Legales Koks auf dem Oktoberfest Die Prise - hoch!

Bisher war das Oktoberfest ein Fest der Biertrinker - seit kurzem sieht man immer mehr junge Besucher mit weißem Pulver auf den Tischen hantieren. Ist etwa Kokain auf der "größten offenen Drogenszene der Welt" angekommen?

Von Moritz Baumstieger

Nein, im Prinzip habe er nichts dagegen einzuwenden, sagt der Mann von der Polizei. Wenn nur weißer Schnupftabak in dem Fläschchen sei, wäre das nicht verboten. "Echtes Rauschgift, das ist illegal. Egal, wo man es reinpackt", sagt er. Das kleine Flakon mit der Aufschrift "Schneeberg", in dem sich das weiße Schnupfpulver befindet, verkauft sich dieses Jahr auf der Wiesn wie warme Hendl. Und es sei eine gute Möglichkeit, echtes Kokain zu verstecken, gibt der Ordnungshüter zu. Denn wenn sich ein Wiesngast ein Mittelchen aus einem Zuckerpäckchen oder einem Briefchen aus Papier in die Nase ziehe, dann falle das natürlich eher auf.

"Ein Prosit der Gütlichkeit - die Prise: hoch! " Ein weißer Schnupftabak ist dieses Jahr der Wiesn-Renner - obwohl (oder eher: weil) er wie Kokain aussieht.

(Foto: AP)

Auffallen tut aber auch das weiße Pulver, das sich dieses Jahr nicht wenige Wiesn-Besucher auf ihre Biertische schütten, um es dann in die Nase zu ziehen. Dass die Bayern Lederhosen tragen und das Bier in riesigen Ein-Liter-Humpen trinken, das haben die meisten Touristen in ihren Reiseführern nachgelesen. Aber ist das Oktoberfest wirklich die "größte offene Drogenszene der Welt", wie Claudia Roth es einmal ausdrückte? Shocking!

Berauschende Wirkung: keine.

Roth spielte damals natürlich auf den Bierkonsum an. Und auch in Sachen "Wiesn-Koks" kann man Entwarnung geben. Berauschende Wirkung: keine. Durch einen Anruf bei der Herstellerfirma Pöschl lässt sich herausfinden, dass das weiße Schnupfpulver Kettenrauchern nicht mal als Lösung für den durch das Rauchverbot ausgelösten Nikotinentzug dienen kann: Es ist komplett tabakfrei. Drinnen sei nur Glucose und Menthol, sonst nichs. Vielleicht heißt deshalb das Schnupfen neuerdings "Snuffen", zumindest auf der Homepage des Herstellers.

Glucose, das sei einfach Traubenzucker und habe keine besondere Wirkung, das Menthol hingegen habe einen kühlenden Effekt auf die Schleimhäute. Das weiß Matthias Kramer von der HNO-Uniklinik München. Deshalb steckt das Mittel in allerlei Salben und Nasentropfen, wenn auch in sehr geringen Mengen. "Doch wie überall liegt das Gift in der Dosis", sagt Kramer - und weist auf heftige Schleimhautreaktionen hin, wenn zu viel geschnupft wird. Die lassen sich auch auf der Wiesn beobachten, so mancher Möchtegern-Kokser holt sich sprichwörtlich eine blutige Nase, die das blütenweiße Trachtenhemd versaut.

Nur vom Preis wird einem schwindlig

Damit ist das aktuelle Wiesn-Koks harmloser als sein historischer Vorgänger. Pierer's Universal-Lexikon von 1862 weiß von einem Mittelchen mit dem Namen "Schneeberger Schnupftabak" zu berichten. Das wurde aus den "Blüthen der Maiblumen (Convallaria majalis) (...) in Schneeberg selbst verfertigt". Ein erzgebirgischer Schnupftabak also, "welcher heftiges u. anhaltendes Nießen erregt u. daher als Schwindel vertreibendes, Gedächtniß, Augen u. Geruch stärkendes Mittel sonst viel gebraucht wurde".

Ein Döschen mit dem weißen Pulver, das wie das Schneeberger Original Schwindel vertreiben und das Gedächtnis stärken soll, könnte ein noch viel größerer Renner auf der Jubiläumswiesn werden. Die Einnahme empfiehlt sich nach dem Wiesn-Besuch, wenn sich der Kater meldet und die Erinnerung langsam wieder einsetzt. Denn einen leichten Schwindel verspürt auch, wer die unverbindliche Preisempfehlung des Schnupfpulver-Herstellers liest: 1,40 Euro. Auf der Theresienwiese geht das Fläschchen für 5,50 Euro aus dem Bauchladen.

Was auf der Wiesn verboten ist

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