Literatur Die Kinder sitzen auf der Ersatzbank, und die Mütter machen das Spiel

Feiern als Ablenkung, hier bei einem Holi-Fest: Hinter all den Möglichkeiten einer reichen Gesellschaft klafft für viele junge Menschen die große Leere.

(Foto: dpa)

In neuen Romanen junger Autorinnen zeigt sich das Bild einer Generation im Wartestand.

Von Antje Weber

Sie haben keinen Grund, sich zu beschweren. Sie sind Mitte Zwanzig oder Anfang Dreißig, sie haben die Welt gesehen und etwas Interessantes studiert. Und doch: "Manchmal winken wir heimlich unserem Spiegelbild zu, um sicherzugehen, dass wir da sind", schreibt Noemi Schneider. "Wir wissen, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, dass wir zur Freiheit verurteilt sind, dass die Welt nicht besser wird, nur weil sie sich dreht, dass der Kapitalismus an allem schuld ist und dass daraus nichts folgt. Wir leiden leise und lachen laut."

Die 35-jährige Münchnerin Noemi Schneider bringt in ihrem Debütroman "Das wissen wir schon" (Hanser Berlin) das schale Lebensgefühl einer Generation auf den Punkt - und sie ist damit derzeit nicht die einzige. Auch andere Autorinnen, von denen einige vom 15. bis 17. März beim Festival Wortspiele in München lesen, beschäftigen sich mit den diffusen Ängsten ihrer Generation.

Einer Generation Praktikum, die wie in Julia Zanges Berlin-Roman "Realitätsgewitter" (Aufbau Verlag) ständig panisch Facebook checkt, die im Lebenslauf reichlich internationale Erfahrungen stehen hat und sich gleichzeitig nur schwer von den Eltern daheim abnabelt.

Die sind ja oft auch unglaublich nett, wie zum Beispiel in Kristina Pfisters Debütroman "Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten" (Tropen). Da rät die Mutter der Tochter, die seit dem letzten Praktikum wieder depressiv zu Hause hockt, doch gemeinsam mit Action Painting ihr Zimmer neu zu gestalten: "Manchmal braucht man Veränderung."

Wenn die Alten für mehr Veränderung sorgen als die Jungen, ist eindeutig etwas durcheinander geraten im Generationenverhältnis. Bei Schneider ist das besonders schön nachzulesen: "Du darfst die Welt nicht so lassen, wie sie ist", mahnt die Mutter der Ich-Erzählerin. Die Mutter selbst und ihre kiffenden Freundinnen haben viel erreicht: "Sie haben Kinder auf die Welt gebracht und abgetrieben, sie haben den Dalai Lama getroffen, Fidel Castro, Yoko Ono und Jassir Arafat. Sie haben den Feminismus erfunden und Lachyoga, sie haben Aufrufe und Manifeste verfasst und Petitionen unterzeichnet, Bücher geschrieben, Preise gekriegt, Parteien gegründet."

Kein Wunder, dass die Jungen daneben wie gelähmt wirken. Sie haben das Gefühl, auf der Ersatzbank zu sitzen, während die Mütter das Spiel machen: "Wir sind Prinz Charles."

"Wir waren überall und kommen nirgends an"

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