Neue Vorwürfe gegen Amazon "Als würden die Menschen dressiert werden"

"Arbeite hart, hab Spaß, schreibe Geschichte" - nach dem Motto sollen Mitarbeiter die Vorgaben von Amazon erfüllen - ein Blick ins Logistikzentrum in Graben.<QM>

(Foto: Johannes Simon)

Extremer Leistungsdruck, systematische Überwachung des Arbeitspensums, schlecht temperierte Lagerhallen: Ehemalige Amazon-Mitarbeiter berichten der SZ von unmenschlichen Arbeitsbedingungen in einem Logistikzentrum des Online-Händlers. Protokolle aus der Amazon-Galeere.

Von Stefan Mayr, Graben

15.05 Uhr, Amazonstraße 1, Schichtwechsel im Amazon-Logistikzentrum in Graben (Landkreis Augsburg). Durch sechs Drehtüren verlassen die Mitarbeiter des Internethändlers die grau-gelbe Lagerhalle. Die meisten haben ihre Mitarbeiterkarte um den Hals hängen, viele tragen knallorange Warnjacken und die schwarz-orangen Sicherheitsschuhe mit dem Firmenlogo. Viele wollen nicht mit der Presse sprechen. Diejenigen, die etwas sagen, zeigen sich zufrieden: "Ich bin Amazone und stolz darauf", sagt eine Frau. Eine andere sagt: "Als Ungelernte verdiene ich nirgends so viel wie hier." Der US-amerikanische Konzern steht unter verschärfter Beobachtung, seitdem die ARD-Dokumentation "Ausgeliefert" über Missstände im Umgang mit ausländischen Leiharbeitern am Amazon-Standort Bad Hersfeld berichtet hatte. Amazon reagierte daraufhin sehr schnell und trennte sich von zwei Dienstleistungsunternehmen, die für die Betreuung beziehungsweise die Sicherheit der Saisonkräfte zuständig waren.

Doch nun gibt es auch scharfe Kritik an den Arbeitsbedingungen im Logistikzentrum Graben. Mehrere ehemalige Mitarbeiter berichten der Süddeutschen Zeitung von extremem Leistungsdruck und unmenschlichen Arbeitsbedingungen, von systematischer Überwachung des Arbeitspensums und schlecht temperierten Lagerhallen, die zu zahlreichen Kreislauf-Kollapsen geführt hätten.

"Seit der ARD-Sendung sprechen alle Leute immer nur von den Leiharbeitern, aber bei den Leuten, die vom Arbeitsamt vermittelt wurden, war es ganz genauso", sagt eine ehemalige Führungskraft. Überhaupt stünden bei Amazon alle unter Druck, auch die festangestellten Führungskräfte. Ihnen bleibe gar nichts anderes übrig, als diesen Druck weiterzugeben an die "Picker", "Packer" und "Cart-Runner", wie die Arbeiter im Firmenjargon heißen. "Als ich den ständigen Leistungsdruck nicht mehr aushielt und kündigte, musste ich 25 Euro Bearbeitungsgebühr für die Kündigung bezahlen", berichtet die Führungskraft. "Ich habe das gezahlt, ich wollte ja nur noch weg, das war wie auf einer Sklaven-Galeere."

Die Amazon-Pressestelle bezeichnet die Vorwürfe entweder als "haltlos" oder als "Einzelfälle". Sie betont, "jedem Vorfall nachzugehen" und bittet "zu berücksichtigen, dass bei über 88 000 Mitarbeitern weltweit die Bewertung des Unternehmens anhand einzelner Vorfälle sehr schwierig ist". Doch auch Verdi-Gewerkschaftssekretär Thomas Gürlebeck und Diakon Erwin Helmer, Leiter der Betriebsseelsorge in der Diözese Augsburg, kritisieren das Unternehmen für ihren Umgang mit Mitarbeitern. Die SZ protokolliert, wie einige Mitarbeiter und die Unternehmensleitung das Arbeiten in Graben sehen. Da jeder Mitarbeiter bei seiner Anstellung unterschreiben muss, keine Firmeninterna nach außen zu geben, sind die Berichte des Personals anonymisiert.

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