Pädophiler Pfarrer in Bad Tölz Ein Rücktritt - die Kirche greift durch

Im Erzbistum München und Freising wurde ein wegen Missbrauchs verurteilter Pfarrer eingesetzt. Nun gibt es personelle Konsequenzen.

Der Einsatz eines pädophilen Priesters im Erzbistum München-Freising und die jahrelange Vertuschung des Falles haben erste personelle Konsequenzen. Der Seelsorgereferent des Bistums, Prälat Josef Obermaier, ist am Montag zurückgetreten, weil er nach Aussagen des Bistums seiner Aufsichtspflicht über den pädophilen Pfarrer in Bad Tölz nicht nachgekommen ist. Die Diözese spricht von "gravierenden Fehlern".

Außerdem suspendierte das Bistum den Pfarrer, der vor 24 Jahren wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde. Er soll gegen die Auflagen verstoßen haben, wonach ihm "jede Kinder- und Jugendarbeit untersagt" war, teilte das Erzbistum mit. Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung feierte der Pfarrer mehrere Jugendgottesdienste, unter anderem auf einem Jugendzeltlager im vergangenen Sommer. Es liegen aber keine Hinweise auf weitere Missbrauchsfälle vor.

Der nun zurückgetretene Prälat Josef Obermaier war seit 2000 der oberste Seelsorger des Erzbistums. Er sollte kontrollieren, ob sich der Tölzer Pfarrer, der als Kur- und Tourismusseelsorger arbeitete, an die Auflagen hielt. Dies ist offensichtlich nicht geschehen.

"Entsetzlicher Schock"

Das Erzbistum München distanzierte sich von der Darstellung des Tölzer Pfarrverbandschefs Rupert Frania. Er hatte in einem Gottesdienst am Sonntag gesagt, dass er selbst nichts über die Vergangenheit des pädophilen Pfarrers gewusst habe. Der SZ sagte Frania, das sei "ein entsetzlicher Schock". Bistumssprecher Bernhard Kellner zufolge wusste der Pfarrer aber von Missbrauchsvorwürfen in der Vergangenheit des Mannes.

Immer noch sind im Vertuschungsfall um den Tölzer Pfarrer viele Fragen offen. Aufgrund von Recherchen der SZ hatte das Münchner Ordinariat am Freitag bestätigt, dass mit Zustimmung des damaligen Erzbischofs und heutigen Papstes Joseph Ratzinger 1980 ein pädophiler Pfarrer in das Bistum kam, um eine Therapie zu beginnen. Er arbeitete aber auch sofort wieder in der Seelsorge einer Münchner Pfarrei und vergriff sich später erneut an Minderjährigen. 1986 wurde er zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Trotzdem wurde er wieder als Pfarrer eingesetzt und arbeitete mit Kindern. Viele Menschen in den Pfarreien Grafing, Garching-Engelsberg und Bad Tölz reagierten mit Entsetzen auf die Nachricht. Sie hatten erst aus den Medien oder in Gottesdiensten von der Pädophilie ihres früheren Pfarrers erfahren.

Das Münchner Erzbistum hatte am Freitag "schwere Fehler" eingeräumt. Für die Entscheidungen, den Pfarrer trotz wiederholter Missbrauchsfälle in der Seelsorge einzusetzen, übernahm der damalige Generalvikar Gerhard Gruber, der Stellvertreter des Bischofs in Verwaltungsangelegenheiten, die Verantwortung. Gruber sagte allerdings auch, dass ein damaliger Beschluss des Ordinariatsrates, der der SZ vorliegt, den Einsatz des Seelsorgers nicht explizit ausgeschlossen habe. "Das ist absurd", sagte Bistumssprecher Kellner. "Es ist nicht üblich, Dinge auszuschließen."

Die Verurteilung des Geistlichen im Jahr 1986 und der erneute Einsatz in einer Pfarrei fällt in die Amtszeit von Kardinal Friedrich Wetter als Münchner Erzbischof. Wetter sagte am Montag, er wolle sich noch nicht dazu äußern.

Merkel stellt sich hinter den Papst

Der Fall hat international Aufsehen erregt. Papst Benedikt äußerte sich am Wochenende nicht zu den Fehlern, die auch unter seiner Führung in München geschehen sind. Der Vatikan kündigte am Montag eine Erklärung zum sexuellen Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen an. Der Papst werde bald in einem Hirtenbrief an die irischen Bischöfe Maßnahmen bekanntgeben. Dies erklärte der Chef der päpstlichen Akademie für das Leben, Kardinal Rino Fisichella, im Corriere della Sera.

Die Katholische Jugend drängt auf eine öffentliche Stellungnahme. Die Missbrauchsfälle hätten "zur größten Kirchenkrise seit 1945" geführt, sagte der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, Dirk Tänzler, der Berliner Zeitung. "Das beschäftigt die Menschen, und der Heilige Vater sollte sich dazu äußern."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stellte sich am Montag hinter den Papst. Sie begrüße, dass er "die Notwendigkeit einer vollständigen Aufklärung dieser abscheulichen Taten ausdrücklich unterstrichen hat". Zugleich mahnte Merkel eine gesamtgesellschaftliche Debatte an, da es nicht nur um Missbrauch in der katholischen Kirche gehe. In dessen Aufarbeitung kommt derweil Bewegung: Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, kündigten an, sich am 15.April zu Gesprächen in Berlin zu treffen.