Von Olaf Przybilla

Im Fall des verhungerten Kindes verdächtigt die Polizei die Eltern des Totschlags - das Jugendamt hatte offenbar keine Hinweise auf Gefährdung des Kindes.

Im mittelfränkischen Thalmässing haben Eltern ihre dreijährige Tochter verhungern lassen. Am Samstagabend hatten sie den Rettungsdienst verständigt. Sie gaben an, der Gesundheitszustand ihrer Tochter Sarah habe sich verschlechtert. Das Kind wurde daraufhin in eine Nürnberger Klinik gebracht.

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Ein Spielstraßenschild in Thalmässing, im Hintergrund das Haus, in dem die Familie der dreijährigen Sarah wohnte. (© Foto: AP)

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Dort konnte es nicht mehr gerettet werden und starb am Montag - laut der Obduktion an den Folgen einer Mangel- und Unterernährung. Gegen die Eltern wurde Haftbefehl erlassen. Ermittelt wird gegen sie wegen gemeinschaftlichen Totschlags durch Unterlassen.

Der 29 Jahre alte Vater des Kindes, von Beruf Kraftfahrer, wurde am Montag in Roth festgenommen. Er sei befragt worden, sagte ein Sprecher des Landgerichts Nürnberg-Fürth, habe sich zu den Vorgängen aber nicht geäußert.

Die 26 Jahre alte, nicht berufstätige Mutter befindet sich auf der Intensivstation einer Klinik. Ihre Erkrankung habe nichts mit Sarahs Tod zu tun, teilte die Polizei mit. Die Mutter wird bewacht. Der vierjährige Bruder des Mädchens befindet sich bei seinen Großeltern. Er ist wohlauf.

Die Familie war vor fünf Jahren in den Landkreis Roth gezogen. Nach Hinweisen aus dem Jugendamt, das zuvor zuständig gewesen war, kümmerte sich seit 2005 der sozialpädagogische Familiendienst um die Eltern.

Zweieinhalb Jahre lang suchten Mitarbeiter der Diakonie die Familie vier Stunden pro Woche auf. Hinweise auf Kindesmisshandlung habe es in dieser Zeit nicht gegeben.

Da das Amt eine Gefährdung der beiden Geschwister nicht mehr gesehen hatte, kontrollierte die Behörde von April 2007 an die Familie nur noch sporadisch. Nach Angaben des Landratsamts suchte ein Mitarbeiter des Jugendamts die Familie zuletzt im November 2008 auf. Er habe berichtet, die Kinder seien wohlauf und gut ernährt gewesen, sagte Manfred Korth, der Leiter des Jugendamtes.

Hinweise auf Probleme oder gar Gewalt in der Familie habe es keine gegeben. "Damit hat niemand gerechnet", sagte Korth über Sarahs Tod.

"Ein GAU für ein Jugendamt"

"Das ist der GAU für ein Jugendamt, wenn so etwas passiert." Laut dem Gerichtssprecher ist die Behörde nicht Ziel der Ermittlungen.

"Ich bin sprachlos", sagte Georg Küttinger, der Bürgermeister des 5300-Einwohner-Ortes. "Es ist unvorstellbar und grausam. Gerade heute, wo es so viele Hilfeangebote gibt, darf so etwas nicht passieren." Erschüttert äußerte sich auch der Landrat des Kreises Roth, Herbert Eckstein. Es habe keine Hinweise aus der Bevölkerung auf etwaige Probleme in der Familie gegeben, sagte der Landrat. "Darauf sind wir angewiesen." Im Gegensatz zu ihrem vier Jahre alten Bruder besuchte Sarah noch nicht den Kindergarten. Der Vierjährige entwickele sich völlig unproblematisch, teilte der Kindergarten mit.

Der Bruder hatte alles bekommen

Die Familie wohnt im Ortskern der Marktgemeinde Thalmässing über einem Lokal. Anwohner und Geschäftsleute berichteten, die 2005 zugezogene Familie sei im Ort zwar bekannt gewesen, habe aber vergleichsweise zurückgezogen gelebt.

Er könne sich nicht erinnern, sie "mal beim Marktplatzfest, der Kirchweih oder einem anderen Fest gesehen zu haben", erzählte der Bürgermeister. Zu ihrem vierjährigen Sohn sei die Mutter sehr fürsorglich gewesen und habe ihm immer alles gekauft, sagte die Verkäuferin eines nahe gelegenen Geschäfts.

In Bayern wurde zuletzt im Jahr 2000 ein Elternpaar zu Haftstrafen verurteilt, dessen elf Monate altes Kind an den Folgen von Unterernährung gestorben war. Im Fall eines am Heiligabend 2006 in Erding gestorbenen Säuglings wurden die Eltern des Totschlags durch Unterlassung für schuldig befunden.

Sie hatten trotz einer Gehirnhautentzündung des Mädchens keinen Arzt aufgesucht; ein Gutachter schloss aber auch Verdursten oder Verhungern als Todesursache nicht aus. Im August 2007 retteten die Behörden ein zehn Wochen altes Kind aus einer verwahrlosten Wohnung in Illertissen. Es war kurz davor, zu verhungern und zu verdursten.

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(SZ vom 12.08.2009/ehr)