Kratzers Wortschatz:Luthrische Zipfe katholisch machen

Vom Kabarettisten Gerhard Polt wissen wir, dass evangelisch getauft sein nicht überall in Bayern normal ist.

SZ-Autor Hans Kratzer erklärt Begriffe der bairischen Sprache

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(Foto: dpa/dpaweb)

Katholisch machen In einem offenen Brief an Ministerpräsident Horst Seehofer haben neulich 45 Ordensobere aus Bayern eine humanere Flüchtlingspolitik gefordert. Die Kirchenleute kritisierten vor allem die Rhetorik der Staatsregierung. "Wir fühlen uns von dem, was die CSU in der Flüchtlingskrise tut und sagt, nicht mehr repräsentiert", klagten sie. Auch die Welt der Kirchengläubigen ist also angesichts der politischen Weltlage aus den Fugen geraten. Das war aber früher nicht anders. Daran erinnert die interessante Redewendung "jemanden katholisch machen". Sie geht vermutlich auf die Zeit der Reformation zurück, in der sich diverse deutsche Regionen vom Katholizismus entfernt und sich der neuen protestantischen Lehre angeschlossen hatten. Das taten sie freilich nicht ungestraft, denn viele wurden mit Gewalt wieder zur Rückkehr zum katholischen Glauben gezwungen, kurzum: Sie wurden katholisch gemacht. In einem alten Studentenlied ist dies deutlich dokumentiert: "'s Madl is lutherisch worn - müaß mirs wieder katholisch macha!" Von dem Kabarettisten Gerhard Polt wissen wir, dass er evangelisch getauft wurde, was aber damals in der Altöttinger Gegend als sehr ungewöhnlich galt. "Also hat man mich katholisch gemacht." Der Spruch wird heute im übertragenen Sinn verwendet. Jemanden katholisch machen heißt: Den bringen wir wieder auf den richtigen Weg. Eben das planen nun die Ordensleute mit Blick auf ihre möglicherweise von der Nächstenliebe abdriftenden Glaubensbrüder Seehofer, Söder und Ramsauer.

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Luthrischer Zipfe Kriegerische und verbale Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten begleiten nicht nur durch die deutsche Geschichte, sondern auch die Fortentwicklung des deutschen Sprachraums. Der Autor Johann Rottmeier zitiert in seinem Redensarten-Buch "A Hund bist fei schon" (Volk Verlag) einen interessanten Reim aus dem frühen 20. Jahrhundert, den die katholische Obrigkeit in jener Zeit den braven Kindern eingeimpft hat, um andersgläubige Spiel- und Schulkameraden bei günstiger Gelegenheit angemessen zu verspotten: "Luthrischer Zipfe, steig auffe an Gipfe, foist owe in d'Hoi, bist an Deife sei Gsoi!"

