Maria Ratzinger Die Schwester des Papstes

Sie diente ihrem Bruder Joseph viele Jahre lang, doch über Maria Ratzinger ist bisher nur wenig bekannt. Wer war diese Frau, die sich allem Anschein nach selbst aufopferte? Eine Spurensuche.

Von Andreas Glas

Es gibt ein Foto aus den Achtzigern und dieses Foto erzählt einiges über Maria Ratzinger. Im Hintergrund ein Christbaum, lamettabehangen, sehr schief. Davor ihre Brüder, beide im Pfarrersgewand, kerzengerade. Und dazwischen: Maria Ratzinger, den Kopf in die Schultern geduckt, den Blick im Fußboden vergraben, die Hände ineinander verhakt. Das Foto erzählt von einer Frau, so schüchtern, dass sie fast verschwindet zwischen zwei stolzen Mannsbildern. Einer Frau, die lieber im Schatten der Brüder bleibt, statt ihr Leben selbst zu bestimmen. Aber erzählt das Foto die Wahrheit?

Pentling bei Regensburg, Ende Oktober 2016. Die Herbstsonne hat noch Kraft, es ist still auf dem Friedhof, man hört nur die Kieselsteine unter den Schuhsohlen knirschen. Über den Kies ist auch Maria Ratzinger marschiert, vor genau 25 Jahren, um das Grab ihrer Eltern für Allerheiligen herzurichten. Als sie am 30. Oktober 1991 vom Friedhof in ihr Haus zurückkehrt, erleidet sie einen Herzinfarkt, am Tag nach Allerheiligen stirbt Maria Ratzinger in einem Regensburger Krankenhaus, mit 69 Jahren.

Die Todesanzeige, die Joseph und Georg Ratzinger in der SZ schalten, klingt so, als habe Maria nur für ihren Bruder Joseph gelebt, den späteren Papst. In der Anzeige heißt es: "34 Jahre hat sie Joseph auf allen Stationen seines Weges in unermüdlicher Hingebung und mit großer Güte und Demut gedient." Maria Ratzinger, eine Dienerin, sonst nichts?

Vom Friedhof aus dauert es zu Fuß ein paar Minuten bis hinunter in die Bergstraße. Dort hat Maria Ratzinger mit ihrem Bruder gewohnt, bis Joseph Ratzinger im Jahr 1982 als Präfekt der Glaubenskongregation nach Rom ging - und Maria ihn begleitete. Das Haus in Pentling behielten die beiden, inzwischen ist es ein Museum, aber es muss immer noch gewischt und gesaugt werden und das macht seit 34 Jahren Therese Hofbauer.

Ein Gespräch am Gartentürl. Daheim in Pentling kümmerte sich Maria Ratzinger um den Haushalt ihres Bruders Joseph. Den Müll brachte er selber raus.

(Foto: Horst Hanske)

An diesem Oktobernachmittag sitzt die 70-Jährige an ihrem Küchentisch, im Herrgottswinkel hängt ein holzgeschnitztes Kruzifix, daneben ein gerahmtes Bild ihres früheren Nachbarn: Papst Benedikt XVI. An dem Küchentisch sind schon viele Reporter gesessen, vor allem damals, 2005, nach der Papstwahl. Die Reporter kamen aus der ganzen Welt, belagerten auch Georg Ratzinger, der drüben in Regensburg wohnt. Bis heute interessiert sich die Öffentlichkeit für den Papstbruder - natürlich auch deshalb, weil Georg als früherer Kapellmeister der Domspatzen selbst eine öffentliche Person ist. Und die Schwester? "Ich habe die Reporter oft auf Maria angesprochen", sagt Therese Hofbauer, "das hat aber keinen interessiert."

Maria Ratzinger, geboren 1921, ist die älteste der drei Ratzinger-Geschwister. Sie will Lehrerin werden, aber ein Studium ist teuer und die Eltern investieren lieber in die Karriere der Söhne, damals eine normale Sache. Also geht Maria nach Au am Inn, auf die sogenannte Haustöchterschule in ein Kloster, das von Franziskanerinnen geführt wurde. Dort bekommt sie eine Lehre als Hauswirtschafterin, nach dem Krieg fängt sie dann als Sekretärin in einer Münchner Anwaltskanzlei an.

Als ihr Bruder Joseph im Sommer 1959 als Dogmatik-Professor an die Uni Bonn berufen wird, beschließt Maria, ihn zu begleiten. Sie wird ihm für den Rest ihres Lebens nicht mehr von der Seite weichen, wird Joseph Ratzinger überall hin folgen, wird immer gemeinsam mit ihm unter einem Dach leben. Selbstaufgabe? Nein, sagt Therese Hofbauer, "das täuscht gewaltig. Die Maria war eine sehr selbstbestimmte Frau."

Wer verstehen will, wie das gemeint ist, der muss vielleicht nur einen Blick in Maria Ratzingers Schlafzimmer in Pentling werfen. Die Stiftung, der das Haus inzwischen gehört, hat die Zimmer wieder so eingerichtet, wie sie waren, als Maria und Joseph Ratzinger in den Siebzigerjahren dort lebten. In Marias Zimmer steht ein Bett, ein Regal voll mit Büchern, ein Schreibtisch und auf dem Tisch eine Schreibmaschine. Die Bücher hat sie gelesen, um die Theologie ihres Bruders zu verstehen, mit der Schreibmaschine hat sie dessen Manuskripte abgetippt, weil Joseph Ratzinger das Tippen nicht beherrschte.

Maria Ratzinger war nicht nur Köchin und Haushälterin ihres Bruders, sie war in gewisser Weise auch seine Lektorin. Ob sie auch inhaltlich Einfluss genommen hat auf Ratzingers Werk? Sie habe die Texte jedenfalls mit ihm diskutiert, sagt Therese Hofbauer. Dienerin? Selbstaufgabe? Klingt eher, als habe sich Maria Ratzinger intellektuell unterfordert gefühlt in ihrem vorherigen Beruf.

Das ist die andere Lesart der Person Maria Ratzinger: Die Frau, die nicht studieren durfte, macht sich kurz entschlossen selbst zur wissenschaftlichen Assistentin ihres Bruders, des Hochschulprofessors Joseph Ratzinger. Die Frau, die aus heutiger Sicht so unemanzipiert wirkt, wollte sich nicht in die Hausfrauenrolle ihrer Zeit fügen. Warum Maria Ratzinger nie geheiratet hat, "das weiß ich nicht", sagt Therese Hofbauer, "darüber haben wir nie gesprochen. Aber sie war zufrieden." Statt sich an einen Ehemann und einen Ort zu binden, lebte Maria Ratzinger mit ihrem Bruder in Bonn, in Münster, in Tübingen, in Pentling, in München und schließlich in Rom. In ihrer Lebensgestaltung, "da war sie erstaunlich fortschrittlich", sagt Therese Hofbauer, nur habe das nicht jeder begriffen. "Die meisten wussten nicht, was in ihr steckt. Die haben sie für ein Anhängsel ihres Bruders gehalten."