Konkurrenzkampf um Schüler Flucht vor dem Gymnasium

Viele Gymnasien auf dem bayerischen Land stehen mittlerweile mit den Realschulen in einem harten Konkurrenzkampf um Schüler.

(Foto: dpa)

Obwohl ihre Noten gut genug sind, wechseln viele Jugendliche auf dem Land nicht auf ein Gymnasium. Besonders betroffen: Mädchen. In manchen bayerischen Regionen hat nun ein harter Konkurrenzkampf um Schüler angefangen.

Von Tina Baier

Überall in Bayern machen sich Eltern von Viertklässlern jetzt Gedanken, auf welche Schule ihr Kind im Herbst gehen soll. Wer im Übertrittszeugnis in den Fächern Mathe, Deutsch und HSU (Heimat- und Sachunterricht) einen Schnitt von 2,33 hat, darf aufs Gymnasium. Familien in und um München überlegen dann in der Regel nur noch, welches der vielen Gymnasien das Beste ist. Auf dem Land dagegen stellen sich immer mehr Eltern eine ganz andere Frage: Muss es wirklich das Gymnasium sein?

Oder ist es nicht besser, das Kind auf die Realschule und anschließend auf die Fachoberschule (FOS) zu schicken, wo es schließlich auch Abitur machen kann?

Viele Gymnasien auf dem Land stehen mittlerweile mit den Realschulen in einem harten Konkurrenzkampf um Schüler. Peter Brendel, Leiter des Gymnasiums im niederbayerischen Pfarrkirchen, kennt Kinder, die nur Einser im Übertrittszeugnis haben und trotzdem auf die Realschule geschickt werden. Besonders betroffen seien Mädchen.

Seine Schule liegt im Landkreis Rottal-Inn, der in ganz Bayern die niedrigste Übertrittsquote aufs Gymnasium hat. "46 Prozent der Viertklässler bekommen von den Grundschulen bescheinigt, dass sie gymnasial geeignet sind", sagt Brendel, "aber nur 29 Prozent schreiben sich am Gymnasium ein." Helmut Dietl, Schulleiter des Veit-Höser-Gymnasiums im niederbayerischen Bogen, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Im Landkreis Straubing-Bogen gehen nur etwa 30 Prozent der Schüler aufs Gymnasium, obwohl 50 Prozent laut Übertrittszeugnis geeignet wären.

Wunsch nach praxisnaher Ausbildung

In Niederbayern waren die Übertrittsquoten schon immer niedriger als in anderen Regionen. Doch viele Schulleiter haben den Eindruck, dass sich das Problem seit der Einführung des G8 verschärft hat. Einer der Hauptgründe ist der im Vergleich zum G9 häufigere Nachmittagsunterricht in Kombination mit den schlechten Transportmöglichkeiten auf dem Land. "Schüler, die um 15 Uhr Unterrichtsschluss haben, müssen bei uns unter Umständen bis 16.45 Uhr auf den Bus warten", sagt Dietl.

Bei Brendel in Pfarrkirchen kommt der Schulbus nachmittags nur ein einziges Mal, und zwar um 16.15 Uhr. Um lange Wartezeiten für die Schüler zu vermeiden, muss er den gesamten Nachmittagsunterricht auf einen einzigen Tag in der Woche legen. Anders geht es nicht, doch viele Kinder kommen an diesem Tag fix und fertig nach Hause - was die Attraktivität des Gymnasiums in den Familien nicht gerade erhöht.

Hinzu kommt der schlechte Ruf des G8, das die Kinder durch die hohen Anforderungen extrem unter Druck setze und der auf dem Land weit verbreitete Wunsch nach einer praxisnahen Ausbildung. Dietl weiß, dass auch viele Jugendgruppen und Sportvereine vom Gymnasium abraten, aus Angst, Mitglieder zu verlieren. In dieser Gemengelage entscheiden sich dann viele Eltern für die Realschule, obwohl ihr Kind ohne Weiteres auch ein Gymnasium besuchen könnte.