Knochenfund im Untersberg "Ich glaube, das ist jetzt keine Gämse"

Schüler finden im Untersberg jahrzehntealte Skelettreste eines Mannes. Er könnte einer der ersten Skifahrer gewesen sein. Die Ermittler haben sogar schon mögliche Hinweise auf die Identität des Toten.

Von Sarah Kanning

Eigentlich hätte der Ausflug in den Untersberg nur eine Übung sein sollen für Schüler der Tübinger Höhlen-AG, angeleitet vom Salzburger Höhlenforscher Georg Zagler. "Ich habe ihnen vorher noch gesagt, dass im Untersberg einige Menschen abgängig sind, und dass man immer Knochen von Tieren findet, dass sie also nicht erschrecken sollen", sagt Zagler, der im Landesverein für Höhlenkunde zu Karstwasser forscht. Doch dann fanden die jungen Forscher ungewöhnlich viele Knochen in 250 Metern Tiefe, als sie sich vor zwei Wochen im Schacht der "Therion Horrer"-Höhle abseilten - auf einem Niveau unweit der Stelle, an der im Sommer der deutsche Höhlenforscher Johann Westhauser schwer verletzt in der Riesending-Schachthöhle festsaß.

"Als wir die Reste von Schuhen entdeckten, sagte ein Schüler: Georg, ich glaube, das ist jetzt keine Gämse", erzählt Zagler. Nachdem die Schüler, die in dem Schacht lernen sollten, wie man Seile anbringt und Steinschläge beseitigt, Schädelteile und einen Oberschenkelknochen entdeckten, wurde klar, dass dort vor Jahrzehnten ein Mensch starb, der vermutlich beim Skifahren in den Schacht gestürzt war.

Wie Manfred Schwaiger von der Alpinpolizei der SZ sagte, könnte es sich um einen Fund handeln, der in die Anfänge des Skifahrens zurückdatiert werden muss. "Von den textilen Sachen ist gar nichts erhalten, aber der Holzski ohne Metallkanten könnte in die erste Generation des Skifahrens überhaupt passen", sagt er. Also in die Zeit kurz nach 1900. Skifahren hat am Untersberg, der teilweise zu Bayern und teilweise zu Österreich gehört, eine lange Tradition: Als es noch keine Lifte oder Tourenski gab, ging man zu Fuß hinauf und fuhr dann wild ab - nicht weit entfernt vom Einstieg zur "Therion Horrer"-Höhle, die auf 1600 Metern auf der österreichischen Seite liegt.

"Jedes Loch ist eine Gefahr"

Anfang der Woche barg Schwaiger gemeinsam mit Georg Zagler, einem weiteren Höhlenforscher und dem bayerischen Höhlen- und Bergretter Stefan Bauhofer, der auch an Westhausers Rettung im Sommer beteiligt war, die Skelettreste. Nun soll die Salzburger Gerichtsmedizin bestimmen, wie alt die Knochen sind. Die Polizei versucht herauszufinden, um wen es sich bei dem Fund handeln könnte. "Das ist eine Herausforderung für die Kriminalisten", sagt Schwaiger. Ein Vermisstendatenbank werde erst seit Mitte der 60er Jahre geführt, noch ist unklar, welcher Nationalität der Skifahrer angehörte.

Doch die Meinung der Polizei, dass ein DNA-Abgleich mit Menschen aus dieser Zeit wohl kaum möglich sei, könnte sich bereits als voreilig herausgestellt haben: Am Donnerstag erhielt Georg Zagler den Anruf einer alten Dame, die sich als Nichte eines Mannes ausgab, der nach dem Zweiten Weltkrieg am Untersberg verschwand. Wäre das eine Spur, wäre der Fund nur etwa 70 Jahre alt - aber es gäbe noch Verwandte. Der Bruder des Vermissten lebt noch. Bis heute verschwinden Menschen am Untersberg unauffindbar, weil sie in Spalten und Schächte stürzen. "Jedes Loch ist eine Gefahr", sagt Zagler.