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Antenfressen Neulich ist an dieser Stelle das Wort Anten (Ente) durchleuchtet worden, was ein riskantes Unterfangen war. Dass Anten in bayerischen Ortsnamen weniger mit der Ente als vielmehr mit der lateinischen Präposition ante zu tun hat, schimmerte in den schulischen Erinnerungen des Autors zwar durch. Aber es war halt zu verlockend, Ortsnamen wie Antenbichl, Antenloh oder Antenfressen vom Federvieh her zu interpretieren. Allerdings hat die SZ viel zu aufmerksame Leser, als dass man sich an ihnen mit Ungereimtheiten vorbeimogeln könnte. In papierenen und elektropostalischen Briefen wurde moniert, der im Artikel zitierte Ort Antenfressen im Landkreis Altötting habe nichts mit den lieben Anterln zu tun, er leite sich vielmehr vom Lateinischen ab. SZ-Leser Rüdiger Herrmann vermutet, eine Römervilla im Umfeld habe wohl "ante forestam" geheißen. Der lateinische Name sei sozusagen im Laufe der Jahrhunderte in Unkenntnis der romanischen Herkunft "verhuraxdaxt" worden. Heidemarie Eckel merkte an, die in Kirchenbüchern üblichen lateinischen Ortsbezeichnungen seien im Dialekt verschliffen worden, den Rest hätten dann Kartografen der Montgelas-Zeit erledigt, indem sie Namen kleinerer Orte gemäß der Mundart der Ureinwohner aufnotierten. So kamen Ortsnamen wie Antenfressen zustande. Erwähnt sei noch die Theorie der Namenforscher Stefan Hackl und Susanne Franke, die Antenfressen vom mittelhochdeutschen Wort antfrist ableiten, was so viel wie Ausdeuter oder Erklärer bedeutet. Demnach wohnte in Antenfressen einst ein Antfrist, der den Schriftunkundigen die Lehensverträge auslegte. Anten (Nachtrag) Nach der Erörterung des Wortes Antn (Ente) argumentierten neulich einige Leser, der Ortsname Antenfressen leite sich vom Lateinischen her (ante forestam). Daraufhin schaltete sich Wolf-Armin von Reitzenstein ein, der beste Kenner der bayerischen Ortsnamen überhaupt. Sein Expertentum wird belegt durch die Tatsache, dass ihm vor kurzem der Bayerische Verdienstorden verliehen wurde. Reitzenstein hält die lateinische Herleitung von Antenfressen für einen "blühenden Unsinn". Ihm zufolge liegt diesem Ortsnamen eine Person Antfrist oder Anterfrister zugrunde, die sich zum Antenfresser wandelte und schließlich zum Ortsnamen Antenfressen.

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(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Anten Bis vor wenigen Jahrzehnten war das Kirchweihfest (Kirta) eines der bedeutendsten Feste im Jahreslauf. Mit dem Niedergang der Landwirtschaft sank die Bedeutung der Kirchweih, die in der Regel am dritten Oktobersonntag gefeiert wird. Im Kirchenjahr nimmt sie zwar immer noch einen hohen Rang ein, die weltliche Tradition aber wird nur noch von der Gastronomie gepflegt. Als Leckerbissen wird die Kirchweihgans allgemein geschätzt, manchmal wird aber auch eine Ente aufgetischt, a Anten (a wird hell gesprochen), wie man in Südbayern sagt. Nach wie vor wird eine Anten nur zu besonderen Anlässen aufgetischt. So war es auch früher, wie den Erinnerungen der Autorin Magdalena Stoeckl zu entnehmen ist: "Nach jeder Kindstauf kreuzte mein Vater bei der Pfarrerköchin auf. Mit einer Anten, gut körndlgefüttert." Das Wort Anten ist schon deshalb interessant, weil darin noch das althochdeutsche Urwort anut durchscheint, im Mittelhochdeutschen wurde daraus der ant, ein Maskulinum. Später wurde daraus die feminine Ente. Die Anten ist auch in Ortsnamen erhalten geblieben: Antenbichl, Antenfressen, Antenfuß, Antenloh . . . Populär wurde die Anten durch die oft zitierte Mahnung eines genussfreudigen Pfarrers, der in einer Predigt seiner Köchin Leni in pseudolateinischen Worten auftrug: "Leni dradantum procenta!" (Leni dreh die Ente um, brate sie auch auf der anderen Seite!).

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Zipfebritschn Vergangene Woche ist an dieser Stelle das beliebte Schimpfwort Zipfeklatscher zur Sprache gekommen, mit dem gelegentlich ein Idiot oder ein einfältiger Mensch bedacht wird. Tatsächlich gibt es zu diesem Begriff ein weibliches Pendant, die Zipfebritschn, die wie der Zipfeklatscher aus dem erotischen Schmutzwörterkatalog entlehnt ist. Mit diesem Schimpfwort wird eine bösartige, klatschsüchtige Frau bedacht, wenn die Kommunikation auf der untersten Sprachebene geführt wird. Außer der Zipfebritschn wird auch der Name Dreckbritschn in den Ring geworfen. Beide Wörter sollen dem Begriff Britschn, der nach der Wende im Schimpfwort Ossi-Britschn eine Zeitlang Konjunktur hatte, noch mehr Wucht verleihen. Auch Prostituierte werden als Britschn bezeichnet.

