Katholikentag in Regensburg Wer über Sex reden will, riskiert Ärger

Ministranten in Regencapes nehmen an der Christi-Himmelfahrt-Messe beim Katholikentag in Regensburg teil.

(Foto: dpa)

Sie wollen kein Mitleid, sondern Anerkennung: Beim Katholikentag in Regensburg setzen sich homosexuelle Gläubige für ihre Rechte ein. Doch mit der Forderung, sich aus den Schlafzimmern herauszuhalten, hat die Katholische Kirche immer noch ein Problem.

Von Matthias Drobinski und Jakob Wetzel

Zu Beginn seien sie noch ein verschwörerischer Haufen gewesen, sagt Nils Rusche. Schwule, Lesben, Bisexuelle - darf es so etwas überhaupt geben in der katholischen Jugend? Der 30-Jährige koordiniert das Netzwerk "KJGay" in der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG).

Vor 13 Jahren hätten sie ihre Mitgliedschaft so geheim halten müssen wie ihre Lebensgefährten - vor allem, wenn sie Mitarbeiter der Kirche waren. Sie hätten sonst womöglich ihren Arbeitsplatz verloren. Die Kirche habe ihm aber auch viel Kraft gegeben, sagt Rusche: Durch die "KJGay" habe er den Mut gefunden, sich als bisexuell zu outen. "Das sind eben die Widersprüche der Kirche: Hier wird man mit Liebe aufgenommen, dort rennt man gegen Wände."

Die katholische Kirche und der Sex. Das Thema schien erledigt zu sein: Hier die Institution mit ihren Verboten - kein Sex vor der Ehe, keine künstlichen Verhütungsmittel, praktizierte Homosexualität ist Sünde. Dort das Leben der Katholiken, und dazwischen ein tiefer Graben, der Graben des Unverständnisses, der gegenseitigen Vorwürfe und auch des autoritären Machtanspruchs. Kirchengruppen, die diesen Graben überspringen und offen über Sexualität reden wollten, riskierten vor allem erst einmal Ärger.

Jetzt aber ist das Thema wieder da. Papst Franziskus hat die Bischöfe für den Oktober in den Vatikan zur Synode geladen, sie sollen über Ehe und Familie reden und damit eben auch über Sex. Er hat den Bischöfen aufgegeben, auch die Haltungen und Meinungen der Katholiken zu erforschen, und zehntausendfach haben sich die Katholiken beteiligt. Tiefe und Breite des Grabens sind seitdem gewissermaßen amtlich beglaubigt. Und das Thema ist von den Krusten befreit.

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"Wir wissen ja, wo die Unterschiede zwischen den Jugendlichen und der Kirche liegen", sagt Eva-Maria Düring, die geistliche Bundesleiterin der KJG. Klar: Verhütung, außerehelicher Sex, Homosexualität. "Vielleicht aber gelingt es ja auch, Gemeinsamkeiten zu finden."

Drei von vier Jugendlichen wünschen sich eine Partnerschaft in Verlässlichkeit und Treue, der Anteil derjenigen, die sich Kinder wünschen, steigt. "Junge Menschen in ihrer Individualität haben auch ein hohes Werteverständnis", sagt Eva Maria Düring. Die Kirche müsse sie unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden. Dabei fasse sie das Thema immer noch mit Handschuhen an.

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Schade, dass die katholische Kirche da Chancen versemmelt wie ein Mittelstürmer in der Krise, finden die jungen Erwachsenen im Zentrum Jugend - aber sie leiden nicht mehr unter den Verboten, sie halten sich einfach nicht dran. Bei den Älteren ist das anders. In der evangelischen Dreieinigkeitskirche, wo der "Katholikentag plus" der verschiedenen Kirchenreformgruppen zur Debatte über "Partnerschaft, Sexualmoral und die Kirchen" geladen hat, trifft sich eine Trauer- und Leidensgemeinschaft. Die 70 Zuhörer sind selten unter 50 und häufig über 70 Jahre alt, viele haben den Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils vor gut 50 Jahren selber miterlebt.

Der Wiener Theologe Alexander Gaderer beschreibt noch einmal diese Wende: Bis zum Ende der 50er Jahre hätten Lust und Sexualität als Sünde gegolten, die nur dadurch zu rechtfertigen sei, dass es anders keine Kinder gebe; erst dann sei die Beziehung der Partner in den Mittelpunkt gerückt, ihre Liebe und Treue, ihr Wunsch nach Kindern. Schritt um Schritt allerdings sei dann die Öffnung rückgängig gemacht werden, durch die Pillen-Enzyklika von Papst Paul VI. 1968 und durch die restriktive Kirchenpolitik von Papst Johannes Paul II.