Oberstdorf Eislauf für Spätberufene

Die ISU Adult Competition ist der weltweit größte Hobbyläufer-Wettbewerb. Dieses Jahr haben sich 650 Teilnehmer aus 34 Nationen angemeldet

Von Isabel Winklbauer, Oberstdorf

Wenn Julie von Geisau in Oberstdorf auf dem Eis steht, ist sie keine Grafikdesignerin mehr. Aufrecht steht sie da, hebt die Arme und dreht sich. Jetzt ist sie eine irische Tänzerin, die selbstbewusst über die weiße Fläche schwebt. "Bitte ein bisschen mehr Bam mit den Armen", ruft ihre Trainerin, "das ist zu müde!" Geisau ist nicht alleine auf dem Eis. Im gleichen Stadion studiert eine Läuferin in einem Fünfzigerjahre-Kleid im Doris-Day-Stil ihre Kür ein. Daneben vollführt eine Sportlerin in Pink Spitzenschritte, weiter hinten übt eine ältere Dame im schwarz-roten Anzug. In Oberstdorf herrscht Eisfieber. An diesem Montag startet hier der größte Hobbyläuferwettbewerb der Welt, die ISU Adult Competition.

Das Oberstdorfer Eissportzentrum richtet den Wettkampf seit 2005 im Auftrag der Internationalen Eislaufunion (ISU) aus. Deren Präsident Ottavio Cinquanta befand damals, auch Hobbyläufer sollten sich in einer Art Weltmeisterschaft messen können. Den bayerischen Eissportfunktionären Sissy und Peter Krick gefiel die Idee auf Anhieb. So bekam Oberstdorf den Auftrag, die besten spätberufenen Eiskunstläufer gegeneinander antreten zu lassen - in den Kategorien Einzellauf, Paarlauf und Eistanz. Wettkämpfer werden von offiziellen ISU-Juroren nach exakt denselben Regeln bewertet wie auch Weltmeister und Olympiasieger.

Der Wettbewerb war lange Zeit einzigartig. Erst seit 2016 gibt es einen gleichartigen ISU-Wettkampf in Vancouver. Doch der Wettbewerb in Oberstdorf ist nach wie vor die Kultveranstaltung der Szene. "Das ist hier wie eine große Familie", schwärmen die Wettkämpfer. "Wir wissen bald nicht mehr, wie wir das Ganze organisieren sollen", stöhnen die Organisatoren, "es wollen immer mehr Hobbyläufer teilnehmen." Und natürlich auch mehrmals täglich trainieren. Die drei Hallen des Eissportzentrums platzen in der Vorbereitungswoche vor dem Turnier aus allen Nähten. 650 Läufer aus 34 Nationen sind dieses Jahr angemeldet, so viele wie nie zuvor, und sie starten 900 Mal in verschiedenen Disziplinen und Altersklassen.

Das Gleiten gibt ein Gefühl von Freiheit, sagt Julie von Geisau.

(Foto: Florian Peljak)

Eine von ihnen ist Julie von Geisau. Die 51-Jährige aus dem Münchner Vorort Germering kommt seit sechs Jahren zur Adult Competition und belegt gute Mittelfeld-Plätze: 2017 wurde sie Vierzehnte von 32 Damen ihrer Altersklasse, mit einer romantischen Kür zu einem Song von Oonagh. Zu so einem Ergebnis gehört natürlich mehr, als nur anzureisen und gut auszusehen. Geisau geht zuhause mehrmals wöchentlich aufs Eis, insgesamt beschäftigt sie fünf verschiedene Trainer, unter ihnen die frühere Europameisterin Evelyn Klaudt, mit der sie an ihrer irischen Kür feilt.

"Ich habe mit 46 Jahren mit Eiskunstlauf angefangen, weil ich stark übergewichtig war und dringend etwas für meinen Blutdruck tun musste", sagt Geisau. "Da ich keine Lust habe, mich alleine ins Fitnessstudio zu quälen, bin ich nach einer Schnupperstunde bei den Germering Wanderers geblieben und später in den Münchner Eislauf-Verein eingetreten." Der Sport wirkte: Geisau nahm 15 Kilo ab, der Blutdruck sank, sie pflegt einen sportlichen Lebensstil. "Die Bewegung auf dem Eis macht so viel Freude", sagt sie. "Dieses Gleiten, auch wenn es auf einer begrenzten Bahn ist, gibt ein Gefühl von Freiheit."

Für ihren Eissport gibt Geisau jeden Monat um die 500 Euro aus - für Trainer, Fahrtkosten und Patchgebühren, wie der Eintritt für Kunstläuferstunden in den Stadien heißt. Ende April, als die Eishalle in München schon geschlossen hatte, ist sie mehrere Tage hintereinander mit Eisfreundinnen zum Morgentraining nach Garmisch-Partenkirchen gefahren. Das hieß: um sechs Uhr aufstehen und losfahren, von acht bis zehn trainieren, um zwölf zurück sein in München im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, wo Geisau als Grafikdesignerin arbeitet.