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Zipfeklatscher Vorige Woche hat sich diese Kolumne mit den Steilwandfahrern befasst, die sich "mit Karacho" in die Kurve legen. Ein Leser mahnte uns daraufhin, mit dem Wort Karacho vorsichtig umzugehen. Es komme aus dem Spanischen (carajo) und sei eine vulgäre Bezeichnung für das männliche Glied. Auch im Bairischen gibt es für das Gemächt eine Vielzahl von Benennungen, nicht alle sind zitierbar. Allgemein geduldet sind die Wörter Zipfel (Zipfe) und die Erweiterung Zipfeklatscher. Die Kabarettistin Monika Gruber erwähnt in einem Sketch den Herrn Dödelmann, einen Zipfeklatscher im Landratsamt. Die Autorin Heidi Hohner hat sogar einem ihrer Heimatkrimis den Titel "Zipfelklatscher" verpasst. Zuletzt sagte Maximilian Brückner in Gerhard Polts Kinofilm "Und Äktschn" zu einem Türsteher: "Du Zipfeklatscher!" Ein Zipfeklatscher ist ein Idiot, ein einfältiger Mensch. Die deutsche Szenesprache kennt das Wort Pimmelklatsche als Synonym für Ohrfeige. Der Zipfel ist in der derb-erotischen Literatur allgegenwärtig, sehr beliebt ist der Bierzeltschlager "Zipfe eine, Zipfe ausse, aber heid geht's guat!"

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(Foto: dpa)

Ankenten Dem Forstminister Helmut Brunner obliegt die Aufgabe, vor der Gefahr von Waldbränden zu warnen. Vor wenigen Tagen hat er aber selbst ein gefährliches Feuer entfacht. In der öffentlichen Erörterung dieses Brandereignisses war mehrmals das alte Verb ankenten zu hören. "Da Brunner Helli hat sein Hoiz ankent", hieß es da, oder: "Wär gscheider gwesn, er hätt an Tabak in der Pfeifn ankent." Das Wort kommt einem bekannt vor aus Italien: "Accendere la luce" lautet dort die Regel für Autofahrer, die das Licht einschalten sollen. "Kent den Ofen an!", befahl einst die Oma, wenn es in der Stube zu kalt war. Vielleicht kommt ankenten aus dem Lateinischen, in dem das Verb accendere ebenfalls anzünden heißt. Im Falle Brunner würde das alte Bayerwaldwort vuiln noch besser passen. Es bedeutet: mit dem Feuer spielen. Der Minister hat gvuilt, obwohl er schon als Bub gelernt hat: "Messer, Schere, Feuer, Licht ist für Kinderhände nicht!"

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(Foto: Stephan Rumpf)

Wuider Hund Die Wiesn hat ihrem Publikum allerhand Nervenkitzel geboten. Vor allem die Steilwandfahrer zeigten auf ihren alten Indian-Polizeimaschinen Kunststücke und Renn-Akrobatik, dass den Zuschauern der Atem stockte. Coole Typen heißen sie im heutigen Sprachgebrauch, aber einem Besucher des Motodroms auf der Oidn Wiesn ist ein Seufzer mit Lokalkolorit herausgerutscht: "Mei, des san wuide Hundt!" Diese Aussage war keineswegs abschätzig gemeint, sondern Ausdruck höchster Bewunderung, es war quasi die Steigerung des Hundlings. Jene für Nichtbayern befremdliche Art, Freundlichkeit durch Schimpfworte auszudrücken, hat schon Ludwig Thoma dokumentiert, etwa in der Komödie "Erster Klasse", in dem sich die Spezln Filser und Gsottmaier mit Lobesworten nur so überhäufen: "du plattata Mistgabelbaron, du Haderlump, du ganz miserabliger, du Bazi, du luftgselchter . . ." Bis heute drückt man seine Wertschätzung gerne aus, indem man zu einem Freund sagt: "du wuider Hund, du varreckter". Wuide Hunde soll man wegen ihrer Mutes durchaus bewundern, zumal sie das Risiko so kalkulieren, dass selbst riskanteste Steilwandfahrten meistens glücklich enden. Leser Armin Bickel merkte dazu an, nicht nur in München würden Schimpfwörter als Ausdruck der Bewunderung verwendet. "Vor Jahren hörte ich in London einen Mann seinen Freund quer über die Straße begrüßen: Spider, you bloody maniac!" (du blöder Verrückter!). "War natürlich freundlich gemeint", schreibt Bickel.

