Mitten in Bayern Die Bahn zwischen Irrwitz und Utopie

Zugpendler in der bayerischen Provinz sind von der Bahn viel gewohnt. Allerdings wenig zu ihrer Erbauung. Und so schauen sie mit einer kleinen Portion Neid nach Oberursel im Taunus

Kolumne von Rudolf Neumaier

Oberursel klingt eher nach einem Wortspiel mit dem leider aus der Mode gekommenen Vornamen Ursula, aber auch nach karierten Tischdecken und Marmorkuchen - eher jedenfalls als nach Innovation, Irrwitz und sprühender Kreativität. Aber Oberursel im Taunus ist schön und vor allem steht dort ein Ideenzug. Ein Ideenzug! Was man sich darunter vorzustellen hat, lässt die Südostbayernbahn gelegentlich ausgewählte Stammgäste erkunden, indem sie diese Leute ins hessische Oberursel befördert. Die Südostbayernbahn, muss man wissen, fährt Orte wie Töging, Egglkofen und Ampfing an. Und den Leuten dort bläut die Staatsregierung Tag für Tag ein, dass ihre Gegend mit fortschrittlichster Technik gesegnet sei.

Im Ideenzug von Oberursel befinden sich Schlafboxen, Fitnessbereiche mit Spinning-Rädern, Massage-Sessel und drehbare Sitze sowie Getränke- und Imbissautomaten. Zum Pläsier der Zugpendler berichtete der Alt-Neuöttinger Anzeiger von einem Ausflug ausgewählter Leser nach Oberursel. Die Bahn, hieß es, wolle "experimentieren, auch mal das Unmögliche oder Irrwitzige wagen". Mit all diesen irren Interieurs und Applikationen soll der Regionalzug der Zukunft ausgestattet sein. Die Bahnpassagiere, die in der Früh nach München fuhren und den Zeitungsbericht schon zum dritten Mal lasen, weil ihnen eine energische Schaffnerin den Morgenschlummer verwehrte, diese Passagiere äußerten eine gewisse Skepsis. Sie philosophierten: Wo hört der Irrwitz auf und wo beginnt die Utopie? Hinter Schwindegg? Noch vor Hörlkofen?

Viele Pendler in den bayerischen Provinzen wären schon zufrieden, wenn sie beim Bahnfahren endlich eine Mobilfunk-Verbindung ohne Unterbrechung bekämen. In abgelegensten Karpatengegenden, in den verlassensten Weingärten Kretas und selbst in Oberursel gibt es durchgehend und zuverlässig Internet-Empfang. In der City von Oberursel bietet sogar die Stadt selbst freies Wlan an. Zwischen Mühldorf und München ist das noch Utopie und Irrwitz zugleich. Wer angesichts der stattlichen und immer weiter steigenden Fahrpreise auch noch einen Allerwelts-Service wie freie Wlan-Nutzung ersehnt, lebt in einer Fantasie-Welt. Aus südostbayerischer Sicht spielt Oberursel in der Science-Fiction-Liga.