Memmingen Polizei sucht bewaffneten Achtklässler

Alarm an einer Grund- und Hauptschule im schwäbischen Memmingen: Ein Achtklässler schießt mit einer Waffe, Mitschüler und Lehrer verbarrikadieren sich in den Klassenzimmern. Der Junge ist auf der Flucht.

Von Christian Sebald und Heiner Effern

Ein Schüler hat in einer Schule im schwäbischen Memmingen mit einer Pistole geschossen und damit einen Amok-Alarm ausgelöst. Verletzt wurde aber niemand, wie ein Polizeisprecher am Dienstag erklärte.

Die Polizei durchsucht eine Schule in Memmingen nach einem bewaffneten Schüler.

(Foto: dapd)

Drei Schüler hatten den Jugendlichen am Mittag am Eingang der Lindenschule in der Memminger Innenstadt mit den Waffen hantieren gesehen und den Schuss gehört. Danach wurde in der Schule sofort Amok-Alarm ausgelöst. Die etwa 280 Kinder und Jugendlichen flüchteten mit den Lehrern in die Klassenzimmer und verriegelten die Türen von innen. Gleichzeitig wurden sie wiederholt per Lautsprecherdurchsage aufgefordert, die Räume auf keinen Fall zu verlassen.

Die Polizei rückte mit einen starken Aufgebot und einem Spezialeinsatzkommando an. Auch zahlreiche Rettungswagen fuhren zu dem Einsatzort an der Memminger Maserstraße. Das Schulgelände wurde weitläufig abgesperrt. Hubschrauber überflogen die Gebäude, währenddessen Beamte die Schule nach dem Jugendlichen durchsuchte. Er wurde allerdings nicht gefunden.

"Es ist so gut wie auszuschließen, dass er noch in der Schule ist", erklärte ein Polizeisprecher am Nachmittag. Gleichwohl wurde die Schule noch ein zweites Mal durchsucht. Allerdings blieb der Junge auch diesmal spurlos verschwunden. Darauf wurde die Fahndung nach ihm auf das gesamte Stadtgebiet ausgedehnt.

Der Junge war Schüler einer achten Klasse und hatte zwei Waffen bei sich. Ob es scharfe Waffen waren oder zum Beispiel Schreckschusspistolen, wollte die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen zunächst nicht bekannt geben. Später bestätigte die Staatsanwaltschaft jedoch, dass es sich um einen scharfen Schuss handelte.

Plötzlich fiel der Schuss

Laut Bayerischem Rundfunk könnten die Waffen dem Vater des Jugendlichen gehören. Auch dies wollte der Polizeisprecher am Dienstag nicht bestätigen, man prüfe den Verdacht derzeit noch. Laut ersten Aussagen von Mitschülern hatte es zwischen dem Täter und Mitschülern einen Streit gegeben. Plötzlich sei der Schuss gefallen.

Die Lindenschule ist eine Grund- und Hauptschule. Nach der ersten Durchsuchung des Gebäudes wurden die Schüler kurz nach 15 Uhr aus der Schule und auf einen nahen Parkplatz geleitet, wo mehrere Busse bereit standen.

Viele Kinder wurden auch sofort von ihren Eltern abgeholt. Zu ihrer Betreuung standen Psychologen, aber auch zahlreiche Notfallseelsorger bereit. Die Evakuierung sei insgesamt sehr ruhig und geordnet abgelaufen, erklärte der Polizeisprecher.

Die Aufregung in Memmingen war auch deshalb so groß, weil bayerische Schulen in den vergangenen Jahren immer wieder Amokläufe erlebten: Am 16. März 2000 schoss ein 16 Jahre alter Schüler in einem privaten Internat in Brannenburg (Kreis Rosenheim) auf einen Lehrer, dann jagte er sich eine Kugel in den Kopf. Der 57-jährige Mann erlag am Tag danach seinen Verletzungen, der Jugendliche überlebte damals, wurde aber zu einem Betreuungsfall. Die Pistole stammte vom Vater eines Freundes, der wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu zwei Jahre Haft auf Bewährung verurteilt wurde.

Zwei Jahre später tötete ein 22 Jahre alter Mann mit einer Pistole seinen früheren Direktor der Wirtschaftsschule in Freising. Danach schoss er einem Lehrer ins Gesicht, der Mann überlebte den Anschlag jedoch. Anschließend zündete der Amokläufer eine selbst gebastelte Rohrbombe.

Nach einer zweiten Explosion stürmte eine Sondereinheit der Polizei die Schule. Sie fand den Amokläufer in einer Blutlache. Er hatte sich in den Bauch geschossen und war bei der Explosion der zweiten Bombe tödlich verletzt worden. Zuvor hatte er schon im 20 Kilometer entfernten Eching zwei frühere Arbeitskollegen erschossen.

Am Carolinum-Gymnasium in Ansbach forderte ein Amoklauf nur durch glückliche Zufälle keine Todesopfer, allerdings wurden neun Schüler und ein Lehrer verletzt. Ein 18-Jähriger hatte am 17. September 2009 die Schule gestürmt, bewaffnet mit fünf Molotow-Cocktails, vier Messern und einer Axt.

Im dritten Stock warf er zwei Brandsätze Klassenzimmer, die jedoch nicht zündeten. Im weiteren Verlauf verletzte er eine Schülerin mit der Axt schwer am Kopf. Eine von einem Mitschüler verständigte Polizeistreife stoppte den Amokläufern mit Schüssen aus einer Maschinenpistole<. Er überlebte und wurde zu neun Jahren Jugendstrafe verurteilt und zunächst zeitlich unbegrenzt in eine Psychiatrie eingewiesen.