Landshuter Hochzeit Liebe, Hiebe, Völlerei

Die die Landshuter Brautleute werden dieses Jahr von Veronika Härtl und Ferdinand Schoßer gespielt.

(Foto: dpa)

Zeitreise mit einer halben Million Zuschauer: In Landshut wird im Juli wieder die Hochzeit von Prinzessin Hedwig Jagiellonica und Herzog Georg dem Reichen nachgespielt. Doch so stolz die Stadt auf das weltberühmte Spektakel ist - eine Liebeshochzeit war das nicht.

Von Hans Kratzer

Ach, wäre doch am 14. November 1475 am Westportal der Landshuter Martinskirche eine Webcam befestigt gewesen. Dann könnten wir heute auf dem Bildschirm eines mittelalterlichen Hochzeitszugs ansichtig werden, gegen den sogar die Vermählungsaufmärsche des modernen Hochadels verblassen würden. Wir würden ein grandioses Spektakel erleben, und eine Braut, die beim Betreten der Kirche aus schierer Verzweiflung über ihre unfreiwillige Verpflanzung von Polen nach Niederbayern Rotz und Wasser heulte.

Ein solcher seelischer Absturz wird der 20-jährigen Veronika Härtl sicher nicht passieren. 538 Jahre nach der weltberühmten Landshuter Hochzeit von 1475 wird sie am Freitag drei Wochen lang in die Rolle der unglücklichen Braut Hedwig Jagiellonica schlüpfen und dennoch glücklich sein, dieses Privileg genießen zu dürfen.

Wie alle vier Jahre begibt sich die Stadt Landshut auf eine Zeitreise, auf der mehr als 2000 Mitwirkende ihre Vergangenheit in einem Festspiel wieder aufleben lassen. Weit mehr als eine halbe Million Menschen werden bis zum 21. Juli in die Stadt strömen, um die Atmosphäre des wohl authentischsten Mittelalterfests der Welt zu genießen.

Nur das kunstvolle Hauptportal, durch das das Brautpaar einst in die Martinskirche geschritten war, ist diesmal mit braunen Stoffbahnen verhängt. Das sanierungsbedürftige Tor ist fest in der Hand der Zimmerer, die dort gerade eine Wand aus spitz zulaufenden Fichtenbrettern errichten, um die Baustelle, die nicht fertig geworden ist, zu tarnen. Aber historisch ist das Ganze durchaus stimmig. Denn als sich Herzog Georg der Reiche mit der polnischen Königstochter vermählte, war die Martinskirche noch unvollendet. Erst 25 Jahre danach sollte sie fertiggestellt sein.

Heute gilt die Basilika als ein Kunstwerk von europäischem Rang, mitsamt ihrem mehr als 130 Meter aufragenden Backsteinturm, der von Patrioten allzu gerne als der höchste seiner Art auf der ganzen Welt gepriesen wird. Landshut ist stolz auf seine Superlative, die Stadt hat ja auch viele große Künstler hervorgebracht und war, politisch betrachtet, sogar einmal eine europäische Zentralmacht - eben in jener Ära der Reichen Herzöge (1393-1503), an deren Glanztage sie seit 1903 alle vier Jahre erinnert.

Es ist ein Kernpunkt der Landshuter Identität geworden, Ausdruck des Bürgerstolzes, aber auch eines tragischen Niedergangs, der letztlich den Aufstieg der Stadt München zur bayerischen Hauptstadt erst möglich gemacht hat.

Prunkvoller heiraten als die Münchner

Die Vermählung der Tochter des polnischen Königs Kasimir IV. und des Sohnes des Bayernherzogs Ludwig des Reichen war eine politische Hochzeit. Sie sollte angesichts der drohenden Invasion der Türken die christlichen Kräfte Europas aneinander binden.

Es war damals nicht alles so fröhlich, wie es heute wirkt. Geheiratet wurde mitten im November, die Straßen werden vor Dreck gestarrt haben, und die Landshuter mussten in ihren Häusern eng zusammenrücken, um die 15 000 Hochzeitsgäste aufzunehmen. Dass wir überhaupt so detailliert Bescheid wissen, liegt daran, dass sich ausführliche Berichte von Zeitgenossen und die Rechnungen erhalten haben. Kein Fest des späten Mittelalters sei so gut dokumentiert wie die Landshuter Hochzeit, sagt Franz Niehoff, der Leiter der städtischen Museen.

