Nürnberg Metamorphosen einer Frankenmetropole

Die Bilder haben gleichartige Namen - nach den Fotografen muss man gesondert suchen.

(Foto: Jasmin Staudacher/Stadtarchiv Nürnberg)

In Nürnberg haben viele Gebäude eine lange und wechselhafte Geschichte. Drei Fotografen haben sie nun außergewöhnlich in Szene gesetzt.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Neidisch soll der Mensch nicht sein, aber so ein kleinwenig Neid ist schwer zu unterdrücken bei einem wie Fabian Bujnoch. Der 26-Jährige hat gerade seine Ausbildung zum Fotografen absolviert und das bei einer Einrichtung, die einem Laien für Fotografenausbildung jetzt nicht gleich als erste Anlaufstation einfallen würde: das Nürnberger Stadtarchiv.

Mit solchem Nichtwissen blamiert man sich aber nicht über die Maßen, beschwichtigt Bujnoch, wurde dieser Ausbildungsgang doch erst 2009 eingerichtet. Drei sogenannte Stadtbildfotografen beschäftigt das Archiv, wenn alles rund läuft, wird Bujnoch demnächst der vierte im Bunde sein. Seine Aufgabe: Die Metamorphosen einer historischen Kaiser-, Industrie- und Fünfzigerjahrestadt im Bild festzuhalten.

Es gibt weniger interessante Jobs, und wem das nicht gleich einleuchtet, der darf sich im Stadtarchiv - einem besonders brutalen Fallbeispiel für Nürnberger Nachkriegsbrutalismus - die Ausstellung "Welcome Home" anschauen. Das Facebook-Jahrhundert dürstet nach Menschen, Menschen, Menschen auf Fotografien, in dieser Schau aber wird man, was das betrifft, nicht bedient werden: Auf den Bildern der Stadtbildfotografen ist nahezu ausschließlich Unbelebtes festgehalten und für die Nachwelt gesichert.

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Und noch etwas irritiert die gängigen Rezeptionsgewohnheiten für Fotoausstellungen: So imposant die Bilder auch sind, so anonym bleiben ihre Urheber. Selbst wenn man sich die Bilder zusenden lässt, heißen diese nur A96-4830 oder A96-4906, nach den Fotografen muss man gesondert suchen. Und natürlich ist das Programm, wenn nicht gar Statement: Lasst uns einfach mal kurz dieses ganze Ich Ich Ich vergessen! Das hier sind Dokumente. Da geht es um das Dokumentierte. Nicht ums: Ich war's.

Das beste Bild der drei Fotografen - deren Namen man in der Schau suchen muss, aber selbst dann kaum finden wird (Jasmin Staudacher, Julia Kraus, Fabian Bujnoch) - ist das Dokument A96-4427, das paradoxerweise etwas aus der Reihe fällt. Immerhin ist ein Traktor auf diesem Foto zu sehen, ein Landwirt dürfte nicht weit sein, das Gemüse ist nicht tot, sondern wächst und im Flugzeug darüber lassen sich Menschen zumindest vermuten.

Trotzdem ist das Hauptanliegen des Bildes erfüllt: Es dokumentiert den Landeanflug eines Passagierflugzeugs in einem Gebiet, das sich als "Knoblauchsland" einen Namen gemacht hat. Der Nürnberger Flughafen war vor einiger Zeit, wegen einbrechender Passagierzahlen, öfters in den Schlagzeilen, und wie das so ist, bleiben da mitunter falsche Bilder im Kopf: Dürer-Airport - ist das nicht so eine kaum frequentierte Landeplatzklitsche in einem fränkischen Gemüseanbaugebiet? Letzteres stimmt. Ersteres ist Quatsch: Nürnbergs Flughafen, inzwischen wieder im Steigflug, zählt zu den zehn großen in Deutschland.

Bei anderen Fotos erkennt man den "So-war-das-mal"-Gestus sofort. Die Meistersingerhalle, keine Sorge, wird auch dann stehen bleiben, wenn Nürnbergs neuer Konzertsaal in einigen Jahren gleich nebenan eröffnet wird. Der Sechzigerjahrebau ist außen von elegischer Scheußlichkeit, steht aber zu Recht unter Denkmalschutz. Lässigere Partys als im Foyer der Meistersingerhalle sind in Franken kaum auszurichten und der Riesensaal lockt zwar seltsame Menschen zu Kongressen nach Nürnberg, aber dafür kann er ja nichts.

Wenn aber das neue Konzerthaus fertig ist, soll die Meistersingerhalle, wo bislang auch konzertant musiziert wird, renoviert werden. Zeit also für die Stadtbildfotografen, den Status quo festzuhalten. Genauso sieht es aus mit dem Volksbad, das derzeit vor sich hin dämmert, irgendwann aber wieder bespielt werden soll. Übrigens: Mit dem Stadtbild-Dokumentieren ist es in seinem Job nicht getan, betont Bujnoch. Viel sei auch Büroarbeit, alte Fotos digitalisieren zum Beispiel. Wenigstens etwas.

"Welcome Home" ist bis zum 21. Oktober im Stadtarchiv, Marientorgraben 8, zu sehen.

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