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(Foto: Stephan Rumpf)

Ganterbursch Die Berichterstattung über die Wiesn hat einen alten Volksfestbegriff in Erinnerung gerufen. In den Festzelten, in denen das Bier aus Fässern gezapft wird, braucht es eine gute Logistik. Dafür ist der Ganterbursch zuständig. Er hat die Aufgabe, die Fässer im Bierzelt so zu platzieren, dass die Schenkkellner optimal zapfen können. Der Ganterbursch Rudi Past sagte dem Bayerischen Rundfunk: "Das Wichtigste ist die Technik, und a bissl a Schmoiz und a Durchhaltewillen, weil sunst bist glei weg vom Fenster." Das ist leicht nachzuvollziehen, wenn man sich vor Augen hält, dass die Hirschen, also die Holzfässer, sauschwer sind. So ein Fass wiegt schon leer ungefähr achtzig Kilo, und dann kommen noch 220 Kilo Bier dazu, macht summa summarum 300 Kilo pro Fassl, die der Ganterbursch bewegen muss. Er sorgt nämlich für den Nachschub auf dem Ganter, das ist jener Tisch auf dem die Fässer stehen. Ein Ganterbursch muss schnell und kräftig sein, die Fässer richtig hinstellen und die Schenkkellner bei Laune halten. Auf der Wiesn bedeutet das 16 Tage Schwerstarbeit. Und doch hat diese Plage Suchtpotential. " Man muss schon wiesndamisch sein, um das zu machen", sagte Rudi Past und lachte zufrieden.

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(Foto: Johannes Simon)

Maurermontag Zur Realität auf der Wiesn gehören auch Stänkereien, Schlägereien und Messerstechereien. Und doch passiert inmitten dieser Zusammenballung von Millionen Menschen auf so engem Raum vergleichsweise wenig Schlimmes. Da ging es früher rabiater zu. Der zweite Montag auf der Wiesn trägt den Traditionsnamen Maurermontag. An diesem Tag strömten nämlich die Maurer und Handwerksgesellen in die Zelte. Dass die Maurer auf der Wiesn eine stattliche Größe bildeten, lag daran, dass in den 50er Jahren wegen der Kriegsschäden viel gebaut wurde. Die Baufirmen füllten damals am zweiten Wiesnmontag die Zelte. Der Maurermontag war berüchtigt, da es viele Schlägereien gab. Der 2011 gestorbene Wiesnwirt Willy Heide blickte einmal in einem SZ-Interview mit Schaudern an diese Zeit zurück. "Den Maurermontag haben wir gefürchtet", sagte Heide. Die Maurer haben viel vertragen, aber wenn sie dann das Bier spürten, zettelten sie oft Streithändel an. "Und dann hams gerauft - aber wie", erinnerte sich Heide. Dazu kam, dass es auf der Wiesn noch nicht so viele Ordner gab wie heute. Wenn es brenzlig wurde, waren sie überfordert. Hundertschaften Schutzpolizei mussten einschreiten, bis wieder Ruhe einkehrte. Auch Festwirt Michael Schottenhamel bestätigt, dass es früher mehr Schlägereien gab. "Am Maurermontag hat sich kaum eine Frau auf die Wiesn getraut, weil es da so derb zuging." Heute hat das Sicherheitspersonal die Lage besser im Griff, und so kann der friedliche Gast wohl auch an diesem Maurermontag unversehrt die Freuden der Wiesn genießen.

