Kruzifix in Regensburger Klassenzimmer Das Kreuz ist weg

Ein Vater stört sich an dem Kruzifix im Klassenzimmer, die Schule in Regensburg hängt es ab. Nun ist daraus ein Politikum geworden.

Von Max Hägler

Das Kruzifix in der Klasse 7b ist weg. 20 mal 30 Zentimeter maß das bronzene Sinnbild des Opfers Jesu Christi, der Erlösung und der Vergebung. Wer genau hinschaute, konnte im Schattenspiel des Reliefs die Konturen des Corpus erkennen. Zu Beginn dieses Schuljahres hat das Albertus-Magnus-Gymnasium in Regensburg das Kreuz abgehängt, auf den Wunsch eines Vaters, dessen Kind dort zur Schule geht.

Ein seltener Vorgang zwar, aber einer, der seit dem Kruzifix-Urteil von 1995 bereits öfter vorgekommen ist in Bayern. "Meist läuft das still und innerhalb der Schulfamilie", sagt Ludwig Unger, Sprecher des bayerischen Schulministeriums.

Heftig dagegen die politischen Reaktionen im Regensburger Fall, der am Wochenende bekannt wurde. Der Zweite Bürgermeister Gerhard Weber meldete sich gleich am Montag zu Wort: "Ich habe kein Verständnis für die Forderung eines einzelnen Elternteils, das Kreuz in einem Klassenzimmer abnehmen zu lassen, wenn dies dem ausdrücklichen Wunsch der Mehrheit der anderen Eltern widerspricht", erklärte er.

Die Gegner hätten seine Sympathie. Und dann steht da noch, unter Bezugnahme auf die Herkunft des Vaters, der aus dem Ausland stammt: "Die Frage muss erlaubt sein, ob damit nicht das Gastrecht, das wir Ausländerinnen und Ausländern gerne gewähren, überstrapaziert wird.." Denn mit seiner Forderung würden jahrhundertealte deutsche Traditionen angegriffen. Der Vater solle sich nicht in der Anonymität verstecken, sondern sich öffentlich zu seinem Vorstoß bekennen.

"Ich kann subjektiv nachvollziehen, wenn Leute den Kopf schütteln, wenn Kreuze abgehängt werden", sagt auch Bayerns Schulminister Ludwig Spaenle (CSU). Die SPD ist ebenfalls empört, wohlgemerkt über den Vater. "Ich habe kein Verständnis, dass das abgehängt wird", sagt Joachim Wolbergs, SPD-Politiker und Dritter Bürgermeister. Der Hinweis auf die Herkunft des Vaters sei dabei nur ein unwichtiger Aspekt.

Anders bewertet das Wilhelm Pfaffel, Direktor des humanistischen Traditionsgymnasiums in Regensburg. "Es ist die Frage, ob das so debattiert würde, wenn nichts gesagt worden wäre über die Herkunft des Vaters", sagt Pfaffel. Der Vater erhalte Drohungen und auch Pfaffel hat Schmähungen im Mail-Eingang. Von der Schule sei dem Mann Anonymität zugesichert worden. Die Medien hätten die Anonymität durchbrochen, wundert sich der Schulleiter: eine Lokalzeitung schrieb, dass der Vater als Physiker an der Universität arbeitet - mit diesem Wissen ist es nicht mehr schwierig an seine Daten zu kommen.

"Wir haben keinen Kruzifixstreit an der Schule", sagt der Schulleiter. Der Vater habe sich an der sehr aufs Kreuz bezogenen Morgenandacht gestört. Deswegen habe man das Kreuz abgehängt, entsprechend der Rechtslage. Dies bedauere er zwar auch, sagt der Direktor, aber er verweist auf das Bundesverfassungsgericht. Das stellte 1995 fest, dass die bis dahin zwingend vorgeschriebenen Kreuze in Bayerns Schulen gegen das staatliche Neutralitätsgebot verstoßen und auf Anforderung abgehängt werden müssen.

Für das Morgengebet habe man einen "Kompromiss" gefunden, sagt Pfaffel: Jetzt steht die Besinnung im Mittelpunkt, weniger das Katholische. Gott komme dabei "natürlich" weiterhin vor. Fünf Wochen habe das funktioniert, bis die Neuregelung beim Elternabend bewusst angesprochen worden sei. Daraufhin empörten sich einige Eltern - und der Vorgang fand den Weg in die Medien.

Auch die Elternbeiratsvorsitzende Rita Jenemann-Preis wundert sich über die Aggression in der Diskussion. Der Hinweis des Bildungsbürgermeisters auf die Herkunft des Vaters kommentiere sich wohl selbst, sagt sie. Und meint damit: disqualifiziert sich. Es gebe unter den Eltern keine Telefonketten oder E-Mail-Rundschreiben wegen des Kruzifixes.

Bei der nächsten Sitzung des Elternbeirats werde darüber gesprochen, ganz "ohne böses Blut". So ungewöhnlich sei das Entfernen von Kreuzen am Albertus-Magnus-Gymnasium nicht. Ihre Tochter habe ihr erzählt, dass in ihrem Klassenzimmer schon seit geraumer Zeit kein Kreuz mehr hänge, sagt die Elternvertreterin. "Die Kinder haben das unter sich ausgemacht und keiner hat es mitbekommen."

Bischof Gerhard Ludwig Müllers appellierte am Montagabend an die Toleranz der Nichtgläubigen: "Das Kreuz ist in unserer Gegenwart Ausdruck einer Zivilisation der Liebe", sagte Müller. Die Pressestelle des Bistums erklärte nur, der Vater habe "geltendes Recht in Anspruch" genommen. Kritik daran könne es nicht geben, höchstens an der Rechtsprechung. Nur der Arbeitskreis Christen in der CSU unter dem Abgeordneten Thomas Goppel forderte vehement, das Kruzifix sofort wieder an seinen Platz zurück zu hängen.