreien Priester aus Nachbargemeinden eingesprungen. Aber das geht heute kaum noch. Die haben selbst mittlerweile genug zu tun. "Es ist ein Rund-um-die-Uhr-Job", sagt Schneider. Ruheständler, die sonst ausgeholfen haben, fühlen sich schnell überfordert. "Wir können nur noch eine seelsorgerische Grundversorgung aufrechterhalten", sagt Pfarrer Schneider.
Wenn überhaupt. Die Kirche zieht sich aus Personalmangel mehr und mehr aus der Fläche zurück. Auf dem Land müssen die Christen zusammenrücken und sich die wenigen verbliebenen Pfarrer teilen. Überall in Bayern werden kleine Gemeinden zu Pfarreiengemeinschaften zusammengelegt.
Von den 280 Pfarreien im Bistum Eichstätt etwa haben heute schon 120 keinen eigenen Priester mehr. "Es war früh klar, dass es nicht mehr in jeder Pfarrei einen eigenen Priester geben könne", sagt Winfried Röhmel, Sprecher der Diözese München und Freising.
Dabei gehört gerade in Bayern der Pfarrer für die Bürger zu einem funktionierenden Dorfleben noch immer dazu. In der kleinen Allgäuer Gemeinde Wildpoldsried versammelt sich vor der Dorfwirtschaft gerade eine Hochzeitsgesellschaft. Es sind Momente wie diese, in denen sich Bürgermeister Arno Zengerle (CSU) gar nicht vorstellen mag, wie es sein wird, wenn sein Pfarrer demnächst aus dem Pfarrhaus auszieht.
Pfarrer Johnson Puthuva muss nämlich bald wieder die Koffer packen. Der 43-jährige Priester aus Indien hat die vergangenen vier Jahre in Wildpoldsried in der Dorfkirche die Heilige Messe gehalten. Jetzt braucht ihn die Diözese aber in Meitingen, nördlich von Augsburg. Wildpoldsried muss sich künftig einen Pfarrer mit der Nachbargemeinde Betzigau teilen. In Betzigau wird der Pfarrer dann auch wohnen. "Wir versuchen das Beste draus zu machen", sagt Bürgermeister Zengerle. "Begeistert sind wir natürlich nicht." Und auch Pfarrer Puthuva meint: "Ich wäre gerne im Allgäu geblieben."
Reichtum macht bequem
Die Wildpoldsrieder hatten sich gerade an Johnson Puthuva gewöhnt und daran, dass es bei ihm Chai gibt, diesen indischen Gewürztee. Es sitzt in seinem gemütlichen, rustikal eingerichteten Arbeitszimmer und staunt über die Krise der Kirche in Deutschland. "Es ist schon deprimierend, wenn beim Gottesdienst am Sonntag Plätze frei bleiben", sagt er in flüssigem Deutsch.
Anfangs hatte er noch mit Wildpoldsriedern geschimpft, wenn er sie am Sonntag nicht in der Messe gesehen hatte. Aus seiner indischen Heimat, wo er als Missionar gearbeitet hat, kannte er das nicht. Dort, wie auch in den Ländern der Dritten Welt, erlebt die Kirche großen Zuspruch. In Deutschland treten die Bürger reihenweise aus und die jungen Männer wollen nicht mehr Priester werden. "Der Reichtum hier hat die Leute bequem gemacht", sagt Puthuva. "Sie brauchen Gott nicht mehr so sehr."
Bayerns Bistümer sind froh über jeden, der hilft. Gerade einmal 300 Männer bereiten sich in den Seminaren auf das Priesteramt vor. Viel zu wenige. Gottesgeschenke sind eben selten, selbst im Priesterseminar.
(SZ vom 19.08.2008/bica)
Die neueste Antwort
Wenn ich so im Juli die Zeitungen durchblättere sehe ich immer wieder Bilder von Jungpriestern wie sie auf dem gammeligen Perserteppich im Dom zu Regensburg liegen und das Ende ihrer "Meisterprüfung" entgegensehnen, denn der Priesterberuf ist der einzige Beruf, wo die Meisterprüfung bereits vor dem ersten Berufsjahr stattfindet, wie ein Freund einmal meinte.
