Kurzschrift Springwalds Rekord liegt bei 450 Silben pro Minute

Springwalds an seinem Arbeitsplatz im Plenarsaal des Bayerischen Landtages, gleich vor dem Rednerpult.

(Foto: Robert Haas)

In seinem Büro im dritten Stock des Maximilianeums sitzt Springwald an einem blitzsauberen Tisch mit ordentlich in eine Reihe gelegten Stiften, Nachschlagebänden und einem Tonbandgerät darauf. Stenografie macht ihm Freude, verrät der zufriedene Blick auf sein Reich. Unter den Kollegen gilt Springwald als Steno-Papst. Schließlich war er schon 1990 Deutscher Jugendmeister im Stenografieren, derzeit hält er den Titel des Bayerischen Vizemeisters. Sein Rekord liegt bei 450 Silben pro Minute. Das ist nicht weit entfernt von den 475 Silben - das schaffen die Allerbesten.

Vor allem aber ist er Purist. "Er liebt Stenografie", sagt Brigitte Hochholzer-Ulrich, die Leiterin des Sitzungsdokumentarischen Dienstes im Landtag, über ihn. "Für ihn steht die Schrift im Wert weit über der Tonaufnahme." Warum, das ist für Volker Springwald schnell erklärt: Es dauert viel länger, einen Tonmitschnitt in ein offizielles Protokoll zu verwandeln, als ein Stenogramm. "Stenografie ist schnell gelesen, ein Tonband läuft Stunden. Zudem ist das Tonband linear, man muss aufwendig vor- und zurückspulen. Stenografie kann man im Überblick betrachten und eine gesuchte Stelle schneller finden."

Deshalb werde Kurzschrift noch lange nicht aussterben, sagt er. Überall in deutschen Parlamenten, manchmal auch bei Gericht, sind noch Stenografen im Einsatz, das digitale Diktiergerät läuft nur zur Sicherheit mit. Doch auch in der Wissenschaft ist Stenografie gefragt. Franz-Josef Strauß war beispielsweise ein fleißiger Kurzschreiber. Wer seine Gedankengänge erforschen will, muss sie erst einmal lesen können.

Hört, hört!

"Übelkrähe", "Ähm" oder "Nihilistischer Pöbelhaufen": Die Bundestags-Stenografen schreiben immer jedes Wort mit. Oft müssen sie anschließend das, was Politiker von sich geben, mühsam in Form bringen. Ein Report über Menschen, die es ganz genau nehmen. mehr ...

Die Memoiren von Kardinal Faulhaber sind in der fast ausgestorbenen Gabelsberger-Kurzschrift verfasst. Er wisse selbst nur von rund 50 Leuten, sagt Springwald, die diese Schrift außer ihm beherrschten. Man suche händeringend nach Nachwuchs auf dem Gebiet.

Es gibt etliche Arten der Stenografie, angefangen bei den Tironischen Noten, die einst Marcus Tullius Tiro, ein Sekretär Ciceros, einführte, über die Gabelsbergerschrift mit ihren raffinierten Sonderkürzeln bis hin zur Redeschrift, die die Landtagsschreiber verwenden. Letztere ist eine Weiterentwicklung der Verkehrsschrift, die frühere Generationen noch in der Schule lernten. "Hier werden die Zeichen so stark verkürzt, wie es nur geht", erklärt Springwald, "man arbeitet viel mit Hoch- und Tiefstellungen, schon ein kleines Häkchen bedeutet wichtige Unterschiede, etwa zwischen Singular und Plural. Diese Schrift schafft unheimlich leicht Verwechslungen, ein wahres Minenfeld! Als Schreiber darf man da nicht mehr überlegen müssen, wie der Stift läuft."

Damit auch wirklich jeder Strich exakt sitzt, benutzt Springwald einen Füllfederhalter mit Goldfeder und feiner Strichstärke - dieser macht schon durch sein Eigengewicht beim Aufsetzen eine kurze Linie, die Mühe des Aufdrückens fällt weg, das spart Kraft und Zeit. Geschrieben wird auf eigens für den Landtag hergestelltem, gelackten Spezialpapier, auf dem die Tinte schnell trocknet und kontrastreich sichtbar ist.

Wie Springwald zur Stenografie kam

Es ist nicht zuletzt der sportliche Aspekt, der Springwald in den Achtzigerjahren in der Realschule zum Stenografie-Begeisterten machte. Wie auf den Spuren einer Geheimschrift las er schon früh nur noch die anspruchsvollen Fleißaufgaben am Ende der Stenobücher, bereitete sich auf Wettbewerbe vor. Nach dem Fachabitur kam er 1991 als Praktikant ins Maximilianeum.

Sechs Jahre später, nach dem Abschluss eines Studiums der Diplompädagogik, wurde er fest in den Landtag übernommen. "Was mich aber auch fasziniert, ist", sagt er, "wie stark man Sprache verkürzen kann, so dass davon fast nichts mehr übrig bliebt, und welche Geschwindigkeit dabei entsteht." Stenografie ist ein Höchstleistungssport und Springwald der Sprinter im Wortrennen der Politik.

Im August, wenn der Landtag leergefegt ist, wird es ruhig. Sind Präsidentin Barbara Stamm und die Abgeordneten endgültig in die Sommerferien ausgeflogen, nimmt sich Springwald noch zwei Wochen lang die letzten Mitschriften aus den Ausschüssen vor. Diese müssen nicht so schnell aufs Papier, sie dürfen ein Weilchen liegen. Ist auch das geschafft, legt er den weißen Füller aus der Hand und macht das, was alle machen: Urlaub. Schließlich muss er sich erholen für die nächste Wettkampfrunde. Am 5. November ist das Bundespokalschreiben des Deutschen Stenografenbundes.