Mittelstufe Plus Ansturm auf das neunstufige Gymnasium

Ein Jahr länger bis zum Abitur: Bayerns Schüler wollen sich mehr Zeit lassen. Die Beteiligung am Modellversuch ist überraschend hoch.

(Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa)
  • Der Andrang für den zweijährigen Modellversuch "Mittelstufe Plus" ist gewaltig.
  • An den Projektschulen wird vor Ablauf der Bewerbungsfrist klar, dass mehr als die Hälfte der Siebtklässler im kommenden Schuljahr ins neunjährige Gymnasium einschwenkt.
  • Die Zahl der Modellschulen soll zunächst nicht erhöht werden.
Von Anna Günther

Eine Mehrheit der bayerischen Eltern und Schüler wünscht sich offensichtlich das neunstufige Gymnasium zurück. Der Andrang für den zweijährigen Modellversuch Mittelstufe Plus ist jedenfalls gewaltig. Zwar läuft die Anmeldefrist noch bis zum 4. Mai, aber schon jetzt ist an vielen der 47 Projektschulen klar, dass mehr als die Hälfte der Siebtklässler im kommenden Schuljahr ins neunjährige Gymnasium einschwenkt.

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Mancherorts ist die Nachfrage sogar so hoch, dass Schulleiter Kinder abweisen müssen, um das G 8 nicht zu gefährden. In der Staatsregierung war man 2014 noch davon ausgegangen, dass sich höchstens ein Viertel der Kinder für die Verlängerung der Schulzeit um ein Jahr interessieren werde. Doch wie auch schon in Hessen oder Baden-Württemberg ist die Nachfrage immens. In vier von sieben Regierungsbezirken liegen die Anmeldungen derzeit bei etwa 50 Prozent, in Oberfranken, Niederbayern und der Oberpfalz teils sogar noch höher.

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Mehr Zeit für die Kernfächer

Der Stoff wird in der Mittelstufe Plus von drei auf vier Jahre gestreckt, so haben die Kinder weniger Fächer pro Jahr, wenn Nebenfächer verteilt und Nachmittagsstunden gestrichen werden. Zugleich bleibt mehr Zeit für die Kernfächer Deutsch, Mathe und die Fremdsprachen. Karl Ritter musste am Johann-Michael-Sailer-Gymnasium in Dillingen an der Donau sogar dafür werben, dass im Herbst wenigstens eine der vier siebten Klassen im G 8 bleibt. "Wir wollten vermeiden, dass der reguläre Zweig in der Oberstufe keine Wahlmöglichkeit hat, nur weil die Klasse zu klein ist", sagt der Schulleiter, der auch Sprecher der 47 Modellschulen ist.

Mit diesem Ansturm habe er nicht gerechnet. Ritter war der Meinung, dass er nur mit Mühen eine Modellklasse zusammenbekommen würde, nun musste er sogar Schüler ablehnen. Auswahlkriterien dafür sind am Dillinger Gymnasium die Noten und besonders die pädagogische Begründung der Eltern. Immerhin ist nun eine G8-Klasse mit 26 Kindern zustande gekommen - bei drei Plus-Klassen.

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Resteklassen, wie befürchtet wurde, sind diese laut Ritter gerade nicht. Sogar sehr gute Schüler hätten sich beworben. Auffallend sei, dass viele von ihnen schon mit fünf Jahren eingeschult worden seien. Die Eltern wollten jetzt, dass ihr Kind Zeit bekomme, um zu reifen, sagt der Dillinger Schulleiter. Diese Jugendlichen absolvierten mit 16 oder 17 Jahren bereits ihr Abitur - zu jung für manche Studiengänge. Beim Dillinger Informationsabend erzählte eine Mutter, dass ihre 17-jährige Tochter ein Jahr auf den Medizinstudienplatz warten musste, nur weil sie zu jung war. "Das dürfte noch einige Eltern beeinflusst haben", sagt Ritter.

Kein Nachmittagsunterricht im G9

Dabei war ein Grund für die Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre, dass die Jugendlichen früher an die Universitäten und in die Ausbildung kommen sollten. Und jetzt ist die Reifezeit in den Plus-Klassen neben dem langen Schulweg eine der häufigsten Begründungen - jedenfalls in Dillingen. Das Land-Gymnasium hat einen großen Einzugsbereich und viele Kinder einen langen Schulweg. Dass in der Mittelstufe Plus kein Nachmittagsunterricht stattfindet, könnte also auch den überaus großen Andrang erklären.

In diesem Punkt schwenkte das Kultusministerium recht spät um. Wäre das eher bekannt gewesen, hätten sich aus Sicht des Philologenverbandes deutlich mehr Schulen beworben. Von 71 Interessenten wurden 47 ausgewählt. Die Zahl der Modellschulen auf die Schnelle noch zu erhöhen, kommt laut Kultusministerium nicht in Frage: "Es waren erst 35 Gymnasien angedacht, jetzt sind es ohnehin mehr, und die Pilotphase ist mit zwei Jahren doch ein überschaubarer Zeitraum", sagte der Sprecher Ludwig Unger. Danach könnte die Mittelstufe Plus ausgeweitet werden - wenn auch die Politik den Versuch als Erfolg wertet.

50 bis 60 Prozent Nachfrage

So lange wollen die Freien Wähler nicht warten. An diesem Mittwoch will der Bildungsexperte Günther Felbinger einen Dringlichkeitsantrag in den Landtag bringen und die Staatsregierung auffordern, alle Kindern aufzunehmen, die sich für die Mittelstufe Plus interessieren. "Es darf keinesfalls soweit kommen, dass Eltern und Schüler, die sich bewusst für mehr Zeit zum Lernen und Leben entscheiden, abgewiesen werden", sagt Felbinger.

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Das Dillinger Gymnasium ist mit 75 Prozent ein Extrembeispiel, doch viele Schulleiter sprechen von 50 bis 60 Prozent Nachfrage und erzählen von Kollegen mit gleichen Erfahrungen. Auch am Neuen Gymnasium in Nürnberg sieht es derzeit so aus, die Frist läuft noch. Schulleiter Karl-Heinz Bruckner zählt sich zu den Kritikern der Mittelstufe Plus und gibt sich jetzt milde: "Das Konzept scheint auf den ersten Blick gut umsetzbar zu sein, aber der Teufel liegt im Detail." Fächer zu strecken, mache Sinn, etwa wenn Kinder, die in Griechisch schwach sind, ein Jahr aussetzen, um Vokabeln und Grammatik zu wiederholen.

In Deggendorf beispielsweise kommen zu den Siebtklässlern auch noch die Schwächeren aus der 8. Klasse, die lieber in der Plus-Klasse wiederholen wollen. "Und das obwohl dies die Schulzeit um zwei Jahre verlängert", sagt Heinz-Peter Meidinger, der Schulleiter des Robert-Koch-Gymnasiums. Auch an seiner Schule sieht es derzeit nach 60 Prozent aus, die Frist läuft bis Freitag.