Oberfranken Aufstand im Altersheim

Das Katharinenspital, mitten in Forchheim gelegen, sieht derzeit aus wie ein Protestcamp.

(Foto: dpa)
  • In Forchheim (Oberfranken) soll ein Seniorenheim abgerissen werden, um Platz für einen Neubau zu schaffen. Doch gegen die Pläne regt sich massiver Protest.
  • Es gibt eine Facebook-Seite und eine Online-Petition für den Erhalt des Katharinenspitals.
  • Oberbürgermeister Franz Stumpf hält an der Entscheidung zum Abriss fest. Doch die Kritik setzt ihm zu, so sehr, dass er inzwischen Nerven zeigt.
Von Olaf Przybilla, Forchheim

Eine wichtige Rolle hat das Forchheimer Katharinenspital immer gespielt im Leben von Franziska Lamm. Das fing als Jugendliche an, als sie zusammen mit ihrem Vater Kartoffeln erntete für die Bewohner des Spitals. Später wurden Verwandte von ihr alt in dem Heim, da hatte es "schon den besten Ruf weit und breit", sagt die 81-Jährige. Und als sie dann selbst in das Haus eingezogen ist, sei sie sich sicher gewesen: "Das hier wird meine vorletzte Ruhestätte." Mittlerweile glaubt sie nicht mehr daran.

Warum der Abriss geplant ist

In etwa einem Jahr soll das Spital abgerissen werden, es soll einem Neubau weichen. Die 70 Bewohner müssten ihr Heim dann verlassen.

Dass sich Widerstand gegen Bauprojekte aller Art regt, ist inzwischen der Normalfall, Kommunalpolitiker müssen darauf gefasst sein. Die Heftigkeit des Gegenwinds aber hat Forchheims Oberbürgermeister Franz Stumpf so nicht erwartet, das ist ihm unschwer anzumerken. Der CSU-Mann ist seit 25 Jahren OB, er galt nie als formvollendeter Diplomat. Stumpf teilt gerne aus und hat einzustecken gelernt.

Die Prügel aber, die er gerade bezieht, zehren offenkundig an ihm. "Mir wäre es lieber gewesen, das Ganze aussitzen zu können", sagt er leise. Und ja, da komme man "ins Nachdenken über sich".

Wie der Protest aussieht

Am Plan aber, das Haus abzureißen, sei nicht mehr zu rütteln, da ist sich der OB sicher. Die Zimmer seien zu eng, die sanitären Anlagen nicht mehr zeitgemäß, die Bezirksregierung müsste dieses Haus demnächst schließen. Im neuen Heim soll mehr ambulante Tagespflege möglich sein und mehr Raum für Gemeinschaft geschaffen werden. Klingt eigentlich gut.

Der Sturm der Entrüstung ist dennoch immens. Das Heim in Oberfranken erinnert momentan an ein Protestcamp, und die Banner, die dort angebracht sind, lassen es an Deutlichkeit nicht missen. "Senioren: Abfall der Gesellschaft?", fragt eines, ein anderes proklamiert: "Sozialstaat: es geht nur ums Geld". Harter Tobak. Dass die Bewohner "keine Ware" seien, ist zu lesen. Und auch das: "Wir haben dieses Land aufgebaut! Nun liegt unsere Heimat bald wieder in Schutt und Asche."

Befeuert wird der Protest gegen den Neubau im Internet. Eine Facebook-Seite erfährt ebenso regen Zulauf wie eine Online-Petition, die den OB direkt angeht. Letztendlich sei es seine Entscheidung, wie er in die Chronik der Stadt eingehen werde: als Bürgermeister, dem Menschlichkeit wichtig gewesen sei; oder als jemand, der es billigend in Kauf genommen habe, dass "ältere Menschen aus Forchheim umgesiedelt werden".

Wie der OB die Nerven verliert

Die Situation ist so verfahren, dass Stumpf, einer der dienstältesten Oberbürgermeister in Bayern, inzwischen Nerven zeigt. Im SZ-Gespräch fällt der Satz, die Mitarbeiter des Heims hätten die Senioren zu dem Protest "aktiviert". Genau solche Formulierungen sind es, die die Heimbewohner zusätzlich in Rage bringen.

Als könnten Senioren "keine eigene Haltung dazu entwickeln", hört sich das in den Ohren von Edith Rosenbaum an. Als sei sie ein Objekt, über das andere bestimmten. "Wo bleibt denn da die Selbstbestimmung?", fragt die 93-jährige Heimbewohnerin. Sie werde kämpfen bis zum Schluss. Würden die Bewohner auf andere Heime verteilt, "dann verlieren wir alles: unsere Freundschaft und unsere Gesellschaft". Der OB wolle sich selbst ein Denkmal setzen auf Kosten der Senioren. Notfalls, ergänzt Franziska Lamm, wolle man sich aus dem Heim tragen lassen.

Ein Denkmal? OB Stumpf glaubt, das "nicht mehr nötig" zu haben. Eine Sanierung des Heims, während Senioren dort wohnen, hält er für unmöglich. Die Stadt werde das also durchziehen. Gerade weil das Katharinenspital eines der angesehenen Institutionen der Stadt sei. Wolle man dieses Heim, mitten in der Stadt gelegen, für künftige Generationen von Senioren erhalten, so müsse man es abreißen. Und dann neu bauen.