Nationalpark Bayerischer Wald Luchs Tessa starb an Insektengift

"Todessignal" nennen Wildschützer die SMS, die das Halsband von Luchs Tessa ausgesendet hat. Das Raubtier wurde im März tot aufgefunden. Jetzt steht fest: ein Rehkadaver war mit Carbofuran präpariert. Zur Ermittlung der Täter ist nun eine Belohnung ausgesetzt.

Von Silke Bigalke

Als sich Luchsdame Tessa nicht mehr bewegte, schickte der gelbe Sender an ihrem Halsband eine SMS an die Mitarbeiter des Nationalparks Bayerischer Wald. Das tut er automatisch nach 36 Stunden Stillstand - ein klares Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Die Wildschützer nennen die SMS auch "Mortality Signal", Todessignal. Als Tessas Todessignal am 13. März ankam, hatten Marco Heurich, Projektleiter der Luchsforschung, und sein Team das Tier bereits gefunden. Die Luchsin hatte seit einigen Tagen immer wieder vom selben Rehbock gefressen, vermutlich hatte sie ihn selbst gerissen. Die Forscher suchten nach Luchs und Beute, und fanden nur noch zwei tote Tiere. Jemand hatte den Reh-Kadaver nachträglich mit Gift präpariert, daran ist Tessa gestorben.

Einer der Forscher brachte Luchs und Reh noch am selben Tag ins Institut für Zoo- und Wildtierforschung nach Berlin. Die pathologische Untersuchung dort hat nun ergeben, dass Tessa an dem Insektenvernichtungsmittel Carbofuran verendete, einem Nervengift, das bereits in geringen Dosen tödlich und in Deutschland verboten ist. "Jemand, der so etwas macht, handelt skrupellos und nimmt Schäden auch für Menschen in Kauf", sagt Heurich. Das vergiftete Reh lag nur 200 Meter vom nächsten Wohnhaus entfernt. Einen Luchs zu töten, der unter Artenschutz steht, ist allein schon eine Straftat. Laut Bayerischem Jagdverband stehen darauf bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug. Die Nationalparkverwaltung hat bei der Staatsanwaltschaft Deggendorf Anzeige gegen Unbekannt gestellt.

Besonders tragisch ist der Fall, weil Tessa zu einer Art Botschafterin für ihre Gattung geworden war: Durch ihren Sender konnten die Forscher das Tier mehr als ein Jahr lang begleiten. Eine Lokalzeitung berichtete mit einem Luchs-Tagebuch regelmäßig über Tessa. Im Oktober 2011 machte eine Fotofalle der Forscher dann einen Schnappschuss von Tessa mit ihrem ersten Jungtier.

Wo der junge Luchs nach dem Tod der Mutter geblieben ist, weiß niemand. Während Heurich hofft, dass er sich bereits von Tessa abgenabelt hatte, ist Eric Imm von der Wildland-Stiftung des Bayerischen Jagdverband wenig optimistisch. "Wahrscheinlich wird das Junge verhungern", sagt er. Gemeinsam mit dem Bund Naturschutz und dem Landesbund für Vogelschutz setzt sich der Jagdverband mit dem "Luchsprojekt Bayern" für die Wildkatze ein. Gemeinsam haben die Verbände eine Belohnung von 5000 Euro für denjenigen ausgesetzt, der Tessas Mörder überführt.

Luchse sind sehr selten. "Jedes Tier, das fehlt, ist von Bedeutung", sagt Heurich vom Nationalpark Bayerischer Wald. Auf dessen Gebiet und im tschechischen Gegenstück, dem Nationalpark Sumava, konnten die Forscher insgesamt nur acht Weibchen ausmachen. Seit 2005 beschäftigen sie sich mit den Luchsen in beiden Parks. Indem sie Fotofallen aufstellen und Luchse mit Sendern ausstatten, können sie die Tiere zählen und ihre Wege nachverfolgen. Tessa war erst drei Jahre alt, sie hätte in den kommenden zehn Jahren noch zahlreiche Jungtiere bekommen können. Obwohl immer wieder Junge geboren werden, steigt die Zahl der Luchse in Bayern seit Jahrzehnten nicht. Für das gesamte erforschte Gebiet geht eine grobe Schätzung von insgesamt nur 40 Tieren aus.

"Dafür gibt es zwei mögliche Gründe", sagt Heurich. "Entweder ist der Lebensraum für die Tiere nicht geeignet, oder die Menschen wollen den Luchs hier nicht." Mögliche Vergiftungen können man grundsätzlich nicht nachweisen. Dieses Mal hätten sie Glück im Unglück gehabt, dass Tessas Sender die Forscher zum Tatort führte.

Eric Imm vom Jagdverband weiß, dass in solchen Fällen der Verdacht schnell auf einen Jäger fällt. Das Gift im Rehbock war im Bereich der Kehle gefunden worden, dort hatte jemand Schnitte ins Fleisch gemacht. "Es ist verabscheuungswürdig, mit Gift zu hantieren", sagt Imm. Man wisse nicht, wie viele Füchse, Krähen und Greifvögel davon gefressen haben, geschweige denn von der Gefahr für Kinder, Hunde oder Katzen. Dass es ausgerechnet ein Reh gewesen sei, weise aber darauf hin, dass es jemand gezielt auf den Luchs abgesehen habe. "Wenn, dann war es wahrscheinlich am ehesten ein Jäger, vielleicht auch ein Landwirt", sagt Imm. "Akzeptanzprobleme haben wir hauptsächlich bei Jägern."

Akzeptanzprobleme deshalb, weil ein Luchs pro Woche etwa ein Reh reißt. Findet der Jäger ein gerissenes Tier, kann er es melden und bekommt dafür eine Meldeprämie von 50 Euro vom Verband - eine Art Schadenersatz. "Die Rehwilddichte wurde im Bayerischen Wald durch die Jäger der Staatsforsten massiv verringert, in manchen Bereichen wird es schon kritisch für den Luchs", sagt Imm.

Um genügend Beute zu machen, benötigt die Wildkatzen riesige Reviere. Die Last verteilt sich also auf die Gebiete verschiedener Jäger. Luchs Milan zum Beispiel, der auch einen Sender des Nationalparks trägt, streift durch ein Gebiet von zehn mal 40 Kilometern, das sind 400 Quadratkilometer, über die Grenze nach Tschechien hinweg. Im nur 250 Quadratkilometer großen Nationalpark Bayerischer Wald finden also nur wenige Tiere Platz. Es sei jedoch wichtig, dass sich die Population auch über die Schutzgebiete hinaus ausweiten könne, sagt Heurich.

Nach Tessas Tod sind nur noch neun Luchse mit Sendern unterwegs. Der Forscher kann nur hoffen, dass ihnen nichts passiert. Milan beispielsweise muss in seinem Revier immer wieder eine viel befahrene Straße überqueren. Und für die Jungtiere, die sich meistens in den Monaten April und Mai von der Mutter lösen, ist diese Zeit besonders gefährlich.