So stolz die Landshuter auf ihre Geschichte auch sein mögen, so sehr schwingt in ihren Äußerungen immer noch ein Minderwertigkeitskomplex gegen München mit. Auch das hat mit der Landshuter Hochzeit zu tun, denn die Ehe zwischen Georg und Hedwig blieb ohne männlichen Nachkommen, weshalb nach Georgs Tod anno 1503 München zur alleinigen Hauptstadt aufstieg.

Das mächtige Landshut sank wieder zur Provinzstadt herab, obwohl es in der Weltpolitik des ausgehenden Mittelalters mitgemischt und sich mit dem polnisch-litauischen Großreich verbandelt hatte, das damals von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer und weit hinein in die heutige Ukraine reichte.

Dass Landshut heute noch als gotische Stadt erscheint, habe aber nichts mit dem einstigen Glanz zu tun, sondern mit der Tatsache, dass die Stadt ihre Macht verlor und dass ihr das Geld ausging, sagt der Landshuter Journalist Elmar Stöttner. Gerade deshalb sei das Stadtgefüge weitgehend erhalten geblieben, sodass sich ein Mensch aus dem Mittelalter heute durchaus noch in den Gassen zurechtfinden würde.

Brillen und Smartphones sind tabu

Und doch vermitteln oft nur noch die Fassaden ein historisches Bild, und selbst die sind nachgemacht. Zwar wird so getan, als sei Landshut noch durch und durch eine gotische Stadt und der Hochzeitszug fahre durch eine stimmige Kulisse, aber es ist vieles reiner Schein. Die Abrissbirne hat in der Alt- und Neustadt schwere Wunden geschlagen und wird es weiter tun.

Das ficht die Förderer aber nicht an. So heißt der 7000 Mitglieder umfassende Verein, der die Landshuter Hochzeit ausrichtet und eine mächtige Größe im Stadtleben darstellt. Die Akteure sollen im Festspiel so originalgetreu wie möglich agieren.

Uhren, Eheringe, Brillen und Smartphones sind tabu, auch das Rauchen und das Kochen mit Tomaten und Kartoffeln, denn das alles gab es 1475 noch nicht. Um die Kostüme, die Requisiten, die Musik und die Ritterspiele stimmig bis ins kleinste Detail umzusetzen, recherchieren Wissenschaftler und Experten aus dem Kreis der Förderer seit Jahren in ganz Europa.

Die Karten für die vielen Veranstaltungen der Landshuter Hochzeit sind zwar alle verkauft, aber das Flair kann man auch ohne Tickets erleben, sei es bei den Umzügen am Wochenende oder beim nächtlichen Lagerleben auf dem Zehrplatz, bei dem fast jeder, der diese sehr authentisch wirkende mittelalterliche Atmosphäre schon einmal erlebt hat, ins Schwärmen gerät.

Im Gegensatz zum Premierenjahr 1903, in dem man die Münchner mit der auf eine Stunde verkürzten Eisenbahnfahrt nach Landshut zu locken versuchte, bringen Besucher aus aller Welt die Landshuter an die Grenze ihrer Kapazitäten. Die LaHo, wie sie im Volksmund heißt, ist ein Mega-Event geworden, zu dem in Gestalt der oft ausufernden Tribünenfeste auch die Partymeile des 21. Jahrhunderts gehört.

Aber auch die Attraktivität der Festzüge fordert ihren Preis. Ein neues Sicherheitskonzept erlaubt den Besuchern nun nicht mehr, in der mit 120 000 Besuchern vollgestopften Altstadt eigene Bierbänke und Garnituren aufzustellen, was zu einem heftigen Streit geführt hat. So mancher erboste Landshuter kündigte per Leserbrief an, er komme dann halt nicht mehr. Man könnte also sagen, der Erfolg frisst seine Kinder. Andererseits hat es immer aufrechte Bürger gegeben, die es vorziehen, die Stadt während des dreiwöchigen Trubels zu verlassen.