Dass sie ihre Arbeit verlieren, ihre Familien zerbrechen und im schlimmsten Fall sogar Haftstrafen drohen, all das bekommen Spieler nicht mehr mit. "Die Sucht gaukelt ihnen vor, sie seien Supertypen, die den Automaten austricksen können", umreißt Lehner die Grundstruktur des klassischen Spielsüchtigen. Zwar glaube jeder, er könne sofort mit dem Spielen aufhören - wenn erst der Jackpot geknackt sei. Aber das sei eine Lebenslüge: "Spieler gehen in den Spielsalon, um ihren persönlichen Problemen zu entkommen", sagt Therapeut Schreiber.

Anzeige

30.000 Einwohner, 18 Spielhöllen

Im Extremfall kann die Flucht aus der Wirklichkeit drei Tage und Nächte hintereinander dauern. "Das ist überhaupt kein Problem für einen Spieler", sagt Stocker, "die Betreiber der Spielsalons kennen ihre Leute. Die sperren vorne die Tür zu und lassen dich in einem Nebenraum die Nacht durchzocken." Für Spieler ist die Welt voller Fallen: "Allein in meiner Heimatstadt Kulmbach mit weniger als 30.000 Einwohnern gibt es 18 Spielhöllen", sagt Lehner. Wer am eigenen Computer den Online-Spielen verfällt, muss nicht einmal die Wohnung verlassen.

Die zwölfwöchige Therapie im Römerhaus ist darauf ausgerichtet, den Patienten wieder "echtes Leben" zu vermitteln. Dazu gehört der Umgang mit Geld, vor allem aber die Förderung der Kommunikationsfähigkeit. Wenn alles gut geht, begreifen die Betroffenen nach intensiven Einzel- und Gruppengesprächen, was die Sucht aus ihnen gemacht hat. "Am Automaten hat der Mensch keine Chance.

Träume von Automaten

Am Ende sind wir immer die Verlierer", sagt Pasa Sahin. Der 49-jährige, zierliche Mann denkt dabei nicht nur an all das Geld, das er verjuxt hat. "Als ich ins Römerhaus gekommen bin, sah ich 20 Jahre älter aus als jetzt", erzählt er. In seiner 35-jährigen Spielerkarriere führte er lange Zeit ein Doppelleben: Tagsüber war er ein fleißiger Arbeiter und nachts der verzweifelte Zocker, der sein Glück erzwingen wollte. Anfangs berauschten kleine und größere Gewinne seine Sinne, dann rannte er dem Verlust hinterher, und am Ende spielte er um des Spielens willen - tagelang, nächtelang, die Augen gerötet, das Gesicht eingefallen. Für wahres Glück ließ die Flucht in die Scheinwelt der Automaten jedoch keinen Platz. "Ich habe durch die Sucht nie eine Familie gründen können", sagt Sahin.

Der 28-jährige Mann, der mit Armin Stocker in der Küche arbeitet und den alle Berti rufen, will es so weit nicht kommen lassen. Drei Jahre lang hatte die Freundin seine Wutausbrüche und Lügen ertragen, hatte ausgehalten, dass er Streit provozierte, um wieder einen Grund zum Besuch des Spielsalons zu haben. Dann, im vergangenen November, verließ sie ihn. Da hörte Berti auf zu spielen. Doch er bekam Entzugserscheinungen: "Eine Woche lang habe ich nur noch von Automaten geträumt. Ich war fix und alle, brachte gar nichts mehr auf die Reihe", sagt er.

Balzende Gockel

Für ihn kam die Initiative von Gotthard Lehner genau zum richtigen Zeitpunkt. 49 Jahre lang wurden in der Sulzberger Einrichtung mit ihren 46 Therapieplätzen nur Alkoholiker und Medikamentenabhängige betreut. Erst seit diesem Sommer nimmt das Haus dank Lehner auch Spielsüchtige auf. Derzeit sind es zwölf. Ihre Behandlungskosten, 104 Euro pro Tag, übernimmt die Rentenversicherung. Die Überweisung in die Fachklinik erfolgt in der Regel über eine der 20 Suchtberatungsstellen in Bayern, die von der Landesstelle Glücksspielsucht finanziert werden. "Bisher war es in Bayern ein Riesenproblem, Spielsüchtige stationär zu behandeln", sagt Andreas Czerny, der Geschäftsführer der Landesstelle. Der Zulauf an Spielsüchtigen sei viel höher, als er sich das je erwartet habe.

Armin Stocker ist indes froh, dass im Römerhaus nur Männer unterkommen. "Sobald Frauen anwesend sind, werden Männer zu balzenden Gockeln", sagt er. Und dann sei es mit der Therapie vorbei. Auch so schon gibt es Unwägbarkeiten, die den Behandlungserfolg gefährden können. Stocker ist zum Beispiel folgendes passiert: Ausgerechnet an jenem Tag, an dem er und seine Mitpatienten einen Ausflug machen durften, wurde sein Gehalt überwiesen. "Da überkam mich der Suchtdruck. Meine Augen waren nur noch am Suchen: Wo ist ein Spielsalon?", erinnert er sich. Inzwischen fühlt sich Stocker stark genug für einen Selbstversuch: "Ich möchte in Begleitung eines Therapeuten in die Spielhalle gehen. Ich will wissen, was da in meinem Kopf abgeht."

Klinikleiter Lehner schätzt die Zahl der Glücksspielsüchtigen in Bayern auf 44.000. Zu 95 Prozent seien Männer betroffen, quer durch alle Schichten und Altersgruppen. Lehner geht von einer hohen Dunkelziffer aus: "Ein pathologischer Spieler", so sagt er, "fällt erst dann wirklich auf, wenn er kein Geld mehr hat." Und bis dahin kann viel Unheil geschehen: In einer Studie von Gerhard Meyer, Professor an der Universität Bremen, gaben 30,6 Prozent der befragten Spieler an, ihre Partnerschaft sei an der Sucht zerbrochen. 23,2 Prozent verloren ihren Job, 67,7 Prozent sprachen von Suizidgedanken. Schreiber sind noch immer die Worte des Kraftfahrers im Ohr, der das Mautgeld verspielt hatte: "Manchmal habe ich mir gedacht, ich fahre jetzt mit dem Lkw gegen den nächsten Brückenpfeiler."

Und was kommt nach der Therapie? Pasa Sahin hat Angst vor dem ersten Tag draußen. "Selbst wenn wir therapiert die Klinik verlassen, die Sucht kann immer noch zuschlagen", sagt er. "Es gibt keine Sicherheit. Die Sucht ist wie ein Wolf."

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Das Leben verzockt
  2. Sie lesen jetzt Träume von Automaten
Leser empfehlen 

(SZ vom 31.10.2009/woja)