Mit 92 im Kramerladen Im Dienst seit 1936

Krieg, Krisen, Konkurrenz: Alles hat ihr Laden überlebt. Wieso steht man mit 92 noch im Laden - und wie hält man ein Geschäft 75 Jahre am Laufen? Einblicke in das Schaffen der Haushaltswarenverkäuferin Resi Obereisenbuchner, die das Motto lebt: "Ja, soll ich meine Kundschaft warten lassen!"

Von Hans Kratzer

Dicke Schneeflocken tänzeln vor dem Schaufenster des Haushaltswarengeschäfts Obereisenbuchner, Sekunden später lösen sie sich in der Nässe des Gehsteigs auf. Der Markt Velden wirkt etwas schläfrig an diesem Vormittag, doch nun zerreißt eine verzweifelte Stimme die vorweihnachtliche Behaglichkeit. "Reeesii, . . . Reeeeesiii, . . ., ja des gibt's doch nicht, wo ist denn die Resi?" Eine Kundin steht vor dem Laden und starrt auf die verriegelte Haustür. "Das ist ja ganz was Neues, die Resi ist nicht da."

Der Laden der Resi Obereisenbuchner ist tatsächlich nur selten geschlossen. Eigentlich ist er ein Fall für das Guinness Buch der Rekorde. Schon 1936, als Berlin gerade die Olympischen Spiele ausrichtete, bot Frau Obereisenbuchner in Velden Besen und Backformen, Gläser und Geschirr, Tiegel und Töpfe feil. 75 Jahre danach gibt es den Laden und seine Inhaberin immer noch.

Sie hat die Mangelwirtschaft während des Kriegs überstanden, als die Kunden die wenigen Dinge, die sie noch anbieten konnte, fast ausrauften, dann die Zeit des Wirtschaftswunders, und selbst die Stürme der Globalisierung sowie der Druck der Großmärkte sind bislang wirkungslos an dem ehrwürdigen Geschäftshaus abgeprallt.

Endlich taucht die Resi auf. Aufrecht marschiert sie die gache Steigung zu ihrem Laden hinauf, dabei steht sie schon im 92. Lebensjahr. "Ja Resi, wo bist denn allerweil?", schallt es ihr entgegen. "Ich muss doch auch amal zum Doktor", entgegnet sie: "Ich kann mich ned darenna." Vor Tagen hat sie sich am Fuß verletzt, in der Praxis sagten sie zu ihr: "Frau Obereisenbuchner, warum kommen Sie denn erst jetzt?" Sie antwortete: "Ja soll ich meine Kundschaft warten lassen!"

Warten lassen - in der Weihnachtszeit, das geht wirklich nicht. Die Menschen hetzen durch die Tage, angestachelt von Konzernen, die ihnen weismachen wollen, dass Weihnachten unter dem Baum entschieden werde. Resi Obereisenbuchner hat diese Kriegsrhetorik nicht nötig. Sie setzt lieber auf ihre Stärken, und die heißen Freundlichkeit, menschliche Wärme und Zuverlässigkeit. "Du Resi, ich bräucht' eine Muffinsform zum Backen, du weißt schon . . .!", ruft ihr eine Kundin zu. "Und mir bringst a Schneeschaufel, der Radio sagt, dass ein Sauwetter kommt", platzt ein Mann heraus, der gerade in den Laden stürmt.

Mit stoischer Ruhe kramt die gute Frau Obereisenbuchner alles Gewünschte aus den labyrinthischen Tiefen der Regale hervor. Manches baumelt neben einem Zehnerpack Kleiderbügel an einem quergespannten Draht. "Resi, kann ich dir helfen?", fragen die Kunden. "Nein, nein, des find ich schon, ich habs ja auch eingeräumt", antwortet sie. Im Notfall zieht Resi Obereisenbuchner ihre Trittleiter hervor und steigt hinauf. "Da schau her", meldet sie zufrieden, "macht drei Euro gradaus." Einen Taschenrechner braucht sie nicht. "Des bisserl rechne ich doch leicht im Kopf aus."

Frau Obereisenbuchner hat nie geheiratet. "Ach", sagt sie, "wer weiß, was das geworden wär." Schon als Kind hat sie gelernt, was im Leben alles schiefgehen kann. Unvergessen, wie im benachbarten, längst abgerissenen Wirtshaus der Koch bei einer Primizfeier aus Versehen einen Schöpfer Petroleum in den Topf mit der Fischsuppe goss. Danach mussten alle hungrig nach Hause gehen. "Deshalb bin ich schon zufrieden, wenn meine Kunden zufrieden sind. Solange ich noch kann, mache ich weiter", sagt sie. Jeden Tag steht sie von acht Uhr früh bis 18 Uhr im Laden. Urlaub gibt es nicht, und manchmal wird sie sogar mitten in der Nacht herausgeklingelt. Einmal hat eine Frau an Heiligabend gegen 21 Uhr geläutet. "I möcht Vorhänge aufhängen", erzählte sie treuherzig, "und i bräuchad noch Vorhangzwickerl."