Intrigen in Neuschwanstein Miserable Stimmung im Märchenschloss

Hinter der romantischen Fassade von Schloss Neuschwanstein herrscht schlechte Stimmung: Die zwei wichtigsten Manager sind seit Monaten krank und die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen drei Mitarbeiter. Nun beginnt der alljährliche Ansturm der Touristen auf das Schloss.

Von Stefan Mayr, Schwangau

Das Schloss Neuschwanstein ist das mit Abstand bekannteste und wichtigste Monument Bayerns, pro Jahr zieht der Touristenmagnet 1,4 Millionen Menschen an. Das zuständige Finanzministerium streicht jährlich eine zweistellige Millionensumme ein, dennoch regiert hinter der Fassade des Königsschlosses nach wie vor die blanke Not: Seit fünf Monaten befinden sich nun schon Amtsleiter Hubert Nikol sowie Kastellan Markus Richter im Krankenstand.

Bevor an Ostern der Ansturm beginnt, ist völlig offen, ob und wann sie ihre Arbeit wieder aufnehmen. Auch sonst herrscht in dem Prachtbau aus dem 19. Jahrhundert große Unruhe. Die Staatsanwaltschaft Kempten ermittelt gegen drei Mitarbeiter wegen des Vorwurfs des Diebstahls und der Falschabrechnung von Führungen. Wann das Verfahren abgeschlossen ist, weiß kein Mensch. Doch Besserung sei in Sicht, das beteuert jedenfalls Finanz-Staatssekretär Franz Pschierer.

Im Sommer 2012 hatte die Süddeutsche Zeitung erstmals über die miserable Stimmung zwischen Chefetage und Personal berichtet, im September tauchten anonyme Briefe mit strafrechtlich relevanten Vorwürfen auf. Seitdem sind die zwei wichtigsten Führungskräfte des Schlosses krankgemeldet, sie werden im Wechsel vertreten von Sigrid Stache (Leiterin von Schloss Linderhof) und Josef Streun (Chef der Münchner Residenz).

Da beide aber in ihren Stammbüros genug zu tun haben, darf die Pendelei an den Rand der Allgäuer Alpen getrost als widrige Zusatzbelastung bezeichnet werden. "Diese Doppellösung ist natürlich kein Dauerzustand", räumt auch Staatssekretär Pschierer ein: "Ein Haus dieser Bedeutung kann nicht kommissarisch geleitet werden." Wird es aber seit September.

Pschierer kündigt deshalb an, dass noch im Februar eine zusätzliche Führungskraft dauerhaft ihre Arbeit in Neuschwanstein aufnehmen wird. Es handele sich dabei um eine "personelle Verstärkung des Vorstandes im Innendienst", sie solle sich vor allem um Personalführung kümmern. Hier gab es seit der Amtsübernahme durch Hubert Nikol im Jahr 2010 enorme Probleme. Diese sollen nun gelöst werden, wie Pschierer bestätigt: "Hauptaufgabe ist es, Motivation und Ruhe in die Mannschaft zu bekommen." Die neue Kraft ist aber kein neuer Chef, wie Pschierer betont, diese Planstelle habe nach wie vor Hubert Nikol inne.

Aber wie lange noch? Dass Nikol nach Neuschwanstein zurückkehren wird, gilt als ausgeschlossen, seitdem eine Mediation zwischen ihm und dem Personalrat abgebrochen wurde. "Das war nicht von Erfolg gekrönt", umschreibt Pschierer die verfahrene Situation mit größtmöglicher Diplomatie. Ob und wann Nikol wieder gesund wird, kann Pschierer nicht sagen. Nikol wird wohl woanders unterkommen, seine Stelle wird neu ausgeschrieben.

Wann dies der Fall sein wird, ist allerdings völlig offen. Franz Pschierer äußert sich zu dieser Personalie nicht. Er betont nur, dass die Staatsanwaltschaft nicht gegen Nikol ermittele, sondern gegen andere Mitarbeiter. Auch das disziplinarrechtliche Verfahren des Landesamtes für Steuern richte sich nicht gegen Nikol. Wie aus Kreisen der Finanzverwaltung verlautet, soll es auf Neuschwanstein bereits vor der Ära Nikol Unregelmäßigen gegeben haben. Um diese aufzuklären, wurde eine interne Revision initiiert. Auch diese ist noch nicht abgeschlossen.

Wer unter den 30 Schloss-Angestellten nach dem Betriebsklima fragt, bekommt Begriffe wie "Beruhigung" und "Aufatmen" zu hören. Seitdem die zwei bisherigen Manager im Krankenstand sind und die zwei Vertreter das Sagen haben, sei die Stimmung angenehmer, heißt es. Doch zur endgültigen Entspannung fehlt es noch weit; so will sich die Personalratsvorsitzende Birgit Schöllhorn "in keinster Weise" zu all den Vorgängen äußern - offenbar aus Angst um ihren Arbeitsplatz.

Staatssekretär Pschierer seinerseits sieht dem Start der Hauptsaison trotz all der offenen Fragen optimistisch entgegen: "Das Jahr 2013 beginnt für Neuschwanstein besser, als 2012 geendet hat." Derzeit wird noch die Fassade des Schlosses restauriert. Diese Baustelle, so viel kann man jetzt schon sagen, wird früher fertig sein als jene innerhalb der Schlossmauern.