NS-Vergangenheit Modriger Nachgeschmack in Coburg

In der ersten von den Nazis regierten Stadt Deutschlands will die CSU-Stadtratsfraktion nun doch lieber an der Vergangenheit sparen.

Von Olaf Przybilla

Coburg kommt in der deutschen Geschichte eine besondere Rolle zu. Keine erfreuliche aber. 1929 war es der NSDAP dort erstmals gelungen, in einem Stadtparlament die Macht zu übernehmen. In Monografien, die die NS-Geschichte beleuchten, findet man Coburg auch als "the first Nazi-Town". Dort wollte man von dieser unrühmlichen Rolle allerdings lange wenig wissen. Noch in den 1990er Jahren erschien ein Stadtführer, in dem das Jahr 1929 zwar genannt wurde - jedoch nur der Eröffnung eines pittoresken Rosengartens wegen.

Wenn Coburg im Umgang mit seiner Geschichte im vergangenen Jahr irgendwas gelungen ist, dann das: Im Mai 2015 beschloss der Stadtrat, eine Historikerkommission einzusetzen. Sie soll die Stadtgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts umfassend beleuchten. Es gibt da noch viele Fragen. Warum etwa war es dem führenden Coburger Nazi vergönnt, in seinem lokalen Machtergreifungsbuch zu notieren: "Der Boden, den wir zu beackern hatten, war fruchtbarer als im übrigen Reich"? Wie war das mit dem NS-Propaganda-Wort von der "fränkischen Krone des Nationalsozialismus"? Und warum flatterte die erste Hakenkreuz-Flagge an einem deutschen Rathaus ausgerechnet in Coburg?

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Der Tag, an dem sich Coburgs Stadträte für diese Kommission ausgesprochen haben, war, könnte man sagen, klug gewählt. Es war derselbe Tag, an dem sie auch dafür votierten, eine Straße nach Max Brose zu benennen. Nach dem Gründer eines der wichtigsten Unternehmen der Stadt also, der allerdings auch NS-Profiteur, NSDAP-Mitglied und als IHK-Präsident Wehrwirtschaftsführer war und der Zwangsarbeiter beschäftigte.

Da konnte man das Signal für so eine Kommission ganz gut brauchen, rein imagemäßig. Inzwischen hat sich die Aufregung um die Causa Brose wieder gelegt. Und hätte die CSU die Mehrheit in Coburg, würden die Historiker ihre Arbeit nun doch nicht aufnehmen können. Die Stadt habe derzeit kein Geld für so was, finden die Stadträte von der CSU.

Das mit der Geschichtsaufarbeitung könnte also warten, bis mal wieder Geld da ist. Was bekanntlich dauern kann in klammen Kommunen. Zwar scheiterte die CSU mit ihrem Vorstoß. Der modrige Nachgeschmack aber wird bleiben.

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