Menschen mit Down-Syndrom Schweini, Robben, Müller: Pauli kennt sie alle

Kinder mit Down-Syndrom bereiten sich darauf vor, mit dem FC Bayern ins Stadion einzulaufen.

(Foto: privat)

Zum ersten Mal werden am Sonntag Kinder mit Down-Syndrom in die Allianz-Arena einlaufen. Die Idee schien so gewagt, dass alle lachen mussten. Dann kam eine SMS.

Von Christina Kufer, Garching an der Alz

Der 28-jährigen Lisa Mandl nimmt man den Bayern-Fan sofort ab. Von Kopf bis Fuß ist sie in rote Fanartikel gekleidet. Mit ihren Händen hält sie den Stoffbären Bernie fest umklammert, das Maskottchen des FC Bayern. Man spürt Lisas Aufregung. Für die kleine Pressekonferenz hat sie sich ihre Antworten in Großbuchstaben auf einen Zettel gedruckt. "Hinter dem Tor stehe ich und juble laut mit", steht dort. Immer wieder fällt Lisa Mandls Blick auf das Plakat an der Wand. Es zeigt die Allianz-Arena, groß, imposant - und noch leer.

Am Sonntag werden dort wie bei jedem Bayern-Heimspiel 75 000 Fans sitzen. Die Kurve wird in die Farben Rot und Weiß getaucht sein. Und mittendrin, auf dem Rasen, stehen dann 24 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus der Selbsthilfegruppe "Von wegen Down" aus Garching an der Alz. Hand in Hand mit den Fußballstars dürfen Lisa Mandl und die anderen beim Bundesligaspiel des FC Bayern gegen Borussia Mönchengladbach auf das Spielfeld gehen, 22 mit den Fußballern und zwei als Fahnenträger. Es wird das erste Mal sein, dass Kinder mit Down-Syndrom in die Münchner Arena einlaufen.

"Wir mussten erst mal lachen, weil wir das so absurd fanden"

Das Spiel am Sonntag ist bewusst gewählt, einen Tag zuvor, am 21. März, ist Welt-Down-Syndrom-Tag. Der 21. deshalb, weil bei Menschen mit Down-Syndrom das 21. Chromosom in jeder Zelle dreifach anstatt wie üblich zweifach vorhanden ist. Jährlich kommen in Deutschland etwa 600 bis 800 Kinder mit Trisomie 21 zur Welt.

Kinder mit Down-Syndrom bewerben sich beim FC Bayern

mehr...

"Wir wünschen uns eine Gesellschaft, in der auch Kinder mit Down-Syndrom willkommen sind", sagt Rosi Mittermeier, die Vorsitzende des Vereins "Von wegen Down". Seit 19 Jahren setzt sie sich dafür ein, dass Inklusion keine Phrase ist, sondern gelebt wird. 2013 ist die Idee mit dem Einlaufen entstanden. "Wir mussten erst mal lachen, weil wir das so absurd fanden", erzählt Mittermeier. Doch der Gedanke hat die Gruppe nicht mehr losgelassen.

Ein Weltverein, der auf das Down-Syndrom aufmerksam macht - das wäre eine "Wahnsinnsbotschaft". Also bastelten, malten und schrieben die Kinder eine Bewerbungsmappe - so groß, "dass sie nicht in den Papierkorb passt", sagt Mittermeier. Erst Monate später, im September 2014, kam die Rückmeldung per SMS: Herr Rummenigge sagt, es geht.

Seitdem dreht sich in Garching alles um den FC Bayern. Das Pfarrzentrum, wo sich die Gruppe regelmäßig trifft, ist zu einer kleinen Allianz-Arena geworden. Die Kinder haben gelernt, was eine Kapitänsbinde ist, wie man richtig abklatscht und welcher Spieler sich gerade den Fuß gebrochen hat. Vor einigen Wochen war die Gruppe zu Besuch in der Arena in Fröttmaning und durfte schon mal in die Spielerkabine schauen.

Für die Bewerbungsmappe hat die 16-Jährige eine Collage gebastelt

Der Jüngste in der Gruppe gibt sich noch ziemlich gelassen. "Ich bin nicht aufgeregt", sagt Elia Platschka. Vielleicht liegt es daran, dass der Sechsjährige aus einer Fußballerfamilie kommt. Sein großer Bruder Simon spiele wie Manuel Neuer, sagt er stolz. Und von Papa Josef Platschka, selbst in Bayern-Trainingsjacke, hat sich Elia einiges abgeguckt. Als die Gruppe das Jubeln übt, hält Elia seinen Schal über den Kopf und singt kräftig mit.

Auch für die Eltern ist das Einlaufen ein großes Ereignis. Gemeinsam werden alle Familien mit zwei Bayern-Bussen nach München fahren, gesponsert von örtlichen Politikern. Das Einlaufen mit dem Bundesligaverein sehen hier viele als Chance. "Wir wollen zeigen, dass unsere Kinder auch etwas können", sagt Josef Platschka.

"FC Bayern, Stern des Südens, du wirst niemals untergehen", singt auch Pauli Oehler und wippt mit ihrem Fuß mit. Sie trägt rote Socken, natürlich. Für die Bewerbungsmappe hat die 16-Jährige eine Collage gebastelt: Pauli am Strand in Lederhosen unter einem FC-Bayern-Sonnenschirm. Bei Pauli zu Hause wird jetzt immer morgens ausführlich der Sportteil der Zeitung gelesen. Jeden Artikel zum FC Bayern schneidet die Familie aus. Nach der Schule übt sie die Namen der Spieler mit ihrer großen Schwester. Schweini, Robben, Müller - Pauli kennt sie alle. Ihr Favorit aber ist Torwart Manuel Neuer. "Den nehm ich", sagt Pauli. Doch mit wem sie auf dem Rasen stehen wird, bleibt eine Überraschung.

Die Garchinger Kinder haben in den vergangenen Wochen akribisch für das Einlaufen trainiert. "Sie sollen als Sieger auf dem Platz stehen", sagt Rosi Mittermeier. Ein bisschen Nervosität sei da ganz normal. Selbst die Spieler bekämen noch Gänsehaut, wenn sie einlaufen. Dennoch mischen sich in all die Aufregung auch Sorgen. Die lauten Geräusche und die ungewohnten Eindrücke könnten die Kinder überfordern. Das Einlaufen wurde zwar mit Regionalligamannschaften geübt, dennoch hofft Elias Mutter Evi Platschka, dass am Sonntag alles gut geht. "Wenn die Kinder nicht mehr vom Rasen runter wollen, müssen die Bayernspieler eben noch eine Runde Fangen mit ihnen spielen, dann geht das schon!"

"Mia san mia", das Motto des FC Bayern, könnte für dieses besondere Einlaufen nicht besser passen.