Mainstockheim in Unterfranken Flüchtlingsheim wird nach Übergriffen geräumt

  • Eine Flüchtlingsunterkunft in Mainstockheim im Landkreis Kitzingen muss vorübergehend geschlossen werden.
  • Grund sind Auseinandersetzungen zwischen Asylbewerbern und Anwohnern.
Von Olaf Przybilla, Mainstockheim

Eigentlich lief alles prächtig in Mainstockheim. Die Asylbewerber halfen beim Weinfest mit. Als die Friedhofsmauer renoviert werden musste, waren die neuen Bewohner in dem unterfränkischen Ort zur Stelle. Im Kindergarten gingen sie auch zur Hand, der Fußballverein freute sich über Unterstützung aus Kosovo. Und der Unterstützerkreis, 30 Mainstockheimer, kümmerte sich um den Deutschunterricht und chauffierte die Flüchtlinge zum Arzt.

Ein Beispiel für eine gelungene Integration von 24 Asylbewerbern in einen Ort mit 1900 Einwohnern, so wirkte es. Bis die Stimmung gekippt ist. In der Nacht zum Montag versammelten sich 300 Menschen vor dem Flüchtlingsheim, mehr noch als in den Tagen zuvor. Von einer "aufgeheizten Stimmung" berichtet die Polizei, auch wenn keine "fremdenfeindlichen Parolen" festzustellen gewesen seien. Um die Lage nicht eskalieren zu lassen, soll das Heim nun vorläufig geräumt werden.

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Wie die Stimmung gekippt ist

Es kursieren viele unterschiedliche Versionen im Ort, wie es so weit kommen konnte. Aber fast alle beginnen damit, wie gut alles geklappt hat mit der Integration in dem Weinort. "Das sind in der Mehrheit sehr anständige junge Männer", sagt der Gemeinderat Horst Schiffler. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass vier darunter gewesen seien, mit denen es Ärger gegeben habe; und dass im früheren Gasthaus irgendwann nicht mehr 24 Menschen, sondern wohl mehr als 40 übernachtet hätten. Offenbar weil andere Asylbewerber aus der Umgebung dazustießen. Der Unmut brach sich zunächst bei einer Bürgerversammlung Bahn, da war von einer verstellten Dorfgasse und nächtlichem Lärm die Rede, über den die Anwohner klagten. Das aber lief alles noch in geordneten Bahnen.

Heikel wurde die Situation dann in der vergangenen Woche. Was genau passiert ist, muss die Polizei noch ermitteln. Im Ort und in der nahen Stadt Kitzingen aber machte das Gerücht die Runde, dass mindestens ein Mädchen in einem Bad belästigt worden sein soll. Auch an einer Tankstelle soll es Ärger um eine Frau gegeben haben, Ärger allerdings, wie ein Polizeisprecher betont, wie er unter Cliquen sehr häufig vorkomme, Eifersüchteleien, Männergehabe. In einer Kneipe in der Nähe gab es ebenfalls Zoff. Das war der Tag, als die Polizei erstmals am Heim anrücken musste, weil eine Clique von Einheimischen zum Teil mit Schlagwerkzeugen bewaffnet auf das Grundstück vorrücken wollte. Die vier Asylbewerber wurden zunächst auf andere Unterkünfte verteilt, kamen aber am Sonntag wieder zurück.

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Wie die Situation vollständig eskaliert ist

Da gerieten zunächst zwei Cliquen in der Stadt Kitzingen aneinander, 15 Menschen wurden vorläufig festgenommen, ein Mann musste mit Verletzungen an Kopf und Bein im Krankenhaus behandelt werden. In den sogenannten sozialen Netzwerken aber wurde über lebensgefährliche, zum Teil auch tödliche Verletzungen schwadroniert. Danach musste die Polizei das Heim in Mainstockheim sichern.

Pfarrer Claus Deininger ist betrübt. Er glaubt, "sehr unterschiedliche Themenkreise" zu erkennen, die nun für die Eskalation gesorgt haben. Da gebe es eine Gruppe jüngerer Einheimischer, die offenbar glaubte, als "eine Art Bürgerwehr" auftreten zu müssen. Da stelle er bei etlichen Anwohnern ein erhöhtes Erregungspotenzial fest. Dann traten die Vereinfacher in den Netzwerken auf den Plan. Und am Sonntag kamen dann einschlägig bekannte Rechtsextremisten in den Ort. Nach Angaben der Polizei waren es zehn, sie wollten zunächst eine Kundgebung anmelden.

Unterm Strich empfindet der Pfarrer das Signal aus Mainstockheim "schon als fatal". Eine Handvoll Bewohner hätten sich nicht so verhalten, wie man es erwarten könne: "Und die Folgen müssen nun alle anderen tragen." Gemeinderat Schiffler bedauert das auch, hält die Situation aber für so verfahren, dass es besser sei, die Bewohner woanders unterzubringen. Dass der Ort bereit sei, sich um Flüchtlinge zu kümmern, sagt der Bürgermeister Karl-Dieter Fuchs: "Es gibt auch keinen Grund dafür, dagegen zu sein." Er geht davon aus, dass das Heim, an dem nun Schäden behoben werden sollen, künftig wieder mit Flüchtlingen belegt wird.

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