Künstliche bayerische Idylle Disney-Dorf im Allgäu

Am Ufer des Forggensees soll ein künstliches bayerisches Dorf entstehen. Der Bürgermeister hofft, mit Geschäften, Hotels und folkloristischem Rahmenprogramm Touristen anzulocken. Doch Heimatpfleger laufen Sturm gegen das Projekt.

Von Stefan Mayr

Martin Wölzmüller hat sich auch nach Monaten nicht beruhigt. "Das ist eine Frage der Selbstachtung", sagt der Geschäftsführer des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege, "kein Allgäuer sollte sich seine eigene Kultur so verbiegen und vereinnahmen lassen." Im November haben Kommunalpolitiker und ihr Projektentwickler Pläne für den Hotel- und Erlebnispark "Allgäuer Dorf" in Füssen präsentiert, seitdem kämpft Wölzmüller dagegen an. Er empfiehlt den Allgäuern: "Pläne anschauen, nachdenken, absagen!" Am Freitag fährt er nach Füssen, um Bürgermeister Paul Iacob erstmals direkt zu sagen, was er von der "Umsatzmaschinerie" hält. Der SPD-Politiker seinerseits tönt vor dem Streitgespräch mit dem Kontrahenten: "Jahrelang haben sich die Oberbayern nicht um uns gekümmert, jetzt entdecken sie plötzlich das Allgäu."

Das sieben Hektar große "Dorf" soll auf einer grünen Wiese direkt an der Bundesstraße B 16, unmittelbar neben dem Festspielhaus am Ufer des Forggensees, entstehen. Die Kosten sollen ausschließlich private Investoren tragen, die Steuerzahler kostet das 60-Millionen-Euro-Projekt nichts. Dennoch haben sich neben Martin Wölzmüller etliche weitere Kritiker zu Wort gemeldet. Sie fragen: Braucht das Allgäu ein neues, zusätzliches Dorf mitsamt vorgelagertem Großparkplatz, das Touristen anlocken soll mit Restaurants und Geschäften, Hotels und folkloristischem Rahmenprogramm? Und ist ein "Dorf", das am Computer entworfen wurde, kein Widerspruch in sich? "Diese Selbstkarikatur bedroht die ansässigen Betriebe und die tatsächlichen Identitäten im Raum Füssen und im Allgäu", wettert Wölzmüller.

Auch der Vorsitzende des Heimatbundes Allgäu, Karl Stiefenhofer, äußert sich kritisch: "Ich sehe die Gefahr, dass dort nur ein Klischee entsteht." Man müsse "schon sehr aufpassen, dass da kein Disney-Land hochgezogen wird". Auch er hatte schon ein Gespräch bei Bürgermeister Iacob. Stiefenhofers Fazit: "Ich erkenne zwar den glaubwürdigen Versuch, dass dort kein Kitsch-Berg geplant wird. Aber da ist viel Fingerspitzengefühl nötig, ich bleibe skeptisch." Der Stadtrat Magnus Peresson, Architekt und Vorsitzender des historischen Vereins Alt-Füssen, bezeichnet die Pläne als "Lugebeitelei" respektive "üblen Etikettenschwindel". "Wenn sie von Anfang an gesagt hätten, dass sie ein Alpin-Disneyland bauen wollen, dann wäre das ok gewesen", sagt Peresson. "Aber wenn sie mit dem Begriff Allgäu operieren, dann fordere ich Wahrhaftigkeit." Ein Leserbrief-Schreiber formuliert seine Bedenken so: "Das Allgäu braucht sich nicht selbst zu kopieren." Und es gibt sogar schon eine Facebook-Seite gegen das "Allgäuer Dorf".

Angesichts der massiven Kritik betonen Bürgermeister Iacob und Landrat Johann Fleschhut (Freie Wähler) inzwischen mehr denn je, dass sie das Projekt behutsam angehen wollen. Letztlich aber bleibt für sie das "Allgäuer Dorf" eine großartige Idee, die Tourismus und Wirtschaft in der gesamten Region ein großes Stück voranbringen wird. "Die Sinnhaftigkeit dieser Investition mit solcher Ausstrahlung ist nach wie vor gegeben", sagt der Landrat. Die Pläne würden ständig "weiterentwickelt und angepasst", es gehe um einen "sensiblen Ausgleich zwischen der kommerziellen Seite und der Erlebnisseite." Er und Iacob zeigen sich überzeugt, dass die Geschäftsleute von dem Dorf vor den Toren der Stadt profitieren werden: "Hier übernachten Familien, und die sind dann im ganzen Allgäu unterwegs und geben ihr Geld aus."

Iacob räumt immerhin ein, dass die Präsentation des Projekts im Internet "nicht immer glücklich" und "vielleicht ein Fehler" war. Im Imagefilm ist davon die Rede, dass es in dem Neu-Dorf authentischer zugehe als im restlichen Allgäu - für diese Botschaft will sich Iacob sogar "entschuldigen": "Authentisch ist nur ein Originaldorf, aber das nehmen wir gar nicht in Anspruch."

Bei dem Streitgespräch am Freitag wird Kritiker Wölzmüller auch ähnliche Projekte ansprechen, die Innsbrucker Projektentwickler Erwin Trimmel andernorts realisiert hat. Zum Beispiel das "Alpendorf Anno Dazumal" in Hintertux oder das "Eifeldorf Grüne Hölle" am Nürburgring. "Da wird den Besuchern mit Fachwerkfassaden Geschichte vorgespielt und ein lauschiges Gefühl vorgegaukelt, diese Projekte stimmen sehr bedenklich", sagt Martin Wölzmüller. Die Architektur der "Abgreifbetriebe" sei "übelst": "Ich will nicht, dass diese Welle aus Österreich nach Bayern schwappt."

Bürgermeister Iacob seinerseits kündigt an, Anfang April die ersten Mieter mitsamt ihren Bauplänen vorzustellen. Architekt Peresson zeigt sich dagegen überzeugt, dass das Allgäuer Dorf nie kommen wird: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Investor da Geld hineinsteckt."