Ein Vater stört sich an dem Kruzifix im Klassenzimmer, die Schule in Regensburg hängt es ab. Nun ist daraus ein Politikum geworden.
Das Kruzifix in der Klasse 7b ist weg. 20 mal 30 Zentimeter maß das bronzene Sinnbild des Opfers Jesu Christi, der Erlösung und der Vergebung. Wer genau hinschaute, konnte im Schattenspiel des Reliefs die Konturen des Corpus erkennen. Zu Beginn dieses Schuljahres hat das Albertus-Magnus-Gymnasium in Regensburg das Kreuz abgehängt, auf den Wunsch eines Vaters, dessen Kind dort zur Schule geht.
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Streit um ein Kruzifix in Regensburg: Im Albertus-Magnus-Gymnasium wurde ein Kreuz aus dem Klassenzimmer entfernt - die Aufregung ist nun groß. (© dpa)
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Ein seltener Vorgang zwar, aber einer, der seit dem Kruzifix-Urteil von 1995 bereits öfter vorgekommen ist in Bayern. "Meist läuft das still und innerhalb der Schulfamilie", sagt Ludwig Unger, Sprecher des bayerischen Schulministeriums.
Heftig dagegen die politischen Reaktionen im Regensburger Fall, der am Wochenende bekannt wurde. Der Zweite Bürgermeister Gerhard Weber meldete sich gleich am Montag zu Wort: "Ich habe kein Verständnis für die Forderung eines einzelnen Elternteils, das Kreuz in einem Klassenzimmer abnehmen zu lassen, wenn dies dem ausdrücklichen Wunsch der Mehrheit der anderen Eltern widerspricht", erklärte er.
Die Gegner hätten seine Sympathie. Und dann steht da noch, unter Bezugnahme auf die Herkunft des Vaters, der aus dem Ausland stammt: "Die Frage muss erlaubt sein, ob damit nicht das Gastrecht, das wir Ausländerinnen und Ausländern gerne gewähren, überstrapaziert wird.." Denn mit seiner Forderung würden jahrhundertealte deutsche Traditionen angegriffen. Der Vater solle sich nicht in der Anonymität verstecken, sondern sich öffentlich zu seinem Vorstoß bekennen.
"Ich kann subjektiv nachvollziehen, wenn Leute den Kopf schütteln, wenn Kreuze abgehängt werden", sagt auch Bayerns Schulminister Ludwig Spaenle (CSU). Die SPD ist ebenfalls empört, wohlgemerkt über den Vater. "Ich habe kein Verständnis, dass das abgehängt wird", sagt Joachim Wolbergs, SPD-Politiker und Dritter Bürgermeister. Der Hinweis auf die Herkunft des Vaters sei dabei nur ein unwichtiger Aspekt.
Anders bewertet das Wilhelm Pfaffel, Direktor des humanistischen Traditionsgymnasiums in Regensburg. "Es ist die Frage, ob das so debattiert würde, wenn nichts gesagt worden wäre über die Herkunft des Vaters", sagt Pfaffel. Der Vater erhalte Drohungen und auch Pfaffel hat Schmähungen im Mail-Eingang. Von der Schule sei dem Mann Anonymität zugesichert worden. Die Medien hätten die Anonymität durchbrochen, wundert sich der Schulleiter: eine Lokalzeitung schrieb, dass der Vater als Physiker an der Universität arbeitet - mit diesem Wissen ist es nicht mehr schwierig an seine Daten zu kommen.
"Wir haben keinen Kruzifixstreit an der Schule", sagt der Schulleiter. Der Vater habe sich an der sehr aufs Kreuz bezogenen Morgenandacht gestört. Deswegen habe man das Kreuz abgehängt, entsprechend der Rechtslage. Dies bedauere er zwar auch, sagt der Direktor, aber er verweist auf das Bundesverfassungsgericht. Das stellte 1995 fest, dass die bis dahin zwingend vorgeschriebenen Kreuze in Bayerns Schulen gegen das staatliche Neutralitätsgebot verstoßen und auf Anforderung abgehängt werden müssen.
Für das Morgengebet habe man einen "Kompromiss" gefunden, sagt Pfaffel: Jetzt steht die Besinnung im Mittelpunkt, weniger das Katholische. Gott komme dabei "natürlich" weiterhin vor. Fünf Wochen habe das funktioniert, bis die Neuregelung beim Elternabend bewusst angesprochen worden sei. Daraufhin empörten sich einige Eltern - und der Vorgang fand den Weg in die Medien.