Heidi Fearnside und Nicole Bateson aus Australien.

(Foto: Florian Peljak)

Die Organisatoren des Wettbewerbs haben nicht ganz unrecht. Ein bisschen Verrücktsein gehört dazu. Wer sonst würde den Aufwand betreiben, den die Teilnehmer der Adult Competition aus Übersee in Kauf nehmen? Zum Beispiel Heidi Fearnside aus Sidney und Nicole Bateson aus Melbourne. Die 39 und 38 Jahre alten Frauen, die als Kinder nicht eislaufen durften und jetzt alles dafür tun, kommen seit dem ersten Wettkampf immer wieder nach Oberstdorf. Jede investiert für die Teilnahme an dem Wettbewerb um die 5000 australische Dollar oder 3140 Euro. Nicoles Partner ist im Lauf der Jahre zwangsläufig ein Fan von Urlauben in den bayerischen Alpen geworden. "Und wir beide haben uns hier überhaupt erst kennengelernt", sagen die Frauen, "wir lieben die familiäre Atmosphäre und die Hilfsbereitschaft, die unter den Teilnehmern herrscht. Und dass man in diesem süßen Dorf hier während der Wettkampfwoche an jeder Ecke Eiskunstläufer tritt, ist einfach fabelhaft." Die Oberstdorfer wiederum freuen sich, dass ihre Gasthäuser zwei Wochen lang bestens belegt sind. Die Apotheker verkaufen Magnesium und andere Muskel- und Sehnenhelfer wie geschnitten Brot.

Unter den Teilnehmern ist auch das englische Eistanzpaar David und Patricia Arnold. Die beiden sind im Rentenalter, laufen aber fast auf Profiniveau. Sie lagen mit dem Eissportverband in Nottingham über Kreuz. Zwölf Jahre lang gingen sie aus Ärger über eine Welle von Trainerentlassungen gar nicht aufs Eis, bis sie beschlossen: "Dann fahren wir eben zu diesem internationalen Wettbewerb im Ausland." Bei der Adult Competition brachten ihnen die ansässigen Trainer erst einmal das neue Wertungssystem bei, das inzwischen eingeführt worden war.

Seither belegten die Arnolds mehrfach erste Plätze und sind Messlatte für andere Teilnehmer. Was nicht verwundert. Patricia Arnold war früher Trainerin von Weltmeister und Olympiasieger Christopher Dean - dem Choreografen der Olympia-Paarlauf-Kür von Aljona Savchenko und Bruno Massot. Eine andere prominente Läuferin ist die Ex- Weltmeisterin und Silber-Olympionikin Midori Ito. Die Japanerin tritt in der Klasse für Ex-Meisterläufer an. Auch dieses Jahr wird sie erwartet.

Das Ehepaar Arnold läuft auf Profiniveau.

(Foto: Florian Peljak)

Wer aber den Dreh- und Angelpunkt all dieser Eislaufträume und -leidenschaften sucht, der muss nach einer kleinen, 67-jährigen Frau Ausschau halten. Marie-Therese Kreiselmeyer, Trainerin im Eissportclub Oberstdorf und rechte Hand des Organisationskomitees um Eiskunstlauf-Obfrau Sissy Krick hält den Wettkampf sechs Tage lang am Laufen. Ihr Auftreten ist streng - doch wenn sie lächelt, blitzt Warmherzigkeit für 650 Eiskunstläufer in ihren Augen. "Wir müssen wirklich überlegen, was wir machen, wenn sich in Zukunft noch mehr Teilnehmer melden", sagt auch Kreiselmeyer. "Schon jetzt brauche ich 40 Stunden, um den Zeitplan für das Event aufzustellen." Manche Startklassen sind inzwischen so voll, dass sie in zwei Wettkampfläufe aufgeteilt werden. "Aber wie lang soll der Wettkampf werden?", fragt sie. "Der Tag hat nur 24 Stunden."

Kreiselmeyers Tage während des Wettbewerbs haben 19 Stunden. Von fünf Uhr früh vor dem ersten Training bis nach der Siegerehrung um Mitternacht plant und überwacht sie den Ablauf, lenkt das Team für Musik und Ton, begleitet die ISU-Juroren und -gäste. Und ist nebenbei "die Mutter der Nation", wie sie sagt. Bricht einem Läufer die Kufe, überredet sie dessen Konkurrenten, sein Ersatzeisen herzuleihen. Diskutieren die Preisrichter, wie ein Paar zu werten sei, das Herren- und Damenrolle tauschte, hält sie die Folgestarter warm. Sie tröstet weinende Teilnehmer und wenn welche verschwunden sind, sucht sie sie. Eigentlich würde sie gerne in Rente gehen, sagt Kreiselmeyer. Doch es finde sich kein Nachfolger. Die Oberstdorfer Adult Competition bleibt also wohl in den kommenden Jahren so, wie sie ist. Wer sie sich ansehen will, kann dies online tun: Der Wettbewerb (14. bis 19. Mai) wird per Livestream auf Dailymotion übertragen.