Leopoldsreut im Bayerischen Wald Das verschwundene Dorf

Die alten Postkartenaufnahmen aus dem Jahr 1906 vermitteln einen Eindruck von der Winterstrenge und den Schneemassen in Leopoldsreut. Oft konnten die Bewohner ihre Häuser nur über das Dach verlassen.

(Foto: privat)

Es war einer der härtesten Lebensräume in Bayern: Vor 50 Jahren haben die Einwohner von Leopoldsreut den Kampf gegen den ewigen Winter auf 1100 Metern aufgegeben. Das Dorf im Bayerischen Wald wurde abgesiedelt und eingeebnet, heute ist es ein Mythos.

Von Hans Kratzer

Dem Krieg hatte das Dorf noch standgehalten, aber einige Jahre danach mussten sich die Bewohner damit abfinden, dass sie in dieser abgelegenen Ecke des Bayerischen Waldes keine Zukunft mehr haben würden. Der sich in 1100 Metern Höhe zwischen dem Haidel und dem Sulzberg hinstreckende Flecken Leopoldsreut galt als das höchstgelegene Dorf Deutschlands, was aber zugleich sein Kardinalproblem war.

Als die Kräfte des Wirtschaftswunders zu wirken begannen und die kleinbäuerliche Landwirtschaft ihre Kraft verlor, da entwich aus diesem abgelegenen Ort jegliche bezahlte Arbeit und jegliches Leben. Mitte der 50er Jahre nahmen nur noch fünf Kinder am Unterricht teil, die Dorfschule wurde zugesperrt. Wo aber keine Kinder mehr sind, da ist jede Zukunft verloren. 50 Jahre ist es nun her, dass das auf dem Grenzkamm zwischen Bayern und Tschechien ruhende Dorf von den letzten Bewohnern verlassen wurde.

Leopoldsreut war einer der härtesten Lebensräume, die man in Bayern finden kann. Die Menschen waren Stürmen, Niederschlägen und anderen Naturgewalten von geradezu sibirischen Dimensionen ausgeliefert. In den strengen und schneereichen Bergwintern war Leopoldsreut häufig von der Außenwelt abgeschnitten, und zwar nicht nur für einige Tage. Der Winter hat hier acht Monate gedauert, nicht selten türmten sich im Dorf noch im Juni meterhohe Schneewände auf.

Unter diesen Umständen war es ratsam, möglichst nicht krank zu werden. Hebammen und Ärzte hatten in den schneereichen Monaten größte Mühe, ins Dorf vorzudringen. Die in Leopoldsreut aufgewachsene Stilla Moritz schilderte einmal im Straubinger Tagblatt, dass durch die Schneeberge ein Tunnel gegraben wurde, aber trotzdem hätten es Arzt und Hebamme nicht immer rechtzeitig ins Dorf geschafft. Bei so mancher Geburt musste deshalb die ganze Familie mithelfen, auch die Kinder.

Heute hat sich in dem Dorf wieder ein Wald ausgebreitet. Auf einer Lichtung stehen nur noch die kleine Nepomukkirche und das alte, aus Holz errichtete Schulhaus, in dem in einem einzigen Raum acht Klassen untergebracht waren. Der Passauer Fürstbischof Leopold I. hatte das Dorf im Jahr 1618 errichten lassen. Die Siedler sollten sowohl die Grenze als auch den nach Böhmen führenden Säumerweg bewachen. Sie bezahlten dies aber mit einer kargen Existenz. Die Zeit im bäuerlichen Jahreslauf, in der sie dem Boden Nahrungsmittel abringen konnten, war nur knapp bemessen, am Horizont lauerte stets der Hunger. Erdäpfel waren das wichtigste Nahrungsmittel, Obst und Gemüse kamen nur selten auf den Teller.

Dass in solchen Existenzkämpfen das Schmuggeln eine wichtige Rolle spielte, versteht sich fast von selbst. Dazu ließen sich die Leopoldsreuter so manche List einfallen, etwa jene, dass sie wallfahrend mit einer hohlen Heiligenfigur den Zuckerersatz Saccharin über die Grenze von Böhmen nach Bayern schwirzten, wie man das Schmuggeln im Bayerischen Wald nannte. Da die Segnungen des Wirtschaftswunders der 50er und 60er Jahre nicht bis nach Leopoldsreut vordrangen, wurde aus dem Dorf mehr und mehr eine Waldarbeitersiedlung.

Fortbewegung nur auf Skiern

Immer mehr Leopoldsreuter zogen weg, um sich anderswo Arbeit und ein besseres Auskommen zu suchen. Als 1963 der Forst verstaatlicht wurde, räumten die letzten Bewohner ihre Anwesen. Diese wurden abgerissen, die freien Dorfflächen wurden aufgeforstet, die Winter, in denen die Dorfbewohner ihre Häuser nur übers Dach verlassen konnten, weder fließendes Wasser noch Strom hatten und sich nur auf Skiern fortbewegen konnten, waren endgültig vorbei.

Und doch ist die Erinnerung an Leopoldsreut nach wie vor lebendig. Im vergangenen Sommer ist das ehemalige Dorf sogar zum Festspielort geworden. Bei einem Freilichtspiel hoch droben im Wald erinnerten 150 Darsteller an das alte Waldlerleben, das bei aller Härte auch eine unvergessliche Heimat geboten hat, wie viele Zeitzeugen bestätigten. "Wir wollten in dem Stück den Menschen zeigen, wie wichtig es ist, Heimat zu erhalten", erklärte der Spielleiter Erich Dorner. Denn gerade im Unteren Bayerischen Wald sei die Heimat in großer Gefahr. Tatsächlich geht die Schülerzahl rapide zurück, die Dorfschulen sterben aus. "Die Thematik rund um Leopoldsreut ist aktueller denn je", sagte Dorner.

Auch Walter Landshuter, der Gründer des Scharfrichter-Hauses in Passau, ist in Leopoldsreut aufgewachsen und macht sich schon von daher viele Gedanken über Herkunft und Heimat. Er ist beim Nachdenken auf den Dichter Hermann Lenz gestoßen, der aus seinen Aufenthalten in der freien Landschaft Kraft schöpfte, um dem Zeitgeist Widerstand zu leisten. Lenz sprach von "der zauberischen Zurückgebliebenheit dieser Gegend", Landshuter interpretierte dies in einem Interview dahingehend, dass es außerhalb der Zentren ein Mehr an Lebensqualität gebe. Kein Wunder, dass Leopoldsreut im Bayerischen Wald irgendwie zum Mythos geworden ist.

Der Winter dauerte hier acht Monate, nicht selten türmten sich im Dorf noch im Juni meterhohe Schneewände auf.

(Foto: privat)