Verbot von Neonazi-Netzwerk Befreiungsschlag in Oberprex

Nach dem Verbot des Freien Netz Süd durch das bayerische Innenministeirum beschlagnahmen Polizeibeamte einen ehemaligen Gasthof im oberfränkischen Oberprex.

(Foto: dpa)

Das Haus im oberfränkischen Oberprex war Treffpunkt für Neonazis. Von hier aus organisierten sie einen Online-Versand für die braune Szene. Jetzt hat das Innenministerium das Freie Netz Süd verboten - und das Grundstück konfisziert. Die Bürger sind erleichtert.

Von Sarah Kanning und Olaf Przybilla, Regnitzlosau

Die Stimmung schwankt an diesem Morgen in Regnitzlosau zwischen "Freude, Ermutigung und einem Gefühl, es noch nicht glauben zu können". So formuliert es der evangelische Gemeindepfarrer Holger Winkler, und egal, mit wem man spricht in der oberfränkischen Gemeinde mit dem Ortsteil Oberprex, alle empfinden einen ähnlichen Zwiespalt. "Es macht einen schon fast glücklich", sagt der Bürgermeister Hans-Jürgen Kropf, um dann zu erklären, warum er eben nur fast glücklich ist.

Die Diakonin Sabine Dresel, für die vor neun Monaten eigens eine Stelle für "Extremismusprävention" im Ort geschaffen wurde, sagt es so: Sie würde sich freuen, wenn sie wegen des Schlages gegen die Neonazis im Dorf demnächst ihren Job verlieren würde - weil der vermeintlich damit überflüssig ist. "Nur glauben kann ich da leider noch nicht dran."

Rechtsextremist gibt sich solide

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Seit vier Jahren gab es das braune Haus im 83 Einwohner zählenden Flecken Oberprex. Als eine Gastwirtschaft zum Verkauf angeboten wurde, war es die Mutter des Neonazis Tony Gentsch, die das Haus kaufte. Als der Ort ahnte, was da auf ihn zukommen könnte, war es schon zu spät. Gentsch, eine der fränkischen Führungsfiguren des Freien Netzes Süd, gerierte sich anfangs als biederer Nachbar. In Oberprex 47 werde es weder ein braunes Zentrum geben, noch solle von dort aus Hass und Gewalt ausgeübt werden. So ließ es Gentsch die Nachbarn schriftlich wissen.

Die Realität sah freilich ganz anders aus. Erst versammelten sich Neonazis aus Franken, Ostdeutschland und Tschechien regelmäßig in dem Bunker mit den Überwachungskameras. Und seit Gentsch im Mai 2013 nach 26 Monaten aus der Haft entlassen wurde - er saß unter anderem wegen Körperverletzung und Beleidigung -, wurde es richtig bedrohlich für den Ort. Im Dezember zog Gentsch in das Haus in Oberprex ein, wenig später betrieb er von dort aus gemeinsam mit dem einschlägig bekannten Kameraden Matthias Fischer den offenbar florierenden Onlinehandel "Final Resistance", der für Neonazis alles bereithielt, was die braune Szene wünschte: Bücher, Aufkleber mit Hetzparolen, Kleidung mit eindeutiger Botschaft, allerlei andere Szene-Accessoires. Von Oberprex soll kein Hass ausgehen? Über diese Versprechung eines Neonazis konnte der Ort nur noch bitter lachen. Ein "Nebenerwerb" sei der Online-Handel für ihn, sagte Gentsch vor zwei Wochen im SZ-Gespräch.

"Gründlichkeit vor Tempo"

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Doch der Versand war mehr als das, machte Innenminister Joachim Herrmann am Mittwoch in München deutlich: "Ziel des Versandhandels war es, den Aktivisten Materialien des Freien Netzes Süd zur Verfügung zu stellen und mit den Verkaufserlösen weitere Aktionen zu finanzieren." Am Mittwoch zog die Polizei daher alle Gegenstände des "Final Resistance"-Versands ein. Auch das Grundstück Oberprex 47 geht in den Besitz des Freistaates über. Tony Gentschs Mutter habe, indem sie das Grundstück zur Verfügung stellte, "die verfassungswidrigen Aktivitäten des Freien Netzes Süd zumindest bedingt vorsätzlich gefördert", sagte Herrmann. Das rechtfertige nach dem Vereinsgesetz die Einziehung des Grundstücks. "Wir hoffen, dass von dieser Aktion eine abschreckende Wirkung ausgeht", betonte Herrmann. "Potenzielle Unterstützer von Neonazis sollen mitbekommen, dass ihr Engagement finanzielle Konsequenzen haben kann."

Ein bisschen, sagt die Diakonin Dresel, glichen die letzten Wochen einem Gefühlskarussell. Erst war da der Schock, als Gentsch für den 12. Juli zum "Bürgerfest" eingeladen hatte. Er wolle die Bürger aus der Umgebung "informieren", hatte Gentsch erklärt. Nicht nur Dresel fürchtete, dass damit eine neue Biedermann-Offensive bevorstehen könnte. Am Ende zählte man etwa 120 Neonazis bei dem "Fest", Bürger aus der Umgebung waren wohl auch dabei. Aber es gab auch Hoffnung: Der bunte Widerstand formierte sich, die Leute sind inzwischen alarmiert, sagt die Diakonin.

Aber es gab auch weitere Tiefschläge: Etwa als bekannt wurde, dass Gentsch nun als regionaler "Stützpunktleiter" der neuen rechtsextremistischen Partei "Der dritte Weg" auftritt. Und damit offenbar eine neue braune Struktur in Oberprex installiert werden sollte. "Heute ist ein Tag der Hoffnung", sagt Pfarrer Winkler, "aber das Problem ist damit noch lange nicht aus der Welt." Dass sich der Rechtsstaat nun aber mit seinen Mitteln zur Wehr setze, "das macht uns allen Mut".