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(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Buiva Rainer Maria Schießler ist Pfarrer im Münchner Glockenbachviertel und bedient überdies in einem Wiesnzelt die Gäste. Ob er das wegen dem Geld mache, fragte ihn am Samstag ein Radioreporter. Ganz im Gegenteil, antwortete Schießler. "Ich würde nie auf die Wiesn wegen dem Geld nausgehn. Wir Pfarrer ham ausreichend Buiva", sagte Schießler, "wir verdienen gut." Der Pfarrer, der noch Münchnerisch spricht, griff hier auf das schöne Wort Buiva zurück, es zählt zu den vielen Synonymen, die das Bairische für das Wort Geld kennt. Neben Buiva (Pulver) könnte man noch Flins, Gerstl und Diridari nennen. Sicher ist eines: Wenn einer koa Buiva hat, ist er auf der Wiesn arm dran. Dann kann er höchstens Noagerl trinken und bei Pfarrer Schießler seelischen Trost erbitten.

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(Foto: dpa)

Bux Die Wiesn ist eröffnet, der Trachtenwahnsinn nimmt seinen Lauf und damit die Umfunktionierung der bayerischen Tracht in globalisierte Modefetzen. Auch die kurze Lederhose wird von Mode-Designern drangsaliert, aber noch ist sie als solche einigermaßen zu erkennen. Die kurze Lederne war früher die tägliche Strapazierhose für Stadt- und Landbuben. Damals hat die kurze Lederhose noch Bux geheißen, mancherorts auch kurze Wix. "Mei lederne Buxn, de freut mi net wenig", hat der Schriftsteller Georg Queri (1879-1919) geschrieben. Der Dialektologe Ludwig Zehetner leitet die Bux von der Buckhosen (Bückerne) her, einer Hose aus Bocksleder. Wenn die Österreicher sagen "em bäwern die Büxen", dann heißt das: Ihm zittert die Hose, er hat Angst. Ein Büxenkacker ist analog dazu ein ängstlicher Mensch.

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(Foto: Catherina Hess)

schiffen Wir stehen mitten im Herbst, und die Frage, wie und wo all die Flüchtlinge wetterfest untergebracht werden sollen, bedrängt die Verwaltungen und die Politiker. Aktuell sind viele Asylbewerber in Turnhallen untergebracht, was wegen des Schulbeginns allerdings Auswirkungen auf den Sportunterricht haben wird. Die im Lehrplan fest verankerten Leibesübungen könnten auch im Freien absolviert werden, sagt das Kultusministerium, was für Lehrer und Schüler jedoch keine Dauerlösung sein kann. "Was machen wir, wenn es schifft?", merkte neulich eine Funktionärin an. Eine interessante Frage, auch in sprachanalytischer Hinsicht. Das Verbum schiffen klingt etwas derb, wird es doch bisweilen als Synonym für urinieren und bieseln verwendet. Das Wort hängt natürlich mit dem Schiff zusammen, aber in dessen alter Bedeutung Gefäß. Die Studentensprache verstand darunter ein Nachtgeschirr. Die Österreicher sagen zum Pissoir gelegentlich noch Schiffodrom. Schiffen wird aber auch verwendet, um einen heftigen Regen zu beschreiben: "Heut schifft's wieder!" Früher hat das Verb schiffen in der Schule für Heiterkeit gesorgt, vor allem im Religionsunterricht, wenn jene Stelle aus dem Neuen Testament behandelt wurde, in der Jesus mit den Jüngern unterwegs ist. "Und sie kamen an den See Genezareth und schifften ans andere Ufer." Beliebt war auch ein Zitat aus der Apostelgeschichte: "Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir schiffen" (in der Bedeutung 'mit dem Schiff fahren'). Nicht unerwähnt bleiben soll bei diesem Thema ein Limerick aus dem Rottal: Und wenn da Pfarrer vo Neistift ins Nachthaferl neischifft, is sei Köchin verbittert, weil der Herr aso zittert und allweil ned neitrifft! (entnommen dem Buch "Mit der Boggalbahn durchs Rottal, Niederbayerische Gedichte von Robert Bernhard Erbertseder, hrsg. von Hans Göttler, Edition Töpfl).

