Kritik an bayerischen Grundschulen Schreiben und rechnen - mangelhaft

Eine Grundschülerin schreibt in einer Deutschstunde Wörter an die Tafel.

(Foto: dapd)

Bayerische Gymnasiallehrer beklagen, dass Grundschüler zu schlecht auf den Übertritt vorbereitet werden. Sie fordern mehr Deutschstunden, Reformen in Mathe und Englisch soll gleich ganz wegfallen. Bei den Kindern würden die widersprüchlichen Ziele oft nur eines auslösen: Chaos im Kopf.

Von Tina Baier

Angehende Gymnasiasten können schlechter Kopfrechnen und schlechter Rechtschreiben als früher. Außerdem lassen ihre Englischkenntnisse zu wünschen übrig, obwohl die Sprache seit dem Jahr 2000 in der Grundschule unterrichtet wird. Das ist das Ergebnis einer Umfrage unter 1146 Gymnasiallehrern, die der bayerische Philologenverband am Mittwoch vorgestellt hat.

49,6 Prozent der befragten Lehrer stimmten der Aussage "Die Rechtschreibleistungen der Grundschüler haben tendenziell in den letzten Jahren abgenommen" "voll und ganz zu"; 35,1 Prozent hielten sie für "überwiegend" richtig. Max Schmidt, Vorsitzender des bayerischen Philologenverbands, führt diese negative Entwicklung unter anderem darauf zurück, dass im Jahr 2004 sowohl in der dritten als auch in der vierten Klasse Grundschule je eine Stunde Deutsch gestrichen wurde, um mehr Englisch unterrichten zu können.

Im neuen Grundschullehrplan, an dem gerade verschiedene Kommissionen im Kultusministerium und im Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) arbeiten, sollten deshalb nach Ansicht der Philologen wieder mehr Deutsch eingeplant werden. Die dafür erforderlichen Stunden will Schmidt vom Englischunterricht in der dritten und vierten Klasse abzwacken. Er kann sich sogar vorstellen, Englisch in der Grundschule wieder ganz aus dem Pflichtprogramm zu streichen und nur noch als Wahlfach anzubieten.

Verschiedene Ziele beim Englischunterricht

Um das Fach Englisch in der Grundschule gibt es Diskussionen, seit es eingeführt wurde. "Das eigentliche Problem ist, dass sich in Englisch die Ziele der Grundschule und die Ziele des Gymnasiums widersprechen", sagt Simone Fleischmann, die im Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) für den Bereich Grundschulen zuständig ist.

Die Leidtragenden sind die Schüler, von denen in der fünften Klasse Gymnasium beispielsweise oft erwartet wird, dass sie englische Wörter richtig schreiben können. Die englische Rechtschreibung soll in der Grundschule laut Lehrplan aber gar nicht vermittelt werden. Der Schwerpunkt liegt vielmehr auf einer spielerischen Begegnung mit einer fremden Sprache und einer anderen Kultur. "Daran wird sich voraussichtlich auch im neuen Lehrplan nichts ändern", sagt Fleischmann.

Zumal viele Fremdsprachendidaktiker den Englischunterricht an der Grundschule, bei dem es vor allem darum geht, dass die Kinder lernen, sich zu verständigen, für fortschrittlicher halten als den am Gymnasium. Dort ist zum Beispiel immer noch die Aufgabe "Translate" weit verbreitet, bei der die Schüler einen Text Wort für Wort übersetzen müssen - eine eigentlich längst überholte Methode.

In den Schulheften herrscht Chaos

Auch in Mathematik knirscht es beim Übergang zwischen Grundschule und Gymnasium. In der Umfrage stimmten mehr als 84 Prozent der befragten Gymnasiallehrer der Aussage "Die in den letzten Jahren an der Grundschule im Mathematikunterricht eingeführten methodisch-didaktischen Neuerungen haben einen positiven Effekt auf die Rechenkompetenz gehabt" entweder "überhaupt nicht" oder "eher nicht" zu.

Die meisten Diskussionen gibt es um das schriftliche Abziehverfahren, das die Kinder in der Grundschule lernen."Das Abziehverfahren muss weg", fordert Schmidt. Wenn die Rechenaufgaben am Gymnasium komplizierter werden, bekämen die "Schüler massive Probleme mit der Unübersichtlichkeit des Verfahrens". In den Schulheften der Fünftklässler herrsche "nach übereinstimmenden Beobachtungen Chaos".

Das Abziehverfahren wurde an den Grundschulen unter anderem deshalb eingeführt, weil viele Schüler mit dem sogenannten Ergänzungsverfahren ("2 an, 1 gemerkt"), das die meisten Eltern gelernt haben, Probleme hatten. Dass viele Mathematiklehrer am Gymnasium das neue Verfahren ablehnen, hat in der Praxis zu der absurden Situation geführt, das die Kinder in der Grundschule wochenlang das Abziehverfahren üben, dann aber am Gymnasium das alte Ergänzungsverfahren verlangt wird, das sich die Schüler dann im Schnelldurchgang nebenher aneignen müssen.

"Die Lehrpläne müssen besser aufeinander abgestimmt werden", sagt Simone Fleischmann. Und die verschiedenen Schularten müssten aufeinander zugehen. Derzeit seien die beiden "Systeme" Grundschule und Gymnasium derart unterschiedlich, dass die Kinder beim Übergang fast zwangsläufig Probleme bekommen.