Milchbäuerin Sabine Holzmann über ihren Hungerstreik vor dem Kanzleramt und warum sie sich von Bauernpräsident Sonnleitner nichts erwartet.
Eine Woche lang haben Sabine Holzmann und 200 weitere Bauersfrauen vor dem Bundeskanzleramt in Berlin demonstriert, fünf Tage waren sie und fünf andere Bäuerinnen im Hungerstreik. Damit wollte die Milchbäuerin aus Gutthät bei Landshut einen Milchkrisengipfel unter der Führung von Angela Merkel durchsetzen. Bei einem Milchpreis zwischen 20 und 25 Cent können die Milchbauern nicht mehr wirtschaften, Tausenden droht das Aus. Aber Merkel erhörte die Frauen nicht, am gestrigen Sonntag brachen sie ihre Kundgebung ab.
Bild vergrößern
Der Streik der bayerischen Milchbauern vor dem Bundeskanzleramt blieb erfolglos. (© Foto: ddp)
Anzeige
SZ: Sie sind ja völlig heiser, Frau Holzmann, wie sehr hat Sie der Hungerstreik strapaziert?
Sabine Holzmann: Das ist schon sehr anstrengend, ich hab' jetzt fünf Tage nichts gegessen und dann die Nächte im Freien. Die waren sehr kalt. Da wird nicht nur der Hunger schlimm, da spielen irgendwann auch die Nerven nicht mehr mit.
SZ: Und das alles, ohne dass es etwas gebracht hat. Frau Merkel hat nicht einmal mit Ihnen gesprochen, geschweige denn, dass sie Ihre Forderung nach einem Krisengipfel erfüllt hat.
Holzmann (im Hintergrund hört man plötzlich Frauen singen und skandieren, es wird sehr laut am Handy): Wir bilden hier gerade die Menschenkette vom Kanzleramt zum Europahaus. Der Zuspruch, auch aus der Bevölkerung, ist gigantisch. Die Berliner verstehen ebenfalls nicht, warum die Politiker uns Milchbauern an die Wand fahren und Merkel nicht einmal mit uns sprechen will. Deshalb gehen wir hier als Sieger vom Platz, zumindest moralisch.
SZ: Das verhilft Ihnen aber auch nicht zu einem besseren Milchpreis. Wenn der weiter bei 20 bis 25 Cent bleibt oder sogar noch tiefer fällt, müssen Tausende Milchbauern aufhören.
Holzmann: Wir wissen jetzt, dass wir von der Politik nichts zu erwarten haben. Mit der Europawahl und der Bundestagswahl haben wir zwei wichtige Wahlen vor uns. Wahltag ist Zahltag und wir Milchbauern haben jetzt gesehen, dass wir den Politikern nichts wert sind. Dafür werden sie die Quittung bekommen.
SZ: Aber so können Sie die Niederlage doch nicht abhaken?
Holzmann: Natürlich ist das alles hier niederschmetternd. Aber im Prinzip wissen wir ja seit langem, dass die Existenznot von 100.000 Milchbauern in Deutschland der Bundesregierung nichts bedeutet. Die Kundgebung vor dem Kanzleramt und der Hungerstreik sind ja nicht unsere ersten Protestaktionen. Wir haben jetzt noch einmal bestätigt bekommen, dass die Politiker kein Interesse an einer mittelständischen, bäuerlichen Landwirtschaft mit Familienbetrieben haben. Sie wollen uns weghaben und setzen stattdessen auf Agrarfabriken.
SZ: Und was ist mit Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner und Ministerpräsident Horst Seehofer? Die haben Sie ja besucht und Ihnen ihre Unterstützung zugesagt.
Holzmann: Aigner, Seehofer und andere CSU-Politiker versprechen uns ja auch schon seit langem ihre Hilfe, ohne dass sich unsere Lage verbessert. Das Vorziehen von EU-Zahlungen und kurzfristige Liquiditätshilfen, auf die sie setzen, bringen uns nicht weiter, zumindest nicht auf längere Sicht. Das ist Geschwätz, wir wissen, was Sache ist und was wir von der Politik zu halten haben.
SZ: Ist es nicht einfach so, dass Ihre Wünsche unerfüllbar sind? Sogar Bauernpräsident Gerd Sonnleitner hat Ihre Forderung nach einer flexiblen Steuerung der Milchproduktion als "völlig unrealistisch" bezeichnet.
Holzmann: Sonnleitner ist nicht unser Präsident, der vertritt doch schon lange alle anderen Interessen, nur nicht die der Bauern. Und deshalb ist auch der Bauernverband schon lange nicht mehr unser Verband. Unsere Interessensvertreter sind der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und der Bauernbund. In denen ist ja auch die Mehrheit von uns organisiert. Sonnleitner hat schon gewusst, warum er nicht zu uns vor das Kanzleramt gekommen ist, der hätte den Empfang bekommen, der ihm gebührt.
SZ: Aber auch das ändert nichts daran, dass Sie Ihre Vorstellungen nicht durchsetzen können, nicht in Deutschland und nicht in der EU, wo die Agrarpolitik ja eigentlich gemacht wird.
Holzmann: Wir haben sehr viel Zuspruch bekommen. Hier an unserer Abschlusskundgebung nehmen Bäuerinnen aus Österreich und Belgien teil. Und die ganze Woche über habe ich SMS-Nachrichten auf meinem Handy erhalten - von überall aus Europa, aus Irland, aus Frankreich, aber auch aus Holland. Das wird nur immer so gesagt, dass alle Milchbauern für die völlige Freigabe des Milchmarktes sind, nur ein paar Radikale aus Deutschland und vor allem aus Bayern nicht. Die Wahrheit sieht anders aus.
