Oktoberfest 2010 "Das ist keine Volksfeststimmung mehr"

Maßkrugschlägereien und gesperrte Bahnhöfe: Selbst Wiesn-Chefin Gabriele Weishäupl ist über die Besuchermassen am letzten Oktoberfest-Wochenende und die extreme Gewalt besorgt.

Es ist ein Oktoberfest der Extreme: Am letzten Wiesn-Wochenende registrierte die Polizei "noch nie da gewesene Besucherströme". Nicht nur auf der Theresienwiese, sondern auch in den Straßen der Umgebung drohte zeitweise der Kollaps. Am Samstag mussten Zelte und sogar Biergärten geschlossen werden, am Sonntag wurde die historische Wiesn wegen Überfüllung mehrere Stunden abgesperrt.

Nach Angaben von Wiesn-Chefin Gabriele Weishäupl kamen allein am Samstag rund 600.000 Menschen auf die Wiesn, am Sonntag seien es noch einmal gut eine halbe Million gewesen. Experten der Polizei schätzen die Besucherzahl für Samstag noch höher und sprechen von bis zu 800.000 Besuchern, teilweise stiegen Hubschrauber auf, um die Massen noch überblicken zu können.

Selbst für Weishäupl ist dies zu viel. Die Wiesn sei regelrecht "übergeschwappt", sagt sie. Eine solche Besuchermenge tue "dem Volksfest nicht gut. Das ist keine Volksfeststimmung mehr." Am Sonntagmorgen war der Festplatz der historischen Wiesn nach einer Dreiviertelstunde überfüllt. Um 12 Uhr entschlossen sich die Veranstalter, den Zugang vorübergehend zu sperren.

Über Radio wurden die Besucher informiert, dass sie auch danach noch mit langen Wartezeiten zu rechnen hätten. Bereits am Samstagnachmittag war die Wiesn so voll, dass von 16 Uhr an über Lautsprecher an allen U-Bahn-Stationen, sowie Bus- und Trambahnhaltestellen im Stadtgebiet gebeten wurde, von einem Wiesnbesuch Abstand zu nehmen. In den Zelten selber war der Ansturm nur teilweise zu spüren. "Wir können das über den Zugang gut steuern", sagt Peter Inselkammer, der Wirt im Armbrustschützenzelt.

Der Ausflug endet bereits am Bahnsteig

Vor allem Münchner nutzten das letzte Wiesn-Wochenende. Doch für viele Familien endete der Ausflug schon auf dem Bahnsteig, weil sie mit ihren Kindern nicht in die vollen Züge hineinkamen. Dass es so eng wurde, hat laut MVG-Sprecher Matthias Korte allerdings nichts mit dem Notfall- und Streikplan zu tun. So gut wie alle Züge der Linien U 4 und U 5 zur Theresienwiese sowie auch die U-Bahnen zum Goetheplatz seien regulär gefahren. Höchstens "einzelne Züge" seien ausgefallen. Der Andrang, sagt Korte, habe allein aus einem Grund nicht bewältigt werden können: "Es war einfach brechend voll."

Die Bundespolizei registrierte an den Bahnhöfen ein unglaublich hohes Reiseaufkommen. Und eine enorme Entwicklung bei den Gewalttaten. Allein bei den Maßkrugschlägereien dürfte die Zahl der Delikte nach Ende der Wiesn über 60 hinausgehen, 2009 waren es 38. Bemerkenswert ist die Brutalität, mit der Wiesn-Besucher aufeinander losgingen. So auch am Wochenende: So wird ein 26-jähriger Mann aus Dresden vermutlich auf dem linken Auge erblinden, nachdem ihm ein Unbekannter im Toilettenbereich beim Hofbräuzelt einen Maßkrug auf den Kopf schlug. Ärzte diagnostizierten eine Hirnblutung.

Ein 35-jähriger Wiesngast würgte Freitagnacht am Hauptbahnhof seine Freundin, ein Bekannter kam der Frau zu Hilfe. Daraufhin schlug der 35-Jährige den anderen zu Boden, trat mehrfach gegen seinen Kopf und sprang dann auch noch auf den Schädel des bereits Bewusstlosen. Der Täter sitzt nun in Haft. Erhebliche Fleischwunden im Gesicht erlitt ein 18-jähriger Landsberger, nachdem ihm ein Holländer im Hackerzelt den Maßkrug ins Gesicht geschlagen hatte.

Ein Gerücht, wonach wegen des großen Andrangs auf die historischen Wiesn das dort ausgeschenkte und speziell gebraute Festbier ausgegangen sei, bestätigte sich übrigens nicht. Christian Winklhofer, Sohn des Wirtes des historischen Festzeltes, sagt: "Wir haben noch viel Jubiläumsbier." Er rechne sogar damit, dass am Ende etwas übrig bleibt. Am Montag wird die historische Wiesn voraussichtlich länger als 20 Uhr geöffnet bleiben - "damit das Bier weggeht", sagt eine Bedienung.

Von 15 Uhr an können die Besucher für zwölf Euro die Steinkrüge mit der Aufschrift "Münchner Bier" kaufen, die in den vergangenen Tagen bei Dieben besonders beliebt waren. Zwischen 13.30 und 14.30 Uhr bieten alle Schausteller Gratisfahrten an.

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