Inzestfall in Mittelfranken Das Dorf, das alles wusste

Es war das Gesprächsthema des Ortes, die Leute machten Witze darüber: Aber niemand half der Frau, die von ihrem Vater missbraucht worden sein soll. In dem jahrelangen Inszest-Fall in einem Dorf in Mittelfranken schwiegen sowohl Opfer als auch Nachbarn.

Von Katja Auer und Olaf Przybilla

Im Festzelt auf der Kirchweih hatten die Burschen längst Spottverse angestimmt über die Söhne des Dorfes, die so auffällig ihrem Großvater ähnlich sahen. Man muss Jürgen Mönius, den Bürgermeister der Gemeinde Gerhardshofen, auf diesen Spott nicht eigens ansprechen. Er kommt von selbst darauf zu sprechen.

Da wird auf dem Volksfest ein möglicher Inzest zum Thema, da werden drei behinderte Kinder zur Kerwa-Belustigung - und 34 Jahre lang geht keiner der Sache nach? Der Bürgermeister findet das nicht so ungewöhnlich. Immerhin, sagt er, seien diese Gerüchte schon seit "vielen Jahren" kursiert. Andererseits habe es da durchaus einen konkreten Anlass gegeben, der nahe legte, dass es sich eben nicht nur um wilde Gerüchte handelte, sagt Mönius. Dazu später.

34 Jahre lang soll ein 69 Jahre alter Mann aus dem Gerhardshofener Ortsteil Willmersbach im fränkischen Landkreis Neustadt an der Aisch seine Tochter missbraucht und mit ihr drei behinderte Söhne gezeugt haben. Ein viertes Kind soll sie von ihrem Onkel haben, dem Bruder ihres Vaters. Das sagte dessen Anwalt Karl Herzog der SZ. Außerdem betonte er, dass der Geschlechtsverkehr der Tochter mit dem Vater nach Angaben seines Mandaten einvernehmlich geschehen sei.

Bei vergleichbaren Fällen stellte sich die Frage, wie so etwas über Jahrzehnte unbemerkt bleiben kann - zumal in Dörfern, in denen jeder den anderen kennt. In Willmersbach, einem ländlich schönen Weiler 40 Kilometer westlich von Fürth, liegt der Fall anders. Da scheint der mögliche Inzest über Jahre Dorfgespräch gewesen zu sein. Das berichtet nicht nur der Bürgermeister, das bekommt man überall zu hören. "Jeder hat darüber geredet", sagt ein Dorfbewohner. "Und jeder hat seine Witze gemacht", bestätigt die Frau, die neben ihm steht. Das Ganze sei seit "zehn oder 15 Jahren immer wieder Thema im Ort" gewesen, sagt der Bürgermeister, "nur Beweise hat natürlich niemand gehabt."

Wirklich? Angesprochen auf das, was die Willmersbacher erzählen, bestätigt Bürgermeister Mönius, dass es einen ganz konkreten Hinweis auf einen Inzest gegeben haben soll. Da waren nicht nur die Söhne, die ihrem Großvater - wie sie im Dorf erzählen - "wie aus dem Gesicht geschnitten waren". Da war nicht nur das offenkundige Fehlen eines Kindsvaters. Da war nicht nur die Tatsache, dass die drei Söhne behindert geboren und zwei von ihnen in jungen Jahren gestorben sind.