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(Foto: Alessandra Schellnegger)

Heimweh Zu den Besonderheiten des Bairischen zählt der Diphthong oa, der in der Schriftsprache nicht vorkommt. Viele schriftdeutsche ei werden in Altbayern oa ausgesprochen. Jedoch nicht alle, Wörter wie Fleisch, Geist und Seil behalten das ei, während aus daheim im Bairischen dahoam und aus Heimat Hoamat wird. Das Wort Heimweh wird jedoch nicht verändert. Auch im Dialekt heißt es Heimweh. Nun hat aber die Passauer Neue Presse ihr neues Magazin für Wandern, Wellness und Kulinarik mit dem Titel "Hoamweh" geschmückt. Anders ausgedrückt: Auf der "Dahoam- und Hoamatwelle" mitsurfend, haben die Passauer das Heimweh brachial verbaiert. Zahlreiche Kunstwerke, Lieder und Bücher aus allen Jahrhunderten kreisen um Heimweh, jenes schmerzende Gefühl, fernab der Heimat zu sein. 1651 wurde das Wort erstmals erwähnt, in der Zeit der Romantik erlebte es eine Hochkonjunktur. Es Hoamweh zu nennen, wagte erst die Passauer Presse. Sie hätte besser ein richtiges bairisches Wort genommen, nämlich Zeitlang.

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(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Zeitlang Zeitlang zählt zu den schönsten Wörtern des deutschen Sprachraums überhaupt. Es steckt mehr Poesie in diesem einen Wort als in hundert Schmalzromanen zusammen. Leider geht der Sprachwandel schäbig mit dieser Perle der Liebeslyrik um. Scharen von verliebten Jünglingen haben ihren Angebeteten sehnsuchtsvolle Zeilen geschrieben: "Ich hab' so Zeitlang nach Dir!" Das moderne Deutsch aber hat keinen Sinn für Poesie, es besitzt die Feinfühligkeit einer Planierraupe und klingt im täglichen Fernsehbrei wie das Kreischen einer Schredderanlage. In so einem Umfeld werden Begriffe wie Zeitlang zermalmt. Die grauen Bürokraten der Rechtschreibreform malträtierten Zeitlang schon in den 90er Jahren, als sie das Wort ohne Sinn und Verstand trennten (Zeit lang). Manche Deutschlehrer streichen Zeitlang in Schüleraufsätzen rot an, ein Akt der Bildungsbarbarei.

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(Foto: dpa)

Heimweh, Teil II Die Erörterung der Wörter Heimweh und Zeitlang hat bei vielen Lesern Widerspruch hervorgerufen. Sowohl aus der Münchner als auch aus der Passauer Gegend flatterten lange Briefe auf den Schreibtisch, des Inhalts, natürlich sage man seit jeher Hoamweh. Leser Armin Höfer stellte die Frage, ob bei dem immerhin schon bei Schmeller (II, 824) erwähnten Heimweh die althergebrachte ei-zu-oa-Regel noch wirksam war und somit automatisch zu Hoamweh führte. Er vermutet eher, es habe ein einfacher Analogieausgleich stattgefunden. Im Neuen Bayerischen Wörterbuch ist Zeitlang jedoch viel stärker vertreten als Heimweh. Wörterbuch-Chef Anthony Rowley sagt, Zeitlang sei in den Befragungen der Vorkriegszeit die Standardantwort auf die Frage nach dem Heimweh gewesen. Daneben nannten die Sammler fast genauso oft das Wort Weillang, quasi die Umkehrung von der Langeweile. Allerdings haben Weil- und Zeitlang eine zweite Bedeutung, nämlich schlicht Sehnsucht, weshalb Rowley davon ausgeht, Heimweh werde sich nicht nur durch den Einfluss der Schriftsprache, sondern auch im Sinne der Präzision auf Kosten von Zeitlang ausbreiten.

