Augsburg Bilder, die zu Tränen rühren

Was Kinder psychisch kranker Eltern zeichnen

Eine Ausstellung in Augsburg zeigt nun ihre Bilder. mehr...

Eine Ausstellung in Augsburg zeigt Zeichungen von Kindern, deren Eltern psychisch krank sind. Wie die Kleinen ihre Erlebnisse verarbeiten.

Von Dietrich Mittler

Niemand war da, um Susanne Güldner zu helfen: 23 Jahre alt, fünf Kinder und ein Ehemann, der seine Verantwortung nicht wahrnahm. Völlig überfordert rutschte die junge Frau in eine Psychose. Eines Tages überkam Güldner (die Namen der Betroffenen wurden geändert) die Vorstellung, ihr Mann stehe vor der Tür und wolle die Kinder umbringen. "Springt aus dem Fenster", sagte sie zu zweien ihrer Töchter.

"Ich habe aus dem Fenster im zweiten Stock geschaut und mir damals als Dreijährige gesagt: Dann bin ich tot", erinnert sich Gerda Lenzhuber. Kurzum: Sie und ihre Schwester Daniela sprangen nicht. Die Mutter ist seit mehr als zehn Jahren tot, die Vergangenheit aber lebt fort. Viele Jahre beschlich Güldners mittlerweile erwachsene Kinder die Angst, selbst von psychischen Erkrankungen bedroht zu sein.

Gesundheitsministerin Melanie Huml hat am Mittwoch in Augsburg eine Wanderausstellung eröffnet, die unter dem Titel "KinderSprechStunde" Buben und Mädchen psychisch kranker Väter oder Mütter zu Wort kommen lässt - untermalt von Bildern, in denen die Kinder ihre Ängste, Hoffnungen und Sorgen zum Ausdruck bringen.

Was die Kinder zeichneten

Diese wirken lustig, aber nur solange man sie aus der Ferne betrachtet: ein blaues Strichmännchen etwa, mit langen, rotbraunen Zottelhaaren. Zu seinen Füßen deutet ein Pfeil auf eine Lache. "Papa trinkt zu viel", ist das Bild untertitelt. Der fünfjährige Marvin, der die Zeichnung angefertigt hat, hat den Ausstellungsmachern erzählt, dass die anderen Buben und Mädchen im Kindergarten immer lachen, wenn er ihnen vormacht, wie sein Papa umhertorkelt. Ihn selbst macht das traurig.

Und dann ist da auch dieses grüne Gespenst, das neben einem Arzt steht. Sarah hat das Bild gemalt. Der Arzt hat am Arm ein Netz hängen - und in diesem Netz ist Mama, aufgefangen. Das Bild entstand nach einem Klinikbesuch, seitdem weiß Sarah, was eine Psychose ist und warum Mama künftig zweimal am Tag Tabletten einnehmen muss. Nun aber darf die Mutter endlich wieder nach Hause. Dort hat Sarah alles aufgeräumt, was die Mama nicht mehr geschafft hat. Sie soll es ja schön haben, wenn sie kommt.

"Das sind Sätze, die uns unter die Haut gehen, Geschichten, die uns zu Tränen rühren, und Bilder, die der Traurigkeit ein Gesicht geben", sagte Melanie Huml bei der Ausstellungseröffnung im Rokokosaal der Regierung von Schwaben. Die Ausstellung ist zugleich auch der Auftakt der diesjährigen Kampagne "Psychische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen".

"Wir brauchen mehr psychiatrische Hilfsangebote"

Dass diese keinen Augenblick zu früh kommt, beweisen vorliegende Zahlen. Gut ein Fünftel aller Heranwachsenden zeigt demnach psychische Auffälligkeiten und zehn Prozent der sieben bis 17-Jährigen leiden an einer psychischen Störung - seien es Depressionen, Aufmerksamkeits-, Ess- und Verhaltensstörungen oder Suchterkrankungen.

Handlungsbedarf sieht auch die Opposition im Landtag. Kathrin Sonnenholzner, die gesundheitspolitische Expertin der SPD-Fraktion fordert: "Wir brauchen mehr psychiatrische Hilfsangebote für Kinder und Jugendliche, viel mehr Angebote zur Suizidprävention." Auch sei es höchste Zeit, dass im Landtag das sogenannte Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz verabschiedet werde, das die Rechte psychisch kranker Menschen stärken soll. Etwa dadurch, so betont Sonnenholzner, dass flächendeckende Angebote zur Krisenintervention festgeschrieben werden. Die SPD-Abgeordnete sieht indes Humls Kampagne durchaus auch positiv: "Alle Maßnahmen, die zu mehr Verständnis für psychische Erkrankungen führen, sind nützlich."

"Noch immer gibt es Vorurteile gegenüber Menschen mit psychischen Störungen", sagte die Ministerin in Augsburg. Dem wolle und werde sie gegensteuern. Es gehe darum, "unsere Kinder und Jugendlichen stark zu machen" - so auch gegen die latente Angst, selbst psychisch zu erkranken. Den zweiten Teil ihrer Kampagne will Huml im Herbst sodann der psychischen Gesundheit von Erwachsenen widmen.