Oberbayern Arbeiten, wo andere Urlaub machen

Damit Touristen es sich während ihres Urlaubs in Bayern schön machen können – zum Beispiel in Rottach-Egern am Tegernsee (links) oder in der Bergwelt des Berchtesgadener Landes – müssen Angestellte der Hotellerie und Gastronomie unter teils schwierigen Bedingungen arbeiten.

(Foto: Johannes Simon (2), mauritius images)
  • Jede fünfte Übernachtung bundesweit wurde 2017 in Bayern gebucht.
  • Doch für die Angestellten in den Hotels ist die Region nicht so attraktiv wie für die Touristen.
  • Die Probleme sind ähnlich wie in den Städten: zu hohe Mieten, zu weite Wege, zu wenig Kinderbetreuung.
Von Johann Osel

"Leben, wo andere Urlaub machen" heißt es gern über Bayern, auch neulich, als die Tourismuszahlen für das erste Quartal präsentiert wurden. Insgesamt hat Bayern 2017 zum sechsten Mal in Folge ein Rekordergebnis erzielt, Zuwächse in allen sieben Bezirken: 37 Millionen Gästeankünfte gab es 2017, jede fünfte Übernachtung bundesweit wird in bayerischen Betten gebucht.

Wirtschaftsminister Josef Pschierer (CSU) lobt die "Wachstumsbranche mit erheblichen positiven Effekten für Arbeitsplätze, insbesondere in den ländlichen Gebieten". So lässt sich das Motto abwandeln: "Arbeiten, wo andere Urlaub machen." Und diesbezüglich herrscht bei den Fachkräften Unmut. Das zeigen Umfragen für ein Projekt der Hochschule München. Beispielhaft haben die Forscher in Bad Reichenhall und in der Tegernsee-Region nachgefragt.

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Generell sehen 57 Prozent der Arbeitgeber im Tourismus dort Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung, heißt es. Gründe seien sowohl Abwanderung in Städte als auch in fremde Branchen. "Unser Fokus auf Arbeitnehmer auf regionaler Ebene ist eine neue Perspektive", sagt Celine Chang, Professorin an der Fakultät für Tourismus. Wenn es um die Attraktivität der Regionen für Personal geht, zeigt sich Unzufriedenheit vor allem über den Nahverkehr, Wohnungsangebote und die Familienfreundlichkeit, worunter etwa Kinderbetreuung fällt.

Den Mietmarkt kritisieren am Tegernsee volle 100 Prozent der befragten Arbeitnehmer, in Bad Reichenhall 83 Prozent. Chang nennt als Beispiel einen Koch, der sich mit seinem Lohn üblicherweise gar keine Wohnung im Tegernseer Tal leisten könne; er ziehe in den Landkreis Miesbach oder in die weitere Gegend, müsse dann pendeln. Ohne Auto werde das wiederum heikel, gerade als Schichtarbeiter bis in die Nacht hinein. Dem Nahverkehr, im konkreten Fall der Bayerischen Oberlandbahn und den Bussen, stellen 54 Prozent der Befragten ein schlechtes Zeugnis aus; in Bad Reichenhall sind es 44 Prozent.

Fehlende Unterkünfte für Personal wurden neulich auch vom Bürgermeister der Stadt Tegernsee, Johannes Hagn, in der Debatte um die Zweitwohnungssteuer vorgebracht. Auch in Bad Reichenhall und im Berchtesgadener Land gibt es wachsende Spannung auf dem Wohnmarkt - ein Grund ist die Nachbarschaft zu Salzburg; verzweifelte Österreicher mieten jenseits der Grenze.

Die Region ist attraktiv - aber schwierig

Dennoch halten Angestellte im Tourismus ihre Region überwiegend für attraktiv. Das, was Gäste lockt, schätzt auch das Personal. Beispiel Freizeitangebote: In Bad Reichenhall loben diese 92, am Tegernsee 76 Prozent. Chang sagt, die Ergebnisse ließen sich insofern auf viele andere Regionen in Bayern übertragen, als dass die Probleme mit der Verkehrsanbindung im ländlichen Raum und auf dem Wohnungsmarkt "typisch" seien.

In Österreich gebe es zum Beispiel deutlich häufiger reservierten Wohnraum für Tourismusbeschäftigte. Den meisten Arbeitgebern fehle ein professionelles Personalmanagement, um die Mitarbeiter für Region und Betrieb zu gewinnen und langfristig zu binden, sagen die Touristiker. Nur jeder fünfte befragte Betrieb gab an, einen Verantwortlichen für Personal zu haben. Dies liege an der kleinbetrieblichen Struktur der Branche - aber auch nur 30 Prozent der Betriebe hätten eine eigene Karriere-Sparte auf ihrer Internetseite.

Im Kampf gegen Personalmangel empfiehlt Chang Betrieben Kooperationen - trotz Konkurrenz bei Betten und Bewirtung für Gäste. "Es geht quasi darum, sich beim Regionalmarketing nicht nur auf Touristen zu konzentrieren, sondern auch auf potenzielle Fachkräfte." Das schließe ein, dass "Arbeitgeber sich untereinander weniger als Wettbewerber sehen sollten, sondern als Partner, mit denen man Synergieeffekte erzielen kann". Im Idealfall könne es sogar einen übergeordneten Personalmanager für eine Region geben.

Im Juli sollen die Ergebnisse bei einer Fachtagung an der Münchner Hochschule diskutiert werden. Der Tegernsee-Tourismus arbeite bereits an einer Karriereseite für Bad Wiessee, Kreuth, Gmund, Rottach-Egern und Stadt Tegernsee, berichtet Chang. In Bad Reichenhall unterstützt man einzelne Betriebe. Für das mit EU-Mitteln geförderte Projekt, in dessen Rahmen die Umfragen stattfanden, arbeiten Wissenschaftler, Regionen und Organisationen grenzüberschreitend zusammen; die Federführung liegt bei der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg.

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