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Scheps Der Kaufbeurer Landtagsabgeordnete Bernhard Pohl ist nach dem Sommerempfang des Landtags betrunken am Steuer erwischt worden. Von da an ist er massiv unter Druck geraten. Der Alkohol hat schon so manchen Politiker zu Fall gebracht. Ein Wunder ist das nicht, denn die Politik fördert die Anbetung des Alkohols nach Kräften. Bei jeder windigen Bierprobe lobpreisen Amts- und Würdenträger das dargereichte Starkbier, als wäre es himmlisches Manna. Indem sie bierselig die Krüge schwenken, geben sie ein bedenkliches Vorbild. Politiker, die bei diesem Ritual nicht mitmachen, sind die Ausnahme. Mit einem nur mit Wasser gefüllten Masskrug stoße er nicht an, prahlte erst kürzlich wieder ein Kommunalpolitiker im Bayerischen Wald. Dabei läge die gute Lösung so nah. Man könnte problemlos Scheps in die Krüge füllen, wie man es früher tat. Als Scheps bezeichnet man ein naturtrübes Dünnbier mit geringem Alkoholgehalt. Schepsbier wurde zur Erntezeit im offenen Krug aufs Feld gebracht. Während des Kriegs gab es ausschließlich dünnes Schepsbier. Der Autor Hans Niedermayer schreibt in seinen Kindheitserinnerungen, er habe den ersten Kirtarausch erst 1945 bei Kriegsheimkehrern erlebt. So viel Scheps kann man fast nicht trinken, dass man davon einen Rausch bekäme.

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(Foto: Getty Images)

Matschakerl Ausgerechnet eine hanseatische Wochenzeitung, Die Zeit, hat neulich das wunderbare bairische Wort Matschakerl abgedruckt, das die meisten Redakteure und Schreiberlinge im Süden schon gar nicht mehr kennen. Wer ein Matschakerl sehen will, muss nur das Heft 53 der Zeitschrift Simplicissimus aus dem Jahr 1909, Seite 17, aufschlagen (was auch online möglich ist). Dort hat Karl Arnold ein sehr hübsches Matschakerl gezeichnet, das über sich selber sagt: "Im Fasching bin ich a Thermometer: immer wie Quecksilber - zuerst steig ich und nachher fall ich." Auch im Schlierseer Bauerntheater blitzt ein solches Gspusi auf, nämlich in der Pfarrhauskomödie "Die Versuchung des Aloysius Federl". Dort spielt eine Kreszenz Schleipfinger mit, genannt "Chantal", sie wird im Programm angekündigt als "Matschakerl aus München". Ein Matschakerl bildet gleichsam das weibliche Pendant zum männlichen Tschamsterer. Unter diesem Begriff versteht man einen Liebhaber, einen Lover, einen Stenz. Ein Tschamsterer und ein Matschakerl pflegen ein eher gschlampertes Verhältnis, in der Nachkriegszeit sagte man dazu auch Bratkartoffelverhältnis. Wo das Wort Matschakerl genau herkommt, ist bei Sprachgelehrten umstritten. Manchen Theorien zufolge könnte es aus dem Kroatischen stammen, vielleicht auch aus der k.-u.-k.-Militärsprache oder aus dem Wiener Matschakerhof, aber nichts Gewisses weiß man leider nicht. Matschakerl (Nachtrag) In der vergangenen Woche haben wir die Frage nach der Herkunft des Wortes Matschakerl (leichtlebiges Mädchen, Gspusi) offen gelassen. Selbst Sprachgelehrte sind sich nicht einig, ob es aus dem Kroatischen kommt, aus der Militärsprache oder aus dem Wiener Matschakerhof. Stefan Schindele schickte uns dazu folgende Post aus Zagreb. "Für meine kroatischen Kollegen ist ganz klar" schreibt er: "Mačka (gesprochen matschka) heißt soviel wie Mieze und wird im Kroatischen durchaus auch im beschriebenen Zusammenhang benutzt."

