Museum Tegernseer Tal Der einsame Riese vom Tegernsee

Thomas Hasler überragte seine Mitmenschen deutlich

(Foto: oh)

Wuchernde Knochen hatten die menschliche Form weitgehend abgelöst: Es ranken sich einige Mythen um den Riesen vom Tegernsee, der 1984 mit 2,35 Meter als größter Deutscher ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen wurde. Nun wird das Skelett des 1876 gestorbenen Thomas Hasler in seiner Heimat ausgestellt.

Von Sarah Ehrmann

Bis kurz vor seinem Tod wohnte Thomas Hasler in einer Scheune. Dort konnte er aufrecht gehen - das war bei einer Körpergröße von 2,35 Meter in den niedrigen Wohnhäusern des 19. Jahrhunderts unmöglich. Doch viel entscheidender: Dort erschreckte sich niemand vor seinem Gesicht. Wuchernde Knochen hatten die menschliche Form weitgehend abgelöst, ein Auge stand hoch, eines war blind, das Kinn ragte nach links. Es ranken sich einige Mythen um das Leben des Riesen vom Tegernsee, wie Hasler genannt wird, der 1984 als größter Deutscher ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen wurde. Eines gilt als sicher: Der 25-Jährige war sehr einsam, als er 1876 starb.

Das Skelett steht aufrecht, die Knochen von Metallstäben zusammengehalten, jeder Fingerknöchel, jedes Gelenk. Seit beinahe 140 Jahren gehört das Riesenskelett Thomas Haslers zur Sammlung des Pathologischen Instituts der Uni München. Nun wird es verreisen - an den Tegernsee, wo Hasler 1851 auf dem Grundnerhof in Gmund geboren wurde. Im Museum Tegernseer Tal wird es bis Anfang Oktober gezeigt.

Um zu verstehen, warum das Skelett nicht auf einem Friedhof beerdigt ist, muss man 150 Jahre zurückgehen, in die Zeit der industriellen Revolution. Viele Techniken werden gerade erst entwickelt, Fotos sind nur als Unikate auf versilberten Kupferplatten möglich. Um Dinge zu dokumentieren, muss man sie sammeln. Insekten, Pflanzen, Menschen. An den Universitäten füllen sich die pathologisch-anatomischen Abteilungen mit Exponaten und sogenannten Kuriosa. Auf den Jahrmärkten herrscht eine Kultur des Begaffens: Riesen und Kleinwüchsige stellen sich einem feixenden Publikum zur Schau.

Thomas Hasler ist neun, als er plötzlich rasant zu wachsen beginnt. Die Nachbarn vermuten einen Pferdehuftritt ins Gesicht. Erst in den 1990er Jahren kann Andreas Nerlich, Chefarzt der Pathologischen Institute der Kliniken Bogenhausen und Schwabing, belegen, dass Hasler jedoch an einem wachstumshormonproduzierenden Tumor an der Hirnanhangsdrüse litt. Hasler schießt in die Höhe, mit elf soll er nicht mehr in die Schulbank gepasst haben. Dafür war er offenbar unermesslich stark: Er soll ein umgestürztes Fuhrwerk ohne fremde Hilfe wieder aufgerichtet haben. Bei Kegeln zertrümmerte er offenbar mit Freude die Holzkegel. Und einmal soll er sogar ein in den Morast gesunkenes Fuhrwerk samt Holzstämmen herausgestemmt haben.

Vielleicht brauchte er Geld, jedenfalls wendet sich Hasler ans Anatomische Institut der Uni München. Einen Tag vor einem Termin in der Pathologie stirbt er jedoch; vermutlich an einer gewöhnlichen Grippe, verbunden mit einer leichten Hirnschwellung. In seinem Schädel ist kein Millimeter Platz mehr. Die Knochenfehlbildung Fibröse Dysplasie hat die vordere Schädelwand in den Kopf hineinwuchern lassen. Die Familie vermacht die Leiche der Anatomie. Doch bis die 50 Kilometer vom Tegernsee nach München zurückgelegt sind, ist der Körper so verwest, dass nur noch das Skelett konserviert werden kann. Weichteile, Gehirn, Muskeln und Sehnen werden kirchlich auf dem Südfriedhof bestattet.

Für die Organisatoren der Ausstellung gab das letztlich den Ausschlag, die Ausstellung zu wagen. "Wir werden das Skelett in einem anständigen Rahmen ausstellen", sagt der Kirchenhistoriker Roland Götz. Dass sich Leute vor dem Skelett fotografieren, will er nicht erlauben - "das würde mir nicht gefallen". Fotos machen dürfen Besucher vor einer Wand, auf der neben dem Umriss Haslers auch der typische Bayer des 19. Jahrhundert aufgezeichnet ist - er war 1,62 Meter groß. "Dieses Skelett ist ein Unikum - wenn wir es jetzt bestatten, verschließen wir uns einer möglichen kommenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung", sagt Pathologe Nerlich. Entscheidend sei, dass das Skelett nicht gegen den Willen von Hasler oder der Familie aufbewahrt wurde. An dem Skelett werde deutlich, wie schnell sich die Medizin in einem Jahrhundert entwickelt hat. Den Tumor, der den Riesenwuchs verursachte, können Ärzte heute behandeln, das Gesicht zumindest plastisch korrigieren.

Als der Pathologe dem Riesen vom Tegernsee allerdings ein Gesicht geben wollte, patzte das Computerprogramm. "Da kam ein Alien heraus - und so hat Thomas Hasler sicher nicht ausgesehen", erzählt Nerlich. Kein Wunder: Die Computersoftware arbeitet nach bestimmten Parametern. Für den von Krankheit gezeichneten Schädel von Hasler passen sie nicht. Dass die Besucher dennoch als Rekonstruktion sehen können, wie Thomas Hasler ausgesehen haben könnte, ermöglicht die Gerassimov'sche Methode: Das Gesicht wird dabei aus Ton modelliert, "mit einer gewissen künstlerischen Note."

"Der größte Bayer - Thomas Hasler, der Riese vom Tegernsee", 18. Mai bis 6. Oktober, Museum Tegernseer Tal, Seestr. 17, Tegernsee. Tel. 08022-4978, http://www.museumtegernseertal.de.