Kratzers WortschatzSingsang vor der Haustür

Minnesang? Kennen wir. Singsang? Hören wir oft im Radio. Aber was bitte ist ein Gredbänk-Gsangl?

Minnesang? Kennen wir. Singsang? Hören wir oft im Radio. Aber was bitte ist ein Gredbänk-Gsangl? Hans Kratzer erklärt diesen und andere Begriffe der bayerischen Sprache.

Gred

Die Schwestern Angelika Rinkl und Carmen Pirkl, die in der Straubinger Gegend daheim sind, singen mit Vorliebe Balladen und Moritaten. Am Mittwoch war das Duo, das in der Volksmusik-Szene als Gredbänk-Gsangl bekannt ist, zu Gast in der Sendung "Bayerntour" im Bayerischen Fernsehen.

Natürlich war der ungewöhnliche Name Gredbänk-Gsangl Gegenstand der Unterhaltung mit der Moderatorin Carolin Reiber. Die Schwestern erklärten, die Gredbänk sei die Bank auf der Stufe (Gred) vor dem Haus. Und Gsangl bedeute "ein bisserl Gesang". "So einfach ist das", sagten sie, denn "wenn wir früher gesungen haben, dann meistens im Garten auf der Bank. Deshalb der Name."

Tatsächlich ist die Gred aus sprachwissenschaftlicher Sicht mit den lateinischen Wörtern gradus (Schritt, Tritt, Stufe) und ingredi (eintreten) verwandt und bezeichnet die leicht erhöhte, oft mit Steinen gepflasterte schmale Fläche vor dem Hauseingang. Da man auf der Gred ins Haus gelangte, streiften die Hausbewohner dort den Dreck ab, der an den Schuhen klebte. Überdies war die Gred früher ein beliebter Aufenthaltsort und entsprach der heutigen Gartenterrasse.

Allerdings interpretierte die Moderatorin Carolin Reiber im Gespräch mit dem Gredbänk-Gsangl das Wort Gred etwas eigenwilliger als die übrige Schar der Dialektexperten. Dieser Begriff, so erklärte sie, komme auch daher, dass die Menschen in Oberbayern auf der Sitzbank vor dem Haus so viel reden, also im Sinne von: Da wird gredt. Mit dieser These grätschte die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin wieder einmal ins Humoristische hinein wie ehedem beim Bschoad-Tücherl (Brotzeittücherl), das sie als Pschorr-Tücherl vorstellte.

Die wegen ihres rollenden "R" als Ikone des Bairischen verehrte Frau Reiber entschlüsselt die Geheimnisse des Dialekts ausgesprochen virtuos. Ihre Freistil-Etymologie von Dialektwörtern wie Gred dürfte jedenfalls weltweit einmalig sein.

Bild: Catherina Hess 17. Dezember 2012, 13:262012-12-17 13:26:00 © SZ/infu/ahe