SZ: Wie machen Sie weiter? Planen Sie bereits die nächsten Aktionen?
Holzmann: Wir lassen uns nicht unterkriegen, nur weil Frau Merkel jetzt nicht mit uns sprechen wollte. Wir kämpfen weiter. Denn es geht um unsere Höfe und damit um die Zukunft von uns und unseren Kindern.
- Bauernpräsident Sonnleitner "Für die bin ich ein Feind" 15.05.2009
- Im Hungerstreik Ein Gipfel - und zwar sofort 15.05.2009
- Niedrige Milchpreise Bundesweite Proteste der Bauern 16.04.2009
- Proteste Milchbauern drohen mit neuem Streik 17.04.2009
- Milchquote Sonnleitners Torpedos 01.04.2009
(SZ vom 18.05.2009)
Single Awareness Day
Die neueste Antwort
"Die Berliner verstehen ebenfalls nicht, warum die Politiker uns Milchbauern an die Wand fahren..."
Stodterer halt - die verstehen vieles nicht. Zum Beispiel dass die Milchbauern zuviel Milch produzieren, sich dann ueber die zu grose Milchmenge am Markt beklagen die die Preise fallen laesst um dann einen Krisengipfel zu fordern. Der soll dann die Milchmenge verringern ohne dass den Milchbauren ein finanzieller Verlust ensteht, und die Preise sollen dabei noch kraeftig steigen. Dazu noch eine EU-weite Regelung dass keine Milch in die BRD importiert wird.
Soweit alles klar Berliner? Zur Ueberpruefung: Wer faehrt also wen an die Wand? Die Politiker die Milchbauern oder die Milchbauern sich selber?
"Deshalb gehen wir hier als Sieger vom Platz..."
Ja so sehen Sieger aus...shalala...wie stellen sich die Milchbauern eigentlich eine Niederlage vor?
"...dass die Politiker kein Interesse an einer mittelständischen, bäuerlichen Landwirtschaft mit Familienbetrieben haben."
Stimmt, zu dem exorbitanten Preis den die Bauern dafuer verlangen hat niemand Interesse an der "mittelständischen, bäuerlichen Landwirtschaft mit Familienbetrieben".
Die Konservativen haben durch Sonntagsreden immer wieder mit Erfolg die Masse der Bauern hinter sich scharen können.
Nun ist, wie mir scheint, zumindest zum Teil der Bart ab. "Man kann die Armen nicht reich machen, in dem man die Reichen arm macht" ( Abraham Lincoln).
Ich jedenfalls trinke gern Milch. Und bevorzuge heimische / regionale Produkte. Was ist das ganze Geschwätz von bäuerlicher Landwirtschaft und "pro Mittelstand" usw wert, wenn keine Taten folgen?
Preise sind Ergebnisse des Marktes. Gleichwohl wird das Marktgeschehen beobachtet und gibt es auch Marktordnungen.
Ich frage mich:
wofür ist die EU-Kommission da? wozu brauchen wir in Deutschland 17 Agrarminister ( Bund u. Länder)? wozu brauchen wir die weithin überdimensionierte Agrarverwaltung mit den vielen "Durchlauferhitzern"?
Fakt ist, dass die Bauern derzeit politisch sehr ungut vertreten werden und Sonnleitner (Bauernpräsident Deutschland) sitzt zwar in vielen Aufsichtsräten, ob dabei aber auch für die einfachen Landwirte etwas herauskommt, wage ich zu bezweifeln.
Jedenfalls haben es diese einfachen, ehrlichen, hart arbeitenden Menschen nicht verdient, derart "vera........" zu werden. Und die Sorge der Milchbäuerin Holzmann "um den Hof" nehme ich sehr ernst. Die Banken sind schnell bei der Hand, wenn jemand einmal wirtschaftliche Pech oder eine Delle hat (auch wenn der Betreffende gar nichts dazu kann). In Frankfurt habe ich mal ein Wort gehört, das mich sehr erschreckt hat: "Banker sind Henker!".
Jetzt wenden schon die Milchmädchen Methoden wie Hungerstreik und Blockadedemos an. Das sind doch ganz linke Methoden. Interessant ist: wenn der Kunde immer weniger zahlen will mutieren selbst die Erzkonservativsten plötzlich zu Sozialisten. Soziale Hängematte? Nix da, weitermelken und einen Zweitjob suchen. Sozial sei was Arbeit schafft. CSU forever.
Wie wäre es mit einer Start- und Landebahn von München nach Frankfurth?
Lösungsvorschlag:
Verzicht auf die 3. Startbahn am MUC, denn dort will die keiner haben und viele Bauern haben sich hier die letzten Jahre eh eine goldene Nase verdient. Außerdem hat´s schon die niedrigste Arbeitslosenquote in Deutschland.
Stattdessen kauft man den Milchbauern im schönen Voralpenland für gutes Geld viel Grund ab und baut den neuen MUC-Süd. Vorteile: Abbau der Milchüberproduktion, Schaffung neuer Arbeitsplätze (sonst doch immer das Topargument) für Bau und Betrieb (also nachhaltig!) des MUC-Süd und schnellere globale Erreichbarkeit für alle südlich von München Wohnenden. Nebeneffekt: weniger lange Autofahrten zum Flughafen. Zudem käme es zu einer gerechten Verteilung der Lasten (Lärm, Dreck) usw. auf die Gesamtbevölkerung. Wie wär´s ?
Paging