Jahrestag eines Verbrechens Das Drama von Dorfen

Spurensicherung: Das durchschossene Fenster der Polizeiinspektion Dorfen zeugte von der Wahnsinnstat, die drei Polizisten das Leben kostete.

(Foto: oh)

Vor 30 Jahren tötete ein Waffennarr drei Polizeibeamte in deren Inspektion. Die Tat löste allgemeines Entsetzen aus - und große Besorgnis, weil sie Ausländerhass schürte. Ein Rechtsradikaler inszenierte aus Rache eine Geiselnahme

Von Hans Kratzer, Dorfen

Vor 30 Jahren, am 4. März 1988, hat die kleine Stadt Dorfen (Landkreis Erding) bundesweit traurige Berühmtheit erlangt. An jenem Freitag erschoss der Amokläufer Slobodan Stefanovic in der dortigen Polizeiinspektion drei Polizeibeamte, einen vierten verletzte er schwer. Nach dieser Wahnsinnstat lieferte sich der Täter vor dem Gebäude ein Feuergefecht mit herbeigeeilten Polizisten, dabei erlitt er mehrere Kopfschüsse. Einige Tage später erlag er seinen Verletzungen. Der 37-jährige Täter, der aus Jugoslawien stammte, hatte 15 Jahre unauffällig in Dorfen gelebt. In seinem Schützenverein galt er als ruhiger Mensch. Allerdings litt er seit längerer Zeit an Wahnvorstellungen.

Als er im Oktober 1987 im Landratsamt Erding einen Waffenschein beantragte, machte er einen verwirrten Eindruck. Er gab an, sich von der Polizei und von Hubschraubern verfolgt zu fühlen. Nach einer amtsärztlichen Untersuchung ordnete das Landratsamt an, die Waffenbesitzkarte und die Waffen des 37-Jährigen einzuziehen. Am 4. März 1988 durchsuchten Beamte der Polizeiinspektion Dorfen dessen Haus und stellten Schusswaffen und einen Haufen Munition sicher. Der Mann leistete keinen Widerstand, allerdings fuhr er den Beamten in die Polizeiinspektion nach. Als diese die im Wachlokal ausgebreiteten Waffen registrierten, trat Stefanovic hinzu. "Gebt mir meine Waffen zurück!", rief er. Dann griff er sich einen Colt und einen Revolver und begann zu schießen. Analysen ergaben, dass Stefanovic in der Polizeiinspektion 45 Schüsse abgegeben hat.

Drei Beamte wurden tödlich getroffen, einer wurde schwer verwundet. Es gelang den Polizisten aber noch, einen Notruf abzusetzen. Am 9. März fand in der Turnhalle der Dorfener Schule die Trauerfeier für die ermordeten Polizisten statt. 700 Polizeibeamte erwiesen ihren Kollegen die letzte Ehre. Für das bayerische Kabinett sprach Innenminister August Lang. Er warnte davor, sich nun wut- und hasserfüllt gegen ausländische Mitbürger zu wenden. Nach der Tat wurden in Dorfen einige ausländische Mitbürger auf offener Straße als "Mörderschweine" beschimpft. Die beiden Bürgermeister riefen die Bürger auf, Ruhe und Vernunft zu bewahren. Sie erhielten anonyme Morddrohungen. Die Stadt Dorfen kam auch in den folgenden Wochen nicht zur Ruhe. Am 5. April 1988 überfiel ein 20-Jähriger die Kreis- und Stadtsparkasse und nahm Geiseln, die er mit einem Gasrevolver bedrohte. Er gab an, die Dorfener Polizistenmorde "rächen" zu wollen. Erst nach langen Verhandlungen ließ er sich widerstandslos festnehmen.

Aus Anlass des 30. Jahrestags der Polizistenmorde findet an diesem Freitag im Stadtsaal in Mühldorf (19 Uhr, Schützenstr. 1) ein Benefizkonzert des Bayerischen Polizeiorchesters statt. Die Leitung übernimmt der "Generalmusikdirektor der Bayerischen Polizei", Johann Mösenbichler. Der Erlös des Konzertes kommt der Bayerischen Polizei-Stiftung zugute. Sie unterstützt Polizeibeamte und deren Familien, die im Dienst zu Schaden gekommen sind.

Die Schirmherrschaft hat Innenminister Joachim Herrmann (CSU) übernommen, der anlässlich des Konzerts ein Grußwort sprechen wird. Am Dienstag, 6. März, findet außerdem ein Gedenkgottesdienst der Bayerischen Polizei in der Pfarrkirche Maria Dorfen statt (Beginn 17 Uhr).

Der in der Nähe von Dorfen aufgewachsene Autor Leonhard F. Seidl hat das Dorfener Drama von 1988 in seinem neuen Roman "Fronten" verarbeitet (erschienen bei Nautilus). Seidl hat sich intensiv mit dem Amoklauf des geistig verwirrten Täters auseinandergesetzt. Auch die einen Monat später erfolgte Geiselnahme des jungen Rechtsradikalen in der Dorfener Sparkasse hat er nachrecherchiert und in die Handlung eingebaut, die allerdings in der nicht weniger wahnwitzigen Gegenwart spielt. Herausgekommen ist ein politisch hochaktueller Kriminalroman über Rassismus und Fanatismus in einer angsterfüllten Gesellschaft und über den Mut, sich diesem Unheil entgegenzustellen. Die nächsten Lesungen Seidls aus dem Roman: Stadtbücherei Dachau, Freitag, 16. März, 20 Uhr. Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg, Dienstag, 20. März, 19.30 Uhr.