Situation von Strafgefangenen Vergittert

Ein Gang in der JVA Stadelheim. Ein Häftling erzählt: "Die Wahrnehmung hier drinnen stellt sich um. Draußen wird einem dann alles zu viel."

Je länger Verbrecher im Gefängnis sitzen, desto größer wird die Gefahr, dass sie nach der Entlassung wieder Straftaten begehen. Denn in Haft verlernen sie das Leben draußen - und niemand bereitet sie auf die Freiheit vor.

Von Sophie Rohrmeier

Sebastian Metzel hat 15 Minuten, um seine Geschichte zu erzählen. Dann muss er zurück in seine Zelle. Sie wird um 17.45 Uhr geschlossen. Wie jeden Tag.

Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim, ein Gruppenraum. Draußen hört man die Schritte eines Justizvollzugsbeamten, Schlüssel klirren. Metzel ist 46 Jahre alt, seit neuneinhalb Jahren sitzt er im Gefängnis. Er hat einen Menschen mit dem Messer schwer verletzt. "Drogen", sagt er dazu nur. Sein Blick durch die rechteckige Brille mit schwarzem Rand ist von zwingender Aufmerksamkeit. Mit seinem kinnlangen, schwarzen, von Grau durchzogenem Haar, locker zurückgekämmt, wirkt er intellektuell. Im nächsten Sommer könnte er rauskommen. Endlich frei. Aber damit fangen die Probleme erst an.

Metzel, der in Wirklichkeit anders heißt, ist beispielhaft für ein Phänomen, das in der Fachsprache Prisonisierung heißt. Er sagt: "Die Wahrnehmung hier drinnen stellt sich um. Draußen wird einem dann alles zu viel." Die Haft war für ihn anfangs, wie für die meisten Straftäter, ein Schock. "Brutal", sagt er. Danach stellte sich der Gefängnisalltag ein. Sechs Jahre hat Metzel auf einen Platz in der Sozialtherapie gewartet. "Man schottet sich ab. Man kann nicht dauernd in dieser Differenz leben: drinnen und draußen."

Jeder Dritte wird rückfällig

Wie aber soll es weitergehen mit ihm? Wie soll er zurück ins normale Leben finden? Nicht alle, die aus der Haft entlassen werden, haben Familie oder einen Partner, der auf sie wartet; nicht alle haben eine Wohnung, geschweige denn Arbeit. Ende August waren in Bayern 11 579 Menschen in Haft. Rechnerisch begehen etwa 3900 von ihnen nach der Entlassung wieder eine Straftat, denn in Deutschland wird jeder Dritte rückfällig. Das bedeutet: Trotz Gefängnis sind viele vermeintlich Resozialisierte wieder eine Gefahr für die Gesellschaft. Und die Kosten für die neuerliche Haft sind immens.

Diesen Missstand prangert der Freiburger Kriminologe und Psychologe Helmut Kury an. "Die heutige Praxis im Strafvollzug fördert Rückfälle. Wie wir strafen, ist ineffizient, und zwar sozial und finanziell", sagt der ehemalige Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Denn je länger Menschen wie Metzel ohne ausreichende Vorbereitung auf die Freiheit in Haft sind, desto weiter entfernen sie sich von der Gesellschaft - und desto schwerer finden sie sich wieder hinein.

Markus G. Feil kennt das nur zu gut. Er ist Leiter der psychotherapeutischen Fachambulanzen in München, in denen Gewalt- und Sexualstraftäter therapiert werden: "Haft alleine erhöht das Rückfallrisiko. Die Wissenschaft weiß das, und dass die Politiker nicht entsprechend handeln, wundert mich", sagt Feil. "Schließlich geht es um Steuergeld." 2012 kostete ein Gefangener in Bayern 88,44 Euro pro Tag. Im gesamten Jahr wurden für den Justizvollzug 321 Millionen Euro ausgegeben.