Auch die Elternbeiratsvorsitzende Rita Jenemann-Preis wundert sich über die Aggression in der Diskussion. Der Hinweis des Bildungsbürgermeisters auf die Herkunft des Vaters kommentiere sich wohl selbst, sagt sie. Und meint damit: disqualifiziert sich. Es gebe unter den Eltern keine Telefonketten oder E-Mail-Rundschreiben wegen des Kruzifixes.
Bei der nächsten Sitzung des Elternbeirats werde darüber gesprochen, ganz "ohne böses Blut". So ungewöhnlich sei das Entfernen von Kreuzen am Albertus-Magnus-Gymnasium nicht. Ihre Tochter habe ihr erzählt, dass in ihrem Klassenzimmer schon seit geraumer Zeit kein Kreuz mehr hänge, sagt die Elternvertreterin. "Die Kinder haben das unter sich ausgemacht und keiner hat es mitbekommen."
Bischof Gerhard Ludwig Müllers appellierte am Montagabend an die Toleranz der Nichtgläubigen: "Das Kreuz ist in unserer Gegenwart Ausdruck einer Zivilisation der Liebe", sagte Müller. Die Pressestelle des Bistums erklärte nur, der Vater habe "geltendes Recht in Anspruch" genommen. Kritik daran könne es nicht geben, höchstens an der Rechtsprechung. Nur der Arbeitskreis Christen in der CSU unter dem Abgeordneten Thomas Goppel forderte vehement, das Kruzifix sofort wieder an seinen Platz zurück zu hängen.
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(SZ vom 17.11.2010/sonn)
Surfrider Beach in Malibu
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Die Große Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte hat in dem "für 47 Staaten bindenden Urteil" (sueddeutsche.de vom 18.03.2011 10:39) endgültig entschieden: Das Kruzifix, "auch wenn es in erster Linie als religiöses Symbol zu betrachten ist", verstößt nicht gegen Art. 2 (Protokoll Nr. 1), Recht auf Bildung, und nicht gegen Artikel 9, Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit.
Im Hinblick darauf und weil der Gekreuzigte aus unendlicher Liebe ein so unvorstellbar großes Leiden auf sich genommen hat, nehme ich meine Empfehlung in meinem Kommentar vom 15.12.2010, in der Kl. 7b des AMG Regensburg ein kleineres Kruzifix anzubringen, mit Bedauern zurück.
"Kruzifix-Urteil" - Keiner kennt es besser als der Vorsitzende Richter
Am 19. März 2007 starb Verfassungsrichter Prof. Dr. Johann Friedrich Henschel.
Er hatte als Vorsitzender Richter des 1. Senats für das "Kruzifix-Urteil" vom 16. Mai 1995 gestimmt. Keiner weiß besser als er, wie das Kruzifix-Urteil zu verstehen und praktisch umzusetzen ist.
1. Die Klage von Herrn Josef Obermeier (seit 1991 bei der PDS) gegen den Freistaat Bayern und gegen ein Kreuz im Klassenzimmer führte zum Urteil des Bundesverwaltungsgerichts Berlin vom 21. April 1999 (Az 6 C18.98). Zu dieser Klage erklärte Prof. Dr. Johann Friedrich Henschel:
"Der Mensch ist zwar ein Individuum, aber er lebt in einer Gemeinschaft...Da kann ich mich richtig darüber aufregen, wo nimmt das Kind denn Schaden, wenn es unter dem Kreuz unterrichtet wird?"
(Süddeutschen Zeitung Nr. 251 vom 30. Oktober 1996, Seite 47)
2. Prof. Dr. Johann Friedrich Henschel hat den Leitsatz 1 des "Kruzifix-Urteils" dahingehend berichtigt, er nannte es "präzisiert", dass die staatlich angeordnete Anbringung eines Kreuzes oder Kruzifixes in den Unterrichtsräumen einer staatlichen Pflichtschule, die keine Bekenntnisschule ist, gegen Art. 4 Abs. 1 GG verstößt. Nur darüber sei mit dem Beschluss vom 16. Mai 1995 entschieden worden." Folglich wurde nicht gegen das Kreuz entschieden.
