Nürnberg Angehörige der NSU-Opfer kehren zurück zum Ort des Verbrechens

Warum Semiya Şimşeks aus der Türkei nach Nürnberg gekommen ist, kann sie ihrem dreijährigen Sohn nicht erzählen, "er würde es nicht verstehen."

(Foto: Olaf Przybilla)

Im Jahr 2000 wurde Semiya Şimşeks Vater in Nürnberg ermordet. Eigentlich wollte sie nie wieder zurück. Doch als die Stadt zum Gedenken einlädt, überlegt sie es sich anders.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Semiya Şimşek wollte nicht mehr hingehen in die Liegnitzer Straße. Diese unwirtliche Durchgangsstraße, der permanente Autolärm, dieser Nicht-Ort in einem Nürnberger Wäldchen, in dem ihr Vater, der Blumenhändler Enver Şimşek, im September 2000 erschossen wurde - sie wollte das nicht mehr. Hat es sich dann aber anders überlegt. Am Montag ist sie zurückgekehrt, gemeinsam mit ihrer Familie.

Die Stadt Nürnberg hat Angehörige der Opfer des NSU-Terrors eingeladen, "ich finde, da müssen wir zusammenstehen und ein Zeichen setzen", sagt sie. Auch wenn es ihr schwerfalle. Aber was ist schon leicht seither? "Der Alltag überrollt uns, und wir müssen da irgendwie durch", sagt Şimşek.

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Sie ist am Sonntag aus der Türkei nach Nürnberg geflogen, am Montagabend soll es mit Kind und Partner wieder zurückgehen. Die Şimşeks leben in die Nähe von Antalya, ihr Sohn ist drei Jahre alt, "fast so alt wie der NSU-Prozess", sagt sie. Und natürlich habe sie ihrem Sohn nicht verraten, warum sie jetzt nach Nürnberg aufbrechen.

Und dann noch an so einen Ort: eine schlecht asphaltierte Parkbucht einer Ausfallstraße in der Nähe der nationalsozialistischen Bau-Ruinen von Nürnberg, dem früheren Reichsparteitagsgelände. "Er würde es nicht verstehen", sagt Şimşek und lächelt ihren Sohn an, der auf dem Boden herumtollt. Aber später mal will sie ihm erzählen, was da war in Nürnberg.

"Ich habe den Polizisten immer gesagt, dass Enver von Nazis ermordet wurde"

Empfangen werden die Şimşeks und etwa zehn weitere Angehörige der Opfer des NSU-Terrors von Ali Toy. Das ist der Mann, der eigentlich im September 2000 in der Parkbucht Blumen verkauft hätte. Wenn er in dieser Zeit nicht in den Urlaub gefahren wäre. Enver Şimşek war Blumen-Großhändler und sein Chef. 1999 hat Toy ihn kennengelernt, "ein sehr guter Mensch", sagt er.

Als er im Spätsommer 2000 Ferien machen wollte, fragte er seinen Chef, was denn jetzt werden solle mit dem Blumenstand. In der Zeit, antwortete ihm Şimşek, werde er den Stand selbst übernehmen. Als Toy zurückkam, war sein Chef tot.

Toy hat eine Mappe mit Artikeln mitgebracht, er sammelt alles, was über die NSU-Morde erscheint. Und er erzählt, mit welchen Geschichten er sich konfrontiert sah nach dem Mord an Şimşek. Mit Drogen sollte sein Chef angeblich gehandelt haben. Und wenn es das nicht war, vermuteten Ermittler einen "Ehrenmord".

Toy ließ sich davon nie beeindrucken, "ich habe den Polizisten immer gesagt, dass Enver von Nazis ermordet wurde". Nur geglaubt hat ihm das keiner. Als klar war, wer Enver Şimşek getötet hat und dass dies der Anfang einer beispiellosen Mordserie war, suchte ihn ein Ermittler auf. "Sie haben von Anfang an recht gehabt", sagte er zu Toy.