Massentierhaltung Tierschützer besetzen Wiesenhof-Baustelle

Einige Aktivisten kletterten auf einen Kran, andere drangen in einen Bürocontainer ein und ketteten sich dort fest.

(Foto: Armin Weigel/dpa)
  • 20 Tierschützer besetzen die Baustelle des Wiesenhof-Großschlachthofes.
  • Vor dem Großfeuer war der Schlachthof der größte seiner Art in Süddeutschland und gilt für viele als Symbol für die Industrialisierung der Nutztierhaltung.
Von Christian Sebald

Ungefähr 20 Tierschützer haben am Montag stundenlang die Baustelle des Wiesenhof-Großschlachthofes im niederbayerischen Bogen besetzt. Jeweils zwei Aktivisten kletterten auf Baukräne und entfalteten oben auf den Auslegern Transparente mit Aufschriften wie "Bis jede Schlachtfabrik still steht: Protest, Sabotage, Widerstand".

Außerdem drangen die Demonstranten in einen Bürocontainer ein und ketteten sich dort aneinander. Die Polizei rückte mit gut zwei Duzend Beamten an. Eine Verhandlungsgruppe nahm Kontakt zu den Aktivisten auf den Kränen auf und versuchte sie zum Herabklettern zu bewegen. "Die Demonstranten waren absolut friedlich", sagte ein Polizeisprecher. "Sie wollten einzig ihre Tierschutz-Ziele an die Öffentlichkeit bringen."

Wiesenhof als Symbol für die Industrialisierung der Nutztierhaltung

Der Bogener Wiesenhof-Schlachthof des Geflügelfleisch-Marktführers PHW ist ziemlich genau vor einem Jahr abgebrannt und wird derzeit wieder aufgebaut. Die Anlage ist nicht nur in der Tierschutz-Szene sehr umstritten, sondern auch bei Umweltverbänden wie dem Bund Naturschutz (BN), bei Verbraucherorganisationen und unter den Bauern selbst.

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Schließlich handelt es sich um den größten Schlachthof seiner Art in Süddeutschland. In der Anlage, die ursprünglich 2013 in Betrieb ging, wurden vor dem Großfeuer bis zu 220 000 Masthühner am Tag geschlachtet, zerlegt und verpackt. Aufs Jahr gesehen sind das 75 bis 80 Prozent aller Masthühner, die in Bayern gehalten werden.

Für viele ist der Bogener Schlachthof deshalb das Symbol schlechthin für die Industrialisierung der Nutztierhaltung auch in Bayern. Selbst Experten in den Agrarverwaltungen räumen inzwischen offen ein, dass die Hühnermast der Teil der Landwirtschaft im Freistaat ist, der komplett rationalisiert ist. 98 Prozent der Masthühner werden in Betrieben mit mehr als 10 000 Stallplätzen gehalten, die Hälfte davon in Einheiten mit mehr als 50 000 Tieren.

Die Nachfrage nach Hühnchenfleisch steigt weiter an

Laut BN hat sich die Zahl der Hühner-Mastplätze in Bayern zwischen 2009 und 2014 um 62 Prozent auf 8,4 Millionen erhöht. Der Zuwachs betrifft fast ausschließlich Massenställe mit knapp 40 000 Tieren. Und der Bau solcher Anlagen schreitet weiter voran. So hat unlängst das Landratsamt Landshut in der Gemeinde Postau den Bau von zwei Stallungen mit zusammen knapp 80 000 Mastplätzen genehmigt. Im Landkreis Pfaffenhofen will ein Mäster seine Stallungen von 50 000 auf 145 000 Tiere aufstocken. Und der Stadtrat von Schwandorf signalisierte bereits im Oktober 2015, dass er einen Betrieb mit bis zu 300 000 Mastplätzen akzeptieren würde.

So umstritten die Großstallungen sind, die Nachfrage nach Hühnchenfleisch steigt weiter an. So verkündete PHW erst kürzlich, dass sein Umsatz im Jahr 2015 um 4,8 Prozent auf 2,38 Milliarden Euro angestiegen sei. Der Absatz von Geflügel-Produkten kletterte um 23,1 Prozent auf 689 609 Tonnen. Im Bogener Wiesenhof-Schlachthof schreiten denn auch die Arbeiten zügig voran.

Im März sollen nach Angaben einer Unternehmenssprecherin die Bauabnahmen für Brandschutz, Arbeitssicherheit, Elektroinstallation und andere Gewerke stattfinden. Im dritten Quartal 2016 werde man dann die Schlachtung und die Weiterverarbeitung der Hühner wieder aufnehmen, erklärte die Sprecherin. Dann werde man in Bogen wie vor dem Großfeuer wieder ungefähr 200 000 Hühner am Tag schlachten. In den Genehmigungsunterlagen für den Schlachthof ist freilich von einer Kapazität von 300 000 Hühnern am Tag die Rede.

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