Von Birgit Kruse

Chef-Entbürokratisierer Edmund Stoiber lässt sich zwar einen Europaexperten vom Landtag bezahlen - über seine Arbeit in Brüssel will er derzeit jedoch nicht sprechen. Jetzt will ihn die Opposition zu einem Bericht zwingen.

Die Opposition im Bayerischen Landtag war zwar noch nie besonders gut auf Edmund Stoiber zu sprechen. Doch was der langjährige Ministerpräsident derzeit bietet, geht ihrer Meinung nach zu weit.

Edmund Stoiber, ddp

Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber gibt sich wortkarg: Frühestens nach der Sommerpause will er im Landtag über seine Arbeit in Brüssel sprechen. (© Foto: ddp)

Anzeige

Mit Hilfe eines Dringlichkeitsantrages wollen Grüne und SPD nun den ehemaligen CSU-Chef in den Landtag zitieren - um endlich etwas über Stoibers derzeitige Arbeit in Brüssel zu erfahren. Schließlich hat sich der 66-Jährige vorgenommen, in den EU-Amtsstuben so richtig aufzuräumen. Der einstige Landeschef solle in einer gemeinsamen Sitzung des Europa- und Wirtschaftsausschusses "über Ziele, Ansätze, Arbeitsweise und erste Erfolge" seiner Arbeitsgruppe zum EU-Bürokratieabbau berichten, fordert die Opposition.

Bislang gibt sich der Chef-Entbürokratisierer aus Wolfratshausen dem Landtag gegenüber wortkarg. Bereits Anfang März haben die europapolitischen Sprecher der drei Landtagsfraktionen versucht, Stoiber in den Europaausschuss einzuladen. Irgendwann zwischen Mai und Juli solle er Bericht erstatten. Der EU-Bürokratieabbau stehe gerade in Bayern "weit oben auf der politischen Agenda", heißt es in der Einladung.

Doch Stoiber lehnte ab. Die erste Arbeitssitzung habe erst Ende Februar stattgefunden, heißt es in seiner schriftlichen Absage. Der "Schwerpunkt für die Vorlage von Vereinfachungsvorschlägen durch die EU-Kommission" liege aber erst im zweiten Halbjahr 2008: "Ein Termin nach der Sommerpause" scheine "geeigneter zu sein".

Dieses Schreiben ist für Martin Runge, den Vorsitzenden des Europaausschusses, mehr als eine Absage. Er empfindet das als eine Brüskierung des Landtags.

Denn es ist nicht etwa die EU, die einen Mitarbeiter mit "einschlägiger Europaerfahrung" für Stoiber bezahlt. Gesponsert wird diese Stelle vielmehr aus dem bayerischen Haushalt - und damit vom bayerischen Steuerzahler. Deshalb genügt dem Grünen-Politiker Runge auch Stoibers Aussage nicht, dem Ausschuss nach der Sommerpause zu berichten. "Dass er irgendwann einmal kommt, damit geben wir uns nicht zufrieden." Runge will jetzt informiert werden.

Immerhin hat Stoiber vor anderen Gremien bereits Bilanz über die vergangenen neun Brüsseler Monate gezogen - zum Beispiel Anfang Mai vor der "Münchner Wirtschaftstafel", die Handelskammerpräsident Heinrich Traublinger (CSU) organisiert.

Ausschuss-Chef Runge findet das stillos: "Wenn wir zahlen, dann wollen wir auch originär als Erster informiert werden." Notfalls soll der Dringlichkeitsantrag helfen.

Die Beamtenstelle, die nach einem Schreiben der Staatskanzlei vom Januar zufolge nach Besoldungsgruppe B 3 bezahlt wird und für die der Landtag aufkommt, kostet im Monat mehr als 6200 Euro - Zuschläge wie etwa für Ehepaare und Kinder sind nicht mit eingerechnet. So steht es in der Besoldungstabelle für bayerische Beamte. Im Jahr komme man leicht auf 100.000 Euro, rechnet Runge vor.

In der gleichen Liga wie Kohl und Schröder

Doch das ist noch längst nicht alles. Im Nachtragshaushalt wurde das Finanzministerium ermächtigt, noch vier weitere Stellen für Stoiber zu schaffen - darunter die eines Ministerialdirigenten der Besoldungsstufe B 6 (Grundgehalt: 7422,61 Euro). Damit spielt der Ex-Ministerpräsident in der gleichen Liga wie die ehemaligen Bundeskanzler Schmidt, Kohl und Schröder.

In einer Antwort auf die schriftliche Anfrage der Landtagsgrünen im November 2007 begründet Staatskanzleichef Eberhard Sinner den Europa-Mitarbeiter für Stoiber überaus wortreich. In dem Schreiben heißt es: Es sei "notwendig, bayerische Anliegen und Interessen in Brüssel ebenso wie in Berlin einzubringen und die durchaus beachtlichen Einflussmöglichkeiten des Freistaates effektiv zu nutzen". Aus diesem Grund habe man "einen Stellenpool für bayerische Beamte geschaffen, die bei EU-Dienststellen eingesetzt und aus dem bayerischen Staatshaushalt bezahlt werden."

Eine "Lex Stoiber" nennt Runge die Schaffung der neuen Stelle - und findet das "unanständig" und "eine billige Ausrede". Der ganze Apparat mit insgesamt fünf Mitarbeitern sei extra für Stoiber geschaffen worden. Zwar hat ein ehemaliger Ministerpräsident Anrecht auf Personal und Arbeitsräume - allerdings nur für Tätigkeiten und Aufgaben, die in Zusammenhang mit seinem früheren Amtsverhältnis als Ministerpräsident wahrgenommen werden. Stoibers Brüssel-Aufgabe hat damit nichts zu tun, selbst wenn er in seiner Amtszeit mal als möglicher EU-Kommissionspräsident gehandelt wurde.

Selbst die CSU-Abgeordnete Ursula Männle spricht von einer "vertanen Chance" Stoibers - und versucht den Ex-Ministerpräsidenten gleichzeitig mit einer reichlich skurrilen Begründung in Schutz zu nehmen. Stoiber sei als Landtagsabgeordneter noch Mitglied der CSU-Fraktion - und wolle eben nicht vor Kollegen sprechen, erklärt die Professorin. Dabei hat Stoiber eigentlich immer am liebsten vor eigenen Parteifreunden geredet.

Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/jja)