Von Dietrich Mittler

Ihre Familien zerbrechen, sie verlieren den Job. Doch sie halten sich für "Supertypen". Eine Klinik hilft Spielsüchtigen, den Weg aus dieser Hölle in die Realität zu finden.

Armin Stocker hat viele Tage und Nächte seines Lebens in der Hölle verbracht. In der Spielhölle. In einem Wirrwarr aus Gedudel und blinkendem Licht, getrieben vom Gedanken an das große Glück. Mit einem einzigen Automaten gab er sich nicht zufrieden, manchmal zockte er an fünf Maschinen gleichzeitig.

Spielsucht, ddp

Einen Euro in den Schlitz - und los geht es: Wenn vor den Augen die bunten Bilder vorbeirasen, vergessen Spieler schnell alle Sorgen. (© Foto: ddp)

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Wenn vor seinen Augen die bunten Bilder vorbeirasten und ihm die stampfenden Rhythmen aus den Lautsprechern den Puls nach oben trieben, vergaß er alles: seine Sorgen, seinen Hunger, seinen Durst und seine zwei Kinder. "Für Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenke hatte ich kein Geld mehr", sagt er. "Ich habe alles verzockt."

Stocker, 46, ist spielsüchtig. Als er nicht mehr weiterwusste, suchte er im Internet fieberhaft nach Hilfe. So stieß er auf das "Römerhaus" im Allgäu, Bayerns erste Fachklinik mit einem stationären Therapieangebot für krankhafte Spieler.

Dort steht er jetzt im weißen Kochkittel an der Essenausgabe, der Küchendienst ist Teil seiner Arbeitstherapie. "Ich weiß schon lange, dass ich spielsüchtig bin", sagt Stocker. Vor vier Jahren hatte er erstmals den Ausstieg versucht - mit Hilfe einer ambulanten Therapie. "Der Therapeut hatte von Spielsucht keine Ahnung. Ich bin quasi aus seiner Praxis rausgegangen und in den nächsten Spielsalon rein."

Diakon Gotthard Lehner, der Klinikleiter, erkennt krankhafte Spieler sofort. Im Gegensatz zu Alkoholikern oder Medikamentenabhängigen, die oft apathisch wirken, sind sie hellwach, agil, neugierig. "Sie wollen wissen, was wir ihnen in der Therapie alles bieten können. Sie fordern uns", sagt er.

Zu Beginn ihres Klinikaufenthalts seien Spielsüchtige noch auf der Hast nach neuen, aufpeitschenden Erlebnissen - ganz wie sie es aus dem Spielsalon gewohnt sind. "Ich wollte den permanenten Kick, den nie endenden Rauschzustand", erinnert sich Stocker an die Tage und Nächte in der Spielhölle. Dieser Rausch, dieser Höhenflug der Gedanken, hat ihn ganz nach unten geführt, an die Abgründe seiner selbst.

Wolf-Michael Schreiber, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, ergründet im Römerhaus gemeinsam mit den Patienten die Ursachen ihrer Sucht - und versucht, sie herauszuführen aus der Hölle, soweit das irgend geht. "Manche verpfänden ihr Erbe im voraus, manche klauen dem Bruder die Kreditkarte oder erpressen Freunde, um an Geld zu kommen", sagt er. Gerade eben hat er mit einem Spieler gesprochen, der eine halbe Million Euro Schulden hat. Klinikleiter Lehner erinnert sich auch noch gut an den Lkw-Fahrer, der an Raststätten das Geld verspielte, das ihm sein Chef zum Zahlen der Maut anvertraut hatte. Am Telefon musste er dem Chef schließlich mitteilen, er habe kein Geld mehr zum Weiterfahren.

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