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(Foto: N/A)

Glufern In der vergangenen Woche haben wir an dieser Stelle das Wörtlein Sperl vorgestellt, so heißen im Bairischen die Sicherheits- und die Stecknadel. Bei dieser Gelegenheit ist mehreren Lesern ein weiteres Synonym für Sicherheitsnadel eingefallen, die Glufern, nicht zu verwechseln mit Glupperl (Wäscheklammer). Auch Stecknadeln und Büroklammern sind Glufern (mittelhochdeutsch glufe). Der große Sprachforscher Schmeller kannte im frühen 19. Jahrhundert beide Begriffe. "Ein langes Sperl oder Glufen" lesen wir in seinem Wörterbuch sowie "Sperl- oder Klufenfabrik".

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(Foto: Florian Peljak)

Diesch und Fiesch In der BR-Serie "Dahoam is Dahoam" hat der Schauspieler Eisi Gulp neulich zwei Fische zubereitet. Interessant war Gulps Pluralbildung: "In einer Stund' san de Fiesch fertig", sagte er. Es belustigt Besucher aus dem Norden, wenn ihre bayerischen Landsleute ankündigen, dass man jetzt "an Fiesch" oder "etliche Fisch" kaufen werde. Mittlerweile verwenden aber auch bayerische Mundartsprecher lieber die deutsche Pluralform Fische. In einem Wirtshaus in Ampfing studierte kürzlich ein Ehepaar, das bairisch sprach, mit zwei Töchtern die Speisekarte. Da fragte der Vater: "Woits ihr Fische?" Früher hätte er gefragt: "Mögts an Fiesch?" Im Bairischen wird der Vokal vor weich gesprochenem Mitlaut lang gesprochen, vor hart gesprochenem Mitlaut aber kurz. Der Tisch ist deshalb der Diesch, der Fisch der Fiesch. Dialekt-Lehrbücher verlangen freilich im Plural dieser Wörter ein kurzes i und hartes sch: Es heißt also Disch (Tische) und Fisch (Fische). Diese Regel gilt auch beim Kopf - der Singular lautet Koopf, der Plural Kepf. Dass Eisi Gulp und manche andere die Pluralform Fiesch bevorzugen, steht also im Widerspruch zur bairischen Grammatik, klingt aber trotzdem echt. Zuletzt sei angemerkt, dass unser Zitat von neulich ("Griasdi oide Wurschthaut!") laut Hinweis eines Lesers ursprünglich geheißen hat: Griasdi oide Fieschhaut! In der weiblichen Version heißt es eher: Lass di griassn, oide Schiassn!

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(Foto: DAH)

Fotzn Im aktuellen Lieblingswitz unseres Kollegen L. sagt der Bub: "Vadda, i möcht a Geschlechtsumwandlung!" Der Vater erwidert: "A Fotzn konst ham!" Um über diesen Witz gebührend lachen zu können, muss man mindestens wissen, dass der bairische Begriff Fotzn ein Synonym für Watschn und keinesfalls sexuell konnotiert ist. Letzteres ist nur beim ähnlich klingenden, aber vulgären deutschen Wort Fotze für das weibliche Geschlechtsorgan der Fall. Grobiane verwenden Fotze auch als beleidigendes Schimpfwort für Frauen - in Bayern kassiert der Beleidiger für einen solchen verbalen Fehltritt eine Fotzn.

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