3. Zitat aus dem Oberbayerischen Volksblatt vom 18./19.01.1997:
"Für Henschel ist die entscheidende Frage im Bruckmühler Kruzifix-Streit - Vater Josef Obermeier stritt, wie berichtet, gegen den Verbleib des Kreuzes im Klaßzimmer seiner Tochter - diese:
„Das Anbringen eines schlichten Kreuzes, und davon gehe ich im Bruckmühler Fall aus, stellt noch keinen Eingriff ins Grundrecht der Religionsfreiheit und Weltanschauungsfreiheit dar. Es ist nicht gut, dass Eltern in diesem Fall zum Seelenheil ihres Kindes streiten. Als ob damit das Kreuz weg sei. Die Eltern tun dem Kind keinen Gefallen, wenn es dadurch in eine Außenseiterrolle gedrängt wird.“ Dieses Verhalten der Eltern sei bedenklich und unklug, da das Kind in einer christlich geprägten Umgebung aufwachse.“ "
Fazit: Es ist die vornehmste Pflicht, auch im Fall Regensburg ein kleineres Kruzifix anzubringen und den Frieden wiederherzustellen. Das schulden wir auch dem verstorbenen Richter.
@LvB:
"Ich möchte jedenfalls als Christ nicht mit den Emotionen und Werten eines Atheisten tauschen – ich glaube dass ich dabei emotional erfrieren würde"
Nun, wie kommen Sie zu so einer Aussage? Halten Sie Atheisten für bieder, emotionslos und kalt? Das ist schon etwas anmaßend, finde ich.
Für Sie leiten sich Emotionen vielleicht aus der Religion ab, Atheisten brauchen so ein Hilfswerkzeug nicht. Ich wurde ohne den Glauben an einen Gott erzogen und fühle mich trotzdem (oder gerade deshalb?) sehr wohl.
Ich gehe sehr stark davon aus, dass nach meinem Ableben nichts mehr kommen wird. Aber es macht mir keine Angst und ich schätze dafür dieses Leben umso wertvoller ein.
Mein Freundes- und Bekanntenkreis besteht zum großen Teil aus Atheisten - alles glückliche, angenehme Menschen. Ich kenne aber natürlich auch einige religiöse Menschen. Während man es manchen nicht anmerken würde, sind andere von ihren eigenen Denkweisen extrem eingeschüchtert und können scheinbar nie fröhlich sein ohne zu fragen "darf ich das denn jetzt überhaupt?". Es ist sehr traurig, mit anzusehen, wie sich Leute aus religiösen Gründen das Leben schwermachen und eigentlich nicht wirklich leben.
Ich will keine Grundsatzdiskussion über Religion anfangen, aber es gibt keinen vernünftigen Grund an einen Gott zu glauben. Im Grunde ist es nur eine Mischung aus Wunschdenken und Angst. Einmal gefangen in diesen Denkstrukturen gibt es nur schwer ein Entkommen.
Aus atheistischer Sicht ist daher ein Symbol wie das Kruzifix besonders in Bildungseinrichtungen fehl am Platz. Die Schulklassen bestehen ja nicht nur aus Katholiken. Andersherum würden auch Atheisten nicht verlangen dass überall anti-religiöse oder atheistische (gibt es überhaupt welche?) Symbole an der Wand hängen.
Das kann auch keine Frage von Mehr- oder Minderheiten sein. Sie würden mit Sicherheit auch auf die Barrikaden gehen, wenn der Großteil der Schüler einen islamistischen Hintergrund hätte und den Klassenraum entsprechend ausstatten würde.
Und dabei geht es auch nicht darum welche Religion zuerst da war. Da es bis heute keinerlei Hinweise auf die Richtigkeit der Grundlagen des Christentums (oder jeder anderen Religion) gibt, gehört soetwas wie das Kruzifix nicht ins Klassenzimmer.
Wer meint, daran glauben zu müssen - bitte! Dann aber im privaten Rahmen, ohne es anderen (=wehrlosen Kindern) aufzudrängen.
Das Albertus-Magnus-Gymnasium ist keine katholische Schule, sondern eine staatliche Schule. Von daher geht Ihre Polemik gegen den Vater völlig ins Leere.
In jedem noch so kleinem Kaff in Bayern findet sich mindestens eine Kapelle und Kirchen gibt es hierzulande wie Sand am Meer - genügend Platz also, um Kreuze in allen Größen und Variationen in die Öffentlichkeit zu tragen. Aber wenn in einem einzelnen, kleinen Klassenzimmer in einer staatlichen(!) Schule mal ein Kreuz abgehängt werden soll, dann flippen die allerchristlichsten Nächstenlieber gleich wieder aus. Ausgerechnet von der Pressestelle des Regensburger Bistums kommt noch die gemäßigste Reaktion.
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