NPD-Parteitag Bamberg schaut hin

Die FDP hatte gefordert, den NPD-Parteitag einfach zu ignorieren - die Bürger sehen das anders und demonstrieren.

Von Olaf Przybilla

Ludwig Haas ist einer von jenen aus Gräfenberg. Er hat miterlebt, als die NPD in der fränkischen Kleinstadt im November 2006 ihren ersten Aufzug zum örtlichen Kriegerdenkmal angemeldet hat. Auch die Stimmung in der Stadt hat er erlebt, als es plötzlich hieß, die Marschierer wollten nun jeden Monat kommen. Und er hat diskutiert mit jenen, die der Ansicht waren, man müsse die braunen Gäste einfach nur ignorieren, dann kämen sie vielleicht nicht mehr wieder.

Es gab Momente in dem nahezu drei Jahre andauernden Kampf um den Marktplatz von Gräfenberg, in denen Haas nicht sehr hoffnungsvoll war, dass es irgendwann wieder aufhört mit dem braunen Spuk. Aber einfach wegschauen? Haas, 69, schüttelt den Kopf. "Das ist keine Haltung", sagt er, "das ist die Flucht vor der Realität."

Haas steht am Eingang des Hotels in Bamberg, an dem sich am Freitag die "Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg" zusammengefunden hat. Wenn Haas über das Flüsschen Regnitz blickt, sieht er das Kongresshaus gegenüber, in dem die NPD an diesem Tag den zweiten Bundesparteitag innerhalb von zwei Jahren in Bamberg ausrichtet.

Auch im Jahr 2009 wollte die Partei in das Haus, unter dessen Dach auch die Bamberger Symphoniker konzertieren. Damals aber konnte man die Partei mit dem Argument abweisen, das Haus werde gerade umgebaut. Diesmal konnte man das nicht. Nun fürchtet die Weltkulturerbe-Stadt, dass die NPD künftig jedes Jahr ihren Parteitag in Bamberg ausrichten will. Die FDP im Stadtrat hat diese Furcht zum Anlass genommen, ein "demonstratives Wegschauen" von Bamberger Bürgern einzufordern. Die aber haben sich am Freitag ganz anders entschieden.

Am Eingang zur Kongresshalle steht Robert Lohmann, Student der Politikwissenschaft. Seit elf Uhr morgens haben sich Studenten an der Absperrung eingefunden - die eintreffenden NPD-Delegierten sollen gleich mit dem bunten Bamberg konfrontiert werden, mit Sambatrommeln und tanzenden Menschen. Warum kommen die NPD-Leute ausgerechnet nach Bamberg? Lohmann spricht vom "Phänomen Gräfenberg".

2007 war es der Stadt gelungen, einen NPD-Landesparteitag zu verhindern. 2008 hatte sie die Partei geärgert, indem sie die Hallengebühr an die Israelitische Kultusgemeinschaft spendete. Das sei das Prinzip, hat Lohmann beobachtet: Wer sich wehrt, soll eingeschüchtert werden - und wird mit immer weiteren braunen Veranstaltungen überzogen.

Im Lauf des Morgens fährt auch der DVU-Vorsitzende Matthias Faust an Lohmann vorbei. In der Halle wird Faust später ankündigen, dass die Deutsche Volks Union möglicherweise mit der NPD fusionieren wird. Noch bevor der Parteitag beginnt, droht der NPD-Vorsitzende Udo Voigt der Stadt. Man werde auch im Jahr 2011 wiederkommen, kündigt er an. Und zwar so lange, bis die Stadt den juristischen Widerstand gegen die Parteitage aufgebe. "Und vor allem ihr Oberbürgermeister", schimpft Voigt.

Andreas Starke steht am Absperrzaun vor der Halle. "Wir bleiben ganz gelassen", sagt der Rathauschef. Egal, mit was die NPD drohe: "Wir werden nicht wegschauen". Später finden sich Bamberger Bürger zu einer Menschenkette zusammen, auf 1200 Metern schließt sie sich rings um die Halle. Am Samstag, dem zweiten Tag des Parteitags, will die Stadt ein Fest der Demokratie feiern.

Während die NPD in der Halle einen völkischen Liedermacher aus dem Landkreis Ansbach als Kandidaten für das Bundespräsidentenamt ausruft, informieren sich fränkische Kommunalpolitiker im Hotel gegenüber über neue rechte Strukturen in Nordbayern.

Die Liste der Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit ist lang: Erwähnt werden die braunen Aufmärsche in Wunsiedel und in Gräfenberg; dann die NPD-Parteitage im fränkischen Gremsdorf; auch der Versuch, im Kurort Warmensteinach ein Schulungszentrum zu eröffnen; und zuletzt am 1. Mai in Schweinfurt die bundesweit größte Neonazi-Demonstration.

Michael Helmbrecht steht an der Regnitz, in Blickweite der Halle. Gerade macht die Kunde von der möglicherweise anstehenden Fusion der beiden rechtsextremistischen Parteien die Runde. Der Hochschullehrer Helmbrecht war einer von denen, die den Widerstand von Gräfenberg drei Jahre lang organisiert haben. "Wir in Gräfenberg haben es vorgemacht", sagt er. Gegen die Rechtsextremisten helfe nur "ein sehr langer Atem". Nach mehr als 40 Aufmärschen bleibt die Stadt seit dem 26. September 2009 von braunen Marschieren verschont.