Was werden die Jungpriester für Aufgaben erhalten? Oft sind es Gemeinden, die von alten störrischen Pfarrern betreut werden und da kommt ein junger Kaplan ganz recht, der dann die Drecksarbeit übernehmen kann, wenn mitten in der Nacht jemand anruft, weil auf einem entfernten Bauernhof jemand die Sterbesakramente empfangen möchte, und der alt eingesessene Pfarrer nicht aufstehen möchte. Die ebenso angegrauten Pfarrerköchinnen leisten ein Weiteres, um den Aufenthalt in so einer Pfarrei nicht gerade angenehm empfinden zu können. Der Kaplan begeistert sich für vieles, das der eingesessene Pfarrer für Humbug hält und bald kommt es zum Eklat und der Kaplan verlässt aus Frust die Gemeinde und lässt die vielen jungen besgeisterten Menschen zurück, die jetzt wieder dem alten Trott verfallen werden, weil es ja keine Alternative gibt.
Solange die Jungpriester nach den Wünschen ihres Dienstherren arbeiten, sind sie willkommen. Dies ist aber nicht die Seelsorge, wie sie von der Bevölkerung im Jahre 2008 erwartet wird. Es ist in den Augen der Kirche verwerflich, wenn sich der Priester zu gut mit männlichen oder weiblichen Wesen versteht. Man könnte fast glauben, ein Priester müsse nach der Weihe zum Neutrum werden. Dass dies früher oder später scheitern wird, das ist vorauszusehen.
Warum lässt die Kirche unsere Priester nicht so sein, wie sie eben nun mal sind?
Schafft doch endlich die alten Strukturen ab!
Wir brauchen lebendige Menschen, sonst treffen wir uns am Sonntag in der Kirche, schalten den Beamer und den vernetzten PC ein, der das Pontifikalamt aus dem Dom überträgt und das wars dann wieder.
Suchen Sie einen Führer im Pfaffen- und Adelsgewand? Soll die Kirchenzeitung de, zugegeben zu oft schändlichen, Journalismus ersetzten? Sind Sie für eine Diktatur der Kirchen wie früher und auch heute noch vom Kirchenfeind Islamismus praktiziert?
An die Stelle der Kirchen treten inzwischen "Gemeinschaften" von Materialismus, Kapitalismus, Egoismus, Atheismus, Perversion und Hochmut, Primitivismus.
Zu Zeiten der Herrschaft der Kirchen und des weltlichen Adels hatte Europa wenigstens noch viel zu bieten: heute sackt es auf nahezu allen Feldern - auch der Kunst - ab.
Auch viele Menschen veränderten sich - optisch schon. Die Würde ist aus diesem Volk gewichen.
Priester sind ein gewisser Garant für Würde - wie Richter, Beamte im Staat.
Wenn Politiker verkommen, verkommt das Volk. Oder war es umgekehrt?
Eine der Hauptgründe für rasante Abwärtsentwicklung liegt in den Privatmedien.
r.kendel-koeppl 8 1 5 4 5 Mü.
Metropolenfan: schreibt: Glaube und Vernunft bedingen einander.
Kein Glaube hat etwas mit Vernunft zu tun. Die mittelalterlichen Dogmas der Kirchen haben nur die Unterdrückung der Menschen und die meisten Kriege verursacht. Wo ist in der Kirche Vernunft zu sehen?
Das immer mehr verbreitete Wissen, das von den Glaubensgemeinschaften noch heute bezweifelt wird, wird den Glauben endlich zur Vernunft bringen.
Dies hat nichts mit Atheismus zu tun.
Niemand braucht eine Religion um ein höheres Wesen zu Wissen, nur hat dies mit den tausenden von Göttern der Religionen nichts zu tun. Nur das Wissen wird den Menschen vereinen nicht der Glaube.
@ eulen|spiegel:
"Es ist ein gutes Zeichen, daß sich immer mehr Menschen geistig emanzipieren"
Das wird bei den allerwenigsten ein Zeichen geistiger Emanzipation sein. Das kann man erst erkennen, wenn der religionsferne Sorgenfreie in eine Lebenskrise gerät - und diese dann ohne Rückgriff auf religiöse Praktiken meistert. Wobei es meines Erachtens nicht daran auszusetzen gibt, womit Menschen ihr Leben meistern, solange sie es nur tun.
@ Morcar
"Eine typisch afrikanisch rasistische Einstellung."
Eher eine typische Projektion Ihres eigenen Rassismusses. Das einzig Ungewöhnliche an dieser Erkenntnis, daß ein wohlversorgtes Leben den Bedarf an transzendenter Sinnstiftung senkt, ist die Tatsache, daß sie hier von einem Pfarrer ausgesprochen wird. Daß Religion das Opium des Volkes ist, hat man schon im 19. Jahrhundert diskutiert.
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