Oberfranken Pädophiler Pfarrer schickt Detektive

Ein wegen Pädophilie verurteilter Pfarrer sucht nach seinem Seelenfrieden - und fordert seine Opfer mit Nachdruck dazu auf, ihre Aussagen zu widerrufen.

Von R. Neumaier

Die beiden Männer stellten sich bei Familie C. als Privatdetektive vor. Sie sagten, sie seien im Auftrag von Pfarrer W. unterwegs. Der Herr Pfarrer wolle "seinen Seelenfrieden" finden. Und dazu solle Sebastian, der Sohn der Familie, seine Aussage widerrufen. Sebastian ist heute 19 Jahre alt, als Achtjähriger wurde er von Pfarrer W. sexuell missbraucht. Das Landgericht Coburg verurteilte den Geistlichen wegen sexuellen Missbrauchs an Sebastian und zwei weiteren Buben in 13 Fällen zu zwei Jahren Haft auf Bewährung, der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil. Doch jetzt belästigt Pfarrer W. seine Opfer wieder. Der Seelenfrieden der Jugendlichen scheint ihm einerlei zu sein.

Das Bistum ist empört über die Aktion des Pfarrers.

(Foto: Foto: AP)

Die Detektive erschienen am vergangenen Dienstag bei den C.s in der oberfränkischen Gemeinde Ebersdorf. Ein Mann Anfang 50, sein Kollege Anfang 30. Gheorghe C., der Familienvater, erinnert sich an ihre Worte: "Der Junge braucht sich keine Sorgen zu machen, wenn er seine Aussage widerruft", hätten sie gesagt. Die Sache sei ja verjährt. Als ob Sebastian damals gelogen hätte.

Allein mit den Kindern

Sebastian selbst war nicht anwesend, als die Detektive des Pfarrers aufkreuzten. Seine Eltern brauchten erst mal einen Tag, um zu verarbeiten, was ihnen widerfahren war. Gheorghe C. kocht vor Wut. Er sagt, es sei dieselbe Wut, die in ihm hochgestiegen sei, als er davon erfuhr, dass der Pfarrer seinem Sohn unter die Hose gegriffen hatte. Suspekt sei ihm der Geistliche von Anfang an gewesen, erinnert sich C. Der Mann habe jede Gelegenheit genutzt, mit Sebastian allein zu sein. Sogar den Heiligen Abend wollte er mit seinem Ministranten feiern. Allein im Pfarrhaus.

Gheorghe C. ist ein resoluter Mensch. Am ersten Weihnachtsfeiertag 1998 erfuhr er von dem Übergriff auf Sebastian, am Tag darauf ging er mit seiner Frau und dem Buben in den Gottesdienst. Mit dem Buben saß er in einer hinteren Bank. Der Vater wollte nicht, dass Sebastian an diesem Tag ministriert.

Die Kirche war voll, aber die Messe hatte noch nicht begonnen. Dann erhob sich Gheorghe C., er schritt zum Altar und hob an: "Entschuldigung, ich möchte etwas sagen." Es waren nur drei, vier Sätze. Der Vater hatte seine Ansprache beendet, ehe der eilfertige Kirchenorganist mit lautem Register zu spielen begann, um ihn zu übertönen. Zwei Tage später nahm die Polizei die Ermittlungen auf, und vielen in der katholischen Pfarrgemeinde von Ebersdorf bei Coburg wurde klar, warum sich der Pfarrer so gerne mit Kindern umgab.

Sorglosigkeit der Kirche

Bereits an zwei Stationen vorher, in den Bistümern Bamberg und Limburg, soll er sich an Kindern vergangen haben. Hier ein Kuss auf den Mund, da ein Biss ins Ohrläppchen. Die katholische Kirche ging damals sorglos um mit pädophilen Priestern: Anstatt sie zu suspendieren, verschob sie solche Männer von einer Diözese zur anderen. In Ebersdorf vergriff sich W. dann an Sebastian und zwei weiteren Jungen, der älteste war elf Jahre alt. Über den Verbleib der beiden anderen Familien wussten die von W. ausgesandten Detektive auch Bescheid.

Ein Mann mit Charisma

Johannes Heibel hat den Fall des heute 69 Jahre alten Pfarrers W. von Anfang an verfolgt. Heibel leitet die deutschlandweit tätige Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Er macht der Kirche schwere Vorwürfe: Es sei ein Unding, dass sich ein solcher Mann überhaupt noch Priester nennen darf. Aus dem Ordinariat habe er erfahren, dass Pfarrer W. einen Anwalt beauftragt habe, eine Wiederaufnahme des Verfahrens anzustrengen.

Pfarrer W., der für eine Stellungnahme nicht zu erreichen ist, sei im Jahr 2002 "zwangsweise in den Ruhestand versetzt" worden, sagt der Würzburger Generalvikar Karl Hillenbrand. Er betont, das Ordinariat distanziere sich von W. und missbillige seine Taten. Der Mann sei uneinsichtig und habe sich jeglicher Therapie verweigert. Stattdessen verbreite er Verschwörungstheorien. Wenn der Pfarrer seine Opfer mit Detektiven behellige, sei es "mit dem Zwangsruhestand nicht getan", dann provoziere er eine Zwangslaisierung. Unverständlich ist dem Generalvikar, wie W. immer noch zahlreiche Anhänger um sich scharen kann, die ihn offenbar finanziell unterstützen. "Er hat Suggestionskraft", sagt Hillenbrand. "Ja", sagt Gheorghe C., "predigen kann er."