Von Katja Riedel

Rund um Miesbach suchen die Fachärzte die offene Konfrontation mit Krankenkassen und Politik.

Gerne würde Friederike Zimmermann heute ihre Hände desinfizieren, die Handschuhe überziehen und den Mundschutz anlegen. Dass die Chirurgin stattdessen Zettel sortiert und das Telefon ignoriert, koste sie Kraft, sagt sie. Friederike Zimmermann hat ihre ambulante chirurgische Praxis, in der sie sonst Platzwunden näht und Leistenbrüche operiert, zugesperrt. Ganze zwei Wochen lang - so wie 83 ihrer Facharztkollegen im Landkreis Miesbach.

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Friederike Zimmermann hat ihre Praxis für zwei Wochen zugesperrt. (© Foto: SZ)

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Und hier machen sich die Ärzte auch keine Mühe mehr, ihren Streik als Fortbildung oder Betriebsurlaub zu tarnen wie sonst in Bayern. Die Miesbacher setzen auf offene Konfrontation und fühlen sich damit an der Spitze der bayerischen Fachärzte. Sie können das, weil im Landkreis Miesbach überdurchschnittlich viele wohlhabende Menschen leben, viele von ihnen dürften privatversichert sein.

Wer derzeit versucht, die Augenarztpraxis von Reinhard Wehrmann in Miesbach zu erreichen, hört die Telefonansage: "Aus Protest gegen die von unseren Politikern angestrebte Abschaffung der Facharztpraxen in Deutschland und die Zerstörung der wohnortnahen fachärztlichen Versorgung ist unsere Praxis vom 23. Februar bis 6. März geschlossen." An den Türen der Praxen können Patienten überall lesen: einen offenen Brief der Ärzte des Oberlandes, das "Miesbacher Manifest", in dem sie mit einer schlechteren Versorgung für Kassenpatienten drohen. Abwenden lasse sich das nur durch eine bessere Bezahlung der Ärzte seitens der Kassenärztlichen Vereinigung.

Was die Politik als Provokation empfindet, sehen die Fachärzte als pure Notwehr an. "Wie in diesen zwei Wochen wird die ärztliche Versorgung für Sie in Zukunft aussehen, wenn die derzeitigen Pläne der Bundesregierung Wirklichkeit werden", schreibt das Ärzte-Netz aus Fach-, Hausärzten und dem Klinikum Agatharied. Den Streik stellen die Ärzte als Vorgeschmack dar - auf eine Zukunft mit deutlich weniger niedergelassenen Fachärzten. "Um Ihnen diesen Irrweg vor Augen zu führen und zu stoppen, müssen wir Ihnen, liebe Patienten, leider für kurze Zeit Unannehmlichkeiten zumuten, die ansonsten zum Dauerzustand werden."

Nur einen Notdienst haben die Fachärzte eingerichtet, die Hausärzte und das Krankenhaus Agatharied versorgen akute Fälle. "Wir sind voll solidarisch", sagt Dieter Treu, Vorsitzender des Hausärzteverbandes im Landkreis. Klagen habe er keine gehört - weder von Kollegen, die einspringen müssen, noch von Patienten. Ein Ansturm auf die Hausarztpraxen sei ausgeblieben. Die Zukunft der Fachärzte sieht der oberbayerische Hausärzteverband ohnehin außerhalb der Kassenärztlichen Vereinigung.

Hintergrund des Streiks, der keiner sein darf, ist die Honorarreform, die Anfang des Jahres in Kraft getreten ist. Sie sollte die Situation der Ärzte verbessern - die Reform hat aufgrund niedrig berechneter Fallwerte jedoch zum Gegenteil geführt. Für sie gehe es um das Überleben ihrer Praxis, sagt die streikende Chirurgin Zimmermann. Ihr Problem lässt sich beziffern: auf exakt 26,48 Euro. Die bekam sie im ersten Quartal 2009 von der Kassenärztlichen Vereinigung, wenn ein Kassenpatient ihre Praxis betrat. 26,48 Euro - egal wie oft der Patient wiederkommt und wie die Ärztin ihn behandelt. "Wenn ein Patient mit einer Platzwunde kommt und ich ihn untersuche, bin ich schon mit 20 Euro im Minus", sagt sie. Ausgleichen sollten diese Einschränkung sogenannte freie Leistungen - für die die Vergütung ebenfalls drastisch gesenkt wurde.

13.500 Euro muss Friederike Zimmermann für Personal, Miete, Versicherungen monatlich zahlen - ohne einen Cent selbst verdient zu haben. "Ohne meinen gut verdienenden Mann könnte ich mir meine Praxis nicht leisten", sagt sie. Sie wolle nicht klagen, sagt Zimmermann, aber sie sagt: "Die goldenen Zeiten hat meine Generation nie erlebt." Allein die Gerätschaften kosten ein Vermögen: 80.000 Euro für den Sterilisator, 50.000 für das Röntgengerät, 25.000 für das Ultraschallgerät.

Dies lasse sich mit den Einnahmen, die ihr die Kassenärztliche Vereinigung (KVB) künftig überweist, nicht mehr finanzieren. Eine zusätzliche Einnahmequelle böten Zusatzleistungen, die Patienten selbst zahlen müssen. Selbst der Chef der KVB, Axel Munte, regte kürzlich an, dass Fachärzte sich in fachfremden Kursen weiterbilden sollten. Im Faltenunterspritzen zum Beispiel. "Ich bin aber Ärztin, nicht Kosmetikerin", sagt Zimmermann. Das Vertrauensverhältnis zwischen ihr als Ärztin und ihren Patienten könnte unter dem Verkaufsgedanken leiden. Ältere, oft chronisch kranke Kassenpatienten wegzuschicken, nur weil sie dreimal die Woche kommen, liege ihr fern, auch wenn sie diese Patienten dann kostenlos behandle. "Ich erschrecke, wenn die Patienten sagen, sie hätten ein schlechtes Gewissen - das muss niemand haben." Anfang der Woche hat Friederike Zimmermann Post von der Kassenärztlichen Vereinigung bekommen. Im zweiten Quartal sinkt der Fallwert erneut - auf 23 Euro pro Patient.

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(SZ vom 5.3.2009)