Nach der Sicherungsverwahrung "Schlimmer als in jedem Zuchthaus"

An heißen Tagen wie diesen ist die Luft hinter den Mauern des Bezirkskrankenhauses Straubing schwül und der Blick aus den vergitterten Fenstern der ThUG-Abteilung nicht minder trist als sonst. Doch das ist nicht der Grund, warum Brommer sagt: "Die letzten zweieinhalb Jahre hier waren schlimmer, als es in jedem Zuchthaus der Fall wäre." Selbst die Sicherungsverwahrung in der JVA Straubing sei besser gewesen: "Drüben im Knast, da war es hart, aber ehrlich!", sagt er. "Hart", dieses Wort ist fast untertrieben. "Ich habe Leute runtergeschnitten, die sich aufgehängt haben", sagt er. In zwei Fällen war Brommer an Schlägereien beteiligt und wurde dafür bestraft - unter anderem mit Arrest.

Im Bezirkskrankenhaus hat er in der Zeit danach auf grünem Papier einen Stoß von Beschwerdebriefen verfasst. Darin erklärt er etwa, nie einen Therapieplan zu Gesicht bekommen zu haben, obwohl dieser gerichtlich angeordnet worden sei. "Jeder ThUG-Klient erhält einen Therapieplan", heißt es aus dem Bezirkskrankenhaus. Allerdings: Bei einer Anhörung hatte eine Therapeutin erklärt, dass "das Herzstück eines solchen Plans" fehle - die Angaben des Klienten "zu seiner persönlichen Zielsetzung". Sprich: Brommer habe sich verweigert. Dessen Anwalt Adam Ahmed indes erklärte, ein Therapieplan für seinen Mandanten hätte von Anfang an vorliegen und mit ihm besprochen werden müssen.

Am schlimmsten, so beschwert sich Brommer, sei für ihn aber das Fernhalten von den psychisch kranken Straftätern gewesen. "Das ist Isolationshaft", sagt er. Im Knast habe er zu vielen Mitgefangenen Kontakt gefunden. Das Bezirkskrankenhaus Straubing sieht sich da allerdings nicht in der Verantwortung und verweist auf "Bestimmungen" des Sozialministeriums zur Umsetzung des ThUG in Bayern. Allerdings hatten die Bezirke selbst auf solch eine Regelung gedrängt - aus der Sorge heraus, ausgebuffte Kriminelle könnten die dort einsitzenden Patienten aufwiegeln oder für ihre Zwecke missbrauchen.

Die Isolation der ThUG-Probanden führt offenbar auch zu Konflikten mit der zuständigen Therapeutin. Die berichtete bei einer Anhörung von "Beschimpfungen, Kränkungen und Herabwürdigungen". "Wir sind Zielscheibe für verbale Angriffe", sagte sie laut Protokoll aus. Auch unter den Probanden kriselt es. Ein paar nicht gleich weggewischte Tropfen Speiseöl auf dem Herd reichen da aus, um einen handfesten Streit zu entfesseln.

Brommer ist froh, dem allen jetzt zu entkommen. Er blickt seine tätowierten Arme hinab, verharrt kurz auf dem goldenen Ring am Finger. "Ich habe ja noch riesiges Glück. Draußen wartet meine Lebenspartnerin auf mich, da kann ich jetzt hin", sagt er. 20 Jahre lang sei sie im Bezirkskrankenhaus beschäftigt gewesen, und zwar als Ergotherapeutin. Bei einer Beschäftigungstherapie hätten sie sich kennengelernt, kurz vor ihrer Pensionierung. Seither habe sie ihn zweimal die Woche besucht, täglich mit ihm telefoniert.

"Morgen bekomme ich die elektronische Fessel an den Fuß - aber meine Gefährtin, die ist meine biologische Fußfessel", sagt er schmunzelnd. Dann zeigt er auf ein Formular, das ihm eine Sozialarbeiterin des Hauses in die Hand gedrückt habe. Darauf steht "Antrag auf Sicherung des Lebensunterhalts". "Was ist das?", fragt er, "so was habe ich noch nie gesehen."

Am nächsten Tag, kurz nach elf Uhr, steht Brommer in Freiheit vor der hohen Mauer der forensischen Klinik - mit zwei Pappkartons in der Hand und 40 Euro in der Tasche. Kurz darauf fährt er mit dem Taxi zu seiner Partnerin. Er wollte eigentlich gleich Behördengänge erledigen, ein Konto eröffnen, den abgelaufenen Pass erneuern. Doch Behörden und Banken haben am Freitag nicht so lange geöffnet, wie er sich das vorgestellt hatte. Stattdessen werden andere Pläne geschmiedet: eine Einkaufstour am Nachmittag. Es ist das erste Mal, dass das Paar unbeobachtet Zweisamkeit genießen kann.

Sorge vor der Hetzjagd

Und doch, das erhoffte Gefühl von Glückseligkeit will sich nicht wirklich einstellen. Zu groß ist die Sorge vor einer nun beginnenden "Hetzjagd" auf den entlassenen Straftäter. Aus den Medien wissen sie, wie groß das Misstrauen gegen ehemalige Sicherungsverwahrte ist. In Bayern gibt es nach Angaben des Justizministeriums derzeit 51 Sicherungsverwahrte, 48 von ihnen sind in der JVA Straubing untergebracht. Circa 60 Prozent sind Sexualstraftäter, 40 Prozent Gewalttäter.

Brommer sagt, er sei heute ein anderer. "Bin ich gefährlich? Nein!", antwortet er sich selbst, "und kann ich gewalttätig und gefährlich werden? Ja! Das aber kommt auf die Umstände an." Dies gelte für viele andere Menschen auch. Auf der Couch im Wohnzimmer seiner Gefährtin zeigt sich, wie sehr ihn noch die Zeit im Bezirkskrankenhaus gefangen hält: "Mir wollten sie da soziales Verhalten beibringen, aber da drinnen lassen sie die Leute verrecken."

Einmal habe er einem ThUG-Probanden das Leben gerettet. Der lag regungslos am Boden. Nachdem die Sicherheitskräfte auf Brommers Aufforderung nicht reagiert hätten, dem Mann zu helfen, habe er seinen Münchner Anwalt angerufen. Erst auf dessen Druck hin sei etwas passiert. Ahmed bestätigt: "Ich habe sofort im Bezirkskrankenhaus angerufen und nach einem verantwortlichen Arzt verlangt." Daraufhin sei in Straubing aufgelegt worden. Ahmed schickte mehrere Faxe hinterher, das wirkte offenbar. In der Neurologie sei später festgestellt worden: Der Patient hatte einen Schlaganfall. Das Bezirkskrankenhaus Straubing bestätigt, dass einer der ThUG-Klienten einen Schlaganfall erlitten habe. Aber: "Selbstverständlich wurde er in ein Fachkrankenhaus zur Diagnostik und Behandlung gebracht." Bei akuten Notfällen werde unverzüglich gehandelt.

Für seine Zukunft hat Martin Brommer noch keine Pläne - außer: "Raus aus dem kriminellen Milieu in München - damit will ich nichts mehr zu tun haben", sagt er. Wenn es gut laufe, werde er Gelegenheitsjobs finden. Er habe mit den Jahren gelernt, Hilfe anzunehmen. Das unterscheide ihn von früher. Und provozieren lasse er sich auch nicht mehr: "Wenn jemand meint, Brommer, du bist ein Depp, dann sage ich: Gut, erklär's mir."