Judengasse 10 Ein National Trust für Bayern

Nach britischem Vorbild will eine neue Initiative bedrohte Denkmäler retten. Ein mittelalterliches Haus in Rothenburg ob der Tauber ist das erste Projekt

Das Gebäude Judengasse 10 in Rothenburg ob der Tauber ist das erste bedeutende Objekt, das die neu ins Leben gerufene Initiative Kulturerbe Bayern unter ihre Fittiche nehmen wird. Das 1409 erbaute Haus gilt als Paradebeispiel eines spätmittelalterlichen Wohnhauses mit einzigartiger historischer Ausstattung. Das Gebäude wurde unter 30 Vorschlägen ausgewählt. Die Initiatoren von Kulturerbe Bayern verfolgen das ambitionierte Ziel, in Bayern auf Dauer eine ähnlich schlagkräftige Einrichtung zu etablieren, wie es der National Trust in England ist. Der Verein will bedrohte Gebäude und Landschaften von historischem Wert oder von besonderer Schönheit dauerhaft bewahren, gerade in den jetzigen Zeiten, die von immensen Denkmal-Verlusten geprägt ist. Vor allem geht es um die Rettung jenes Kulturerbes, für das sich kein Investor finden lässt oder für dessen Erhalt kein Geld und Interesse vorhanden sind.

Nach Aussage des Vorsitzenden Johannes Haslauer will sich Kulturerbe Bayern zunächst um das gebaute Erbe kümmern. Das große Vorbild, der besagte National Trust in Großbritannien, ist die größte Kultur- und Naturschutzstiftung Europas mit mehr als vier Millionen Mitgliedern und einer Phalanx von Helfern, Spendern und Stiftern. Diese Einrichtung ist schon 120 Jahre alt. "Der National Trust hat uns natürlich vieles voraus, was auch wir gerne erreichen wollen", sagt Haslauer. Die Zielrichtung von Kulturerbe Bayern ist deshalb unstrittig: Gerade solche Gebäude sollen gerettet werden, die entweder verfallen oder abgebrochen werden sollen.

Inspektion im Mittelalter-Haus: Mitglieder von Kulturerbe Bayern und des Vereins Alt-Rothenburg.

(Foto: Willi Pfitzinger)

Um dies zu schaffen, soll zunächst eine Stiftung gegründet werden. Besonders gefährdete Gebäude sollen ins Eigentum der Stiftung übergehen und dann durch die Hilfe von ehrenamtlichen Mitstreitern und durch Spenden dauerhaft saniert, erhalten und mit einer neuen Nutzung belebt werden. Der 2015 gegründete Verein Kulturerbe Bayern versucht als "bayerischer National Trust" Mitglieder, Volunteers, Spender und Stifter für dieses Projekt zu gewinnen. Das besagte Gebäude in der Rothenburger Judengasse wurde bisher von dem örtlichen Verein Alt-Rothenburg betreut, der künftig mit Kulturerbe Bayern eng zusammenarbeiten will. Die vor kurzem unterzeichnete Absichtserklärung sieht den Kauf und die denkmalgerechte Instandsetzung unter der Obhut von Kulturerbe Bayern vor. Im Übrigen weisen die Initiatoren darauf hin, dass von jetzt an jeder, dem die Instandsetzung dieses Denkmals am Herzen liegt, spenden kann (www.kulturerbebayern.de/spenden). Im Idealfall ist eine Mischnutzung aus öffentlichen Räumen und Wohnen geplant. Laut dem Verein Alt-Rothenburg soll die dazugehörige spätmittelalterliche Mikwe der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, eine kleine Ausstellung eingerichtet und beides langfristig betreut werden. Zudem soll auch das Nachbarhaus Judengasse 12 denkmalgerecht restauriert werden.

Die Judengasse in Rothenburg ist die einzige nahezu vollständig erhaltene Judengasse im deutschsprachigen Raum und besitzt deshalb eine überregionale Bedeutung. Der Name ist etwas irreführend, in der Judengasse lebten im Mittelalter durchaus Christen und Juden zusammen. Das Gebäude mit der heutigen Hausnummer 10 wurde laut den chronologischen Untersuchungen gemeinsam mit dem Haus Nummer 12 um 1409 erbaut und hat sich in seiner ursprünglichen Form erhalten, wobei es nun höchst rettungsbedürftig ist. Die Bedeutung des Hauses wurde erst 1985 erkannt. Seit dieser Zeit stirbt es langsam vor sich hin, seine Sanierung ist aber noch möglich.

Ein Fall für Kulturerbe Bayern: Das 1409 errichtete Gebäude in der Rothenburger Judengasse.

(Foto: Verein Alt-Rothenburg)

Die Instandsetzung soll 2019 beginnen. Am Beispiel dieses mittelalterlichen Wohnhauses will Kulturerbe Bayern nun prototypisch zeigen, wie man mit Hilfe von Volunteers und Ehrenamtlichen, Stiftern und Spendern bedrohte Baudenkmäler sanieren, pflegen und einer sinnvollen Nutzung zuführen kann. Das Gebäude Judengasse 10 ist deshalb ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Gründung eines "bayerischen National Trusts", sagt Haslauer. Der soll noch im laufenden Jahr durch die Errichtung der Stiftung Kulturerbe Bayern vervollständigt werden. Gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern will die Initiative Kulturerbe Bayern damit ein besonderes Geschenk zum 100. Geburtstag des Freistaats organisieren.