Die Milchbauern sind frustriert - und lassen sich von ihrem kämpferischen Verbandschef auf neue Boykottaktionen einstimmen.
Plötzlich ist es still in dem riesigen Bierzelt, ganz still. Auch an den Tischen, wo sie gerade noch gescherzt und gelacht haben, hören die Bauern wie gebannt auf den Mann weit vorne am Rednerpult. "Ihr habt bewiesen, dass ihr kämpfen könnt! Zehn Tage habt ihr letztes Jahr gestreikt und den Molkereien keine Milch geliefert", ruft Romuald Schaber, der streitbare Chef des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM), den 3000 Bauern zu.
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(© Foto: AP)
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"Wenn sich die Situation jetzt nicht bald bessert, müssen wir wieder die Ärmel hochkrempeln und noch mal kämpfen." Da hält es die Bauern nicht mehr, Beifall brandet auf, Kuhglocken läuten, Pfiffe gellen. Doch Schaber übertönt den Lärm. "Denn wir werden nicht zusehen", ruft er vom Podium hinab, "wir werden nicht zusehen, bis einige wenige Liberalisierer uns Milchbauern zugrunde gerichtet haben."
Kein Zweifel, die Kampfbereitschaft der Bauern wächst wieder. Warum sonst wären an einem ganz normalen Montagabend 3000 Milchbauern von überall aus dem Voralpenland nach Reutberg zum traditionellen Milchbauern-Abend des BDM geströmt? Wegen des Andrangs haben sie sogar das Bierzelt unterhalb des idyllisch gelegenen Franziskanerinnenklosters vergrößern müssen, in dem jedes Jahr in der Fastenzeit ein rauschendes Starkbierfest gefeiert wird.
Doch den Milchbauern ist nicht nach Feiern zumute. Sie treibt die Angst um. Die Angst, dass sie Haus und Hof nicht mehr halten können. Auch wenn sie noch so werkeln. Auch wenn sie sich noch so einschränken. Denn der Milchpreis ist in den vergangenen Wochen schneller und tiefer gefallen, als es Experten jemals für möglich gehalten hätten.
Zwischen 25 und 28 Cent erhalten die Bauern in Bayern derzeit noch für den Liter Milch, das sind mindestens zehn Cent weniger als vor Jahresfrist. Schon damals konnten sie damit kaum wirtschaften. Ein Ende der Talfahrt ist nicht in Sicht. In Norddeutschland werden bereits Literpreise von weniger als 20 Cent bezahlt. Viele Milcherzeuger in Bayern fürchten, dass sie bald mit den gleichen Preisen über die Runden kommen müssen. Das steigert die Wut auf die EU und auf den Bauernverband. Sie sind und bleiben aus Sicht der Milchbauern und ihres Anführers Schaber die Hauptschuldigen an der Misere.
Fast schon genüsslich zitiert Schaber im Reutberger Bierzelt eine Pressemeldung, nach der sich Bauernpräsident Gerd Sonnleitner und die EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel in einem "kurzfristig anberaumten Gespräch" verständigt haben, dass eine neue Diskussion über Produktionsbeschränkungen nichts bringe. Und das in Zeiten, in denen sich alle Experten einig sind, dass viel zu viel Milch auf dem Markt ist. Doch während inzwischen auch Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) die weitere Liberalisierung des Milchmarktes aussetzen will, sind Sonnleitner und Fischer Boel einzig dafür, zusätzliche Maßnahmen zur Absatzförderung zu prüfen.
Für diese Art Agrarpolitik hat keiner der Milchbauern am Reutberg Verständnis. Und keiner der Landtagspolitiker, für die der Milchbauerntag inzwischen Pflichttermin ist. Zumal es bald die Europawahl und wenig später die Bundestagswahl zu bestehen gilt. Sogar Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU) ist diesmal gekommen. Tapfer verteidigt der gelernte Landwirt aus dem Bayerischen Wald seine neuen Förderprogramme - wohl wissend, dass die Kuhprämie und die kleine Erleichterung bei der Agrardieselsteuer für die Bauern "nicht mal Tropfen auf dem heißen Stein sind". Der Beifall für Brunner ist lau. Alle warten nur auf Schabers Auftritt.
Mit aller Macht
Der Milchbauernchef, der im Allgäu einen Hof mit 40 Kühen bewirtschaftet, macht sofort klar, worum es für die Bauern geht. "Ein Literpreis von 20 Cent hat nichts damit zu tun, wie viel die Milch tatsächlich wert ist", ruft er gleich zu Beginn, "da ist eine Ideologie am Werk, die lässt den Karren immer weiter laufen, bis er so tief im Dreck steckt, dass nichts mehr geht." Dagegen wollen sich Schaber und die Milchbauern wehren - mit aller Macht.
Zwar hat der Milchstreik 2008 die Bauern viel Kraft gekostet und viele Wunden hinterlassen. Doch plötzlich scheint ein neuer Boykott nicht mehr ausgeschlossen zu sein. Auch wenn Schaber nicht davon spricht - zumindest nicht offen. "Wir werden eine andere Gangart einlegen", donnert er aber, "nicht nur in Deutschland, wir werden europaweit zusammenstehen."
(SZ vom 25.03.2009/jst)
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Die neueste Antwort
"Auch ist ihre Behauptung, daß es immer mehr Milchproduzenten gibt eine glatte Erfindung fern der Realität. Alleine in Niedersachsen ist in den letzten 10 Jahren die Zahl der Milchbetriebe um die hälfte ZURÜCKGEGANGEN. "
...ist ja schade, dass sie verwandtschaft in der landwirtschaft haben. aber das argument wird durch den hinweis auf niedersachsen nicht richtiger! die landwirtschaft - und gerade die milchproduktion - ist eine europäische angelegenheit. der ursprüngliche preis pro liter milch lag über dem eines fairen marktpreises. endeffekt: die milchproduktion steigt. bei stagnierender nachfrage haben die produzenten also ein problem, denn keiner will die milch haben - und schon gar nicht zu dem ursprünglichen preis. komisch eigentlich, obwohl milch ja ein sehr kostbares gut ist...
j.
Die Milchbauern in Frankreich zahlen 1 cent Mineralölsteuer, der deutsche Milchbauer 40 cent/Liter Diesel.
Da wunderts mich nicht, dass die Milch aus Frankreich billiger ist, die können mit dem Milchpreis leben.
"Tatsache ist aber auch, dass in den Ställen der Landwirte hochgezüchtete Milchkühe stehen, die immer seltener mit selbst angebauten Futter versorgt werden, weil ohne die Südamerikanische Sojabohne die entsprechenden Eiweiss-Wert garnicht mehr erreicht werden."
Ja warum wohl? Weil der Unterhalt einer Kuh viel Geld kostet aber Milch nix kosten darf. Daher muß die Milchleistung pro Kuh hochgehen. Dann braucht der Bauer weniger Stellfläche, weniger Anbaufläche für Futter, weniger Heizkosten, wengier Veterinärkosten und so weiter. Und trotzdem macht er immer weniger Schnitt und die Milchhöfe sterben weiter weg.
Tatsächlich produzieren immer weniger Kühe nicht mehr Milch, sondern in etwa das was die Quote vorschreibt.
Tatsächlich macht die Produktion nicht die Preise kaputt, sondern der Geiz der Kunden und der Milchverarbeitenden Industrie wie auch der Handelsketten die Milchqualität.
Es muß ja immer leistungsfähiger und billiger produziert werden. Den gleichen Wahn an Produktivitätswachstum haben wir überall.
Doch irgenwann ist Ende. Zum Beispiel in der Fischerei. Die gehen schon lange kaputt weil sie die Meere gnadenlos überfischt haben. Zum Glück hat hier die Politik die Notbremse gezogen und Schongebiete und Quoten ausgewiesen, um die Fischerei vor sich selber zu schützen.
"Der Milchbauer versucht gesunkene Literpreise durch eine höhere Menge wieder auszugleichen."
Und die Produktion einer höheren Menge wird gerade durch höhere Betriebskosten UND die Superabgabe UND Quotenkaufpreis begrenzt. Er kann daher gar nicht beliebig viel produzieren.
Derzeit nagen am eh geringen Milcherlös zudem steigende hohe Betriebskosten.
Vor 20 Jahren haben Milchbauern mehr Geld als heute für den Liter bekommen. Wenn man das mit der allgemeinen Teurerungsrate und der Inflation verrechnet, kann man in etwa abschätzen, was bei denen grad abgeht.
Wenn die Milchbauern streiken, habe ich als Verbraucher vollstes Verständnis. Sie werden auch von der CSU und Herrn Seehofer seit Jahren im Regen stehen gelassen. Die CSU kümmert sich lieber um die streikenden Ärzte. Die haben es offensichtlich nötiger als die Milchbauern.
Wenn allerdings die Milchbauern und allgemein der Bauernstand bei den Wahlen keine Konsequenzen ziehen und trotzdem noch mehrheitlich bei der CSU ankreuzeln, dann ist ihnen nicht